Ächz. Ein Geräusch irgendwo zwischen Seufzer und Grunzen. Es ist in unserem Büro in letzter Zeit viel zu oft zu hören, sobald wieder ein blitzneues Performance-SUV seine Hülle verliert. Oder draussen, direkt aus dem Mund eines Fotografen, wenn sich bedrohliche Wolken über uns zusammenschieben …
Eigentlich müssten uns die wichtigsten Zutaten dieser schnellen Allradler doch wie gerufen kommen. Während klassische Sportlimousinen immer häufiger auf herunterskalierte, überforderte und am Ende doch wenig befriedigende Vierzylinder-Turbos zurechtgestutzt werden, gibt es hier noch eine Nische, in der der grosse V8 nicht nur überlebt, sondern in bester Verfassung ist. Nur: Er muss auch ordentlich Masse durch die Gegend wuchten.
- Text: Stephen Dobie // Fotos: Greg Pajo
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Jaguar F-Pace SVR: der V8 lebt
Zu den Neuheiten des Jahres 2019 gehört dieses Exemplar: der Jaguar F-Pace SVR. Ja, der mächtige V8 ist an Bord. Jags bewährter 5,0-Liter – gemäss Gerüchten bald abgelöst – wird hier per Kompressor statt per Turbo aufgeladen. Das bringt jene angenehm lineare Beschleunigung, über die wir langweiligen Autojournalisten so gern dozieren. In der Project-8-Limousine kann dieser Motor fast 600 bhp, im SVR fällt er etwas weniger heftig aus – aber 542 bhp reichen immer noch für 0–60 mph in knapp über vier Sekunden. Völlig sinnlos, nur sind viele der unterhaltsamsten Dinge im Leben genau das.
Angekündigt wird nicht nur die übliche Mischung aus Alltagskomfort und völlig irrer Durchschlagskraft, auf die sich diese Fahrzeugkategorie spezialisiert hat. Der Wagen kommt ausserdem mit Verspätung – wegen eines „kritischen Problems in der Teileversorgung“. Er zieht also mit einem Jahr alten Waffen in den Kampf.
Mitleid gibt es dafür keines. Deshalb nehmen wir ihn mit auf die Route Napoléon: eine rund 200 Meilen (etwa 322 Kilometer) lange Strecke, historisch aufgeladen (ja, nach diesem Napoleon benannt) und praktisch auf jeder Internetliste der besten Fahrstrassen Europas zu finden. Wobei Monsieur Bonaparte Anfang des 19. Jahrhunderts vermutlich nicht wegen einer launigen Suchanfrage die Kurven zwischen Grasse und Grenoble unter die Räder genommen hat.
Diese Route ist für jedes Auto eine harte Prüfung – erst recht für eines mit zwei Tonnen und einem Schwerpunkt, der an einen Turm aus Ferrero Rocher in einer Menschenmenge erinnert. Jaguar beteuert allerdings, man habe die Arbeit gemacht, und das auf Basis eines F-Pace, der als SUV ohnehin schon überraschend viel Spass bereiten kann.
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Auf der Route Napoléon: Komfort zuerst
„Für ein SUV“ – diese Einschränkung rutscht mir inzwischen ständig raus. Selbst die richtig guten – ein Stelvio Quadrifoglio oder ein Cayenne Turbo – sind spürbar nicht so gut, wie es eine tiefer bauende Limousine mit denselben öligen Innereien wäre. Letzterer wirkt zum Beispiel erst dann wirklich zum Lachen aufgelegt, wenn man im Konfigurator die teure Allradlenkung und Keramikbremsen ankreuzt.
Der F-Pace SVR hat keines von beidem. Stattdessen bringt er steifere Fahrwerkskomponenten als der Standard-F-Pace, einen Allradantrieb, der stark die Hinterachse bevorzugt, sowie eine aktive Abgasanlage, die den Lärmpegel laufend variiert – und nicht bloss per Klappe stumpf an oder aus kennt. Ein sportliches SUV für Leute mit Manieren.
Genau so gibt er sich auf dem Weg raus aus Grasse. Wir sind sehr früh los, um vor den düsteren Wetterwarnungen davonzukommen, und Greg sitzt neben mir, die Kamera fest umklammert. Also bleiben die ersten ein, zwei Stunden geschmeidig und entspannt. Eine Haltung, die dem SVR erstaunlich leicht fällt.
„Was bringt ein SUV, wenn es nicht bequem ist?“, sagt mir der für die Fahrdynamik zuständige Ross Restell. „Die Leute gehen mit solchen Autos nicht ständig auf Rennstreckentage, also gibt es keinen Grund, warum es sich im normalen Betrieb unangenehm fahren sollte.“
Und genau da liegt der Haken: Er fährt so nett, dass ich mich zunächst frage, warum man ihn überhaupt kaufen sollte – statt einen rund 20.000 günstigen F-Pace mit V6. Wenn man flott fährt, aber nicht brutal, zeigt der SVR etwas Wanken, schiebt vorne spürbar über die Vorderräder und wirkt insgesamt wie ein Auto, das möchte, dass man sich in seinen stützenden, dünn gepolsterten Sitz setzt und einfach Kilometer frisst. Ein V8, der anderswo lautstark randaliert, bleibt hier drin fast still. Gewicht und Wucht sind präsent – und das Ganze fühlt sich am Morgen ein bisschen wie eine verpasste Chance an.
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Wetterumschwung und Dynamic-Modus: Jaguar F-Pace SVR am Limit
In Castellane angekommen – einem hübschen Dorf, über dem Notre Dame du Roc mit 184 Metern Höhe wie eine Überwachungskamera aus dem 19. Jahrhundert thront – wird die Route Napoléon erst richtig fotogen. Jedenfalls wäre sie das, wenn nicht eine tiefschwarze Wolke ins Bild schieben würde wie das Mutterschiff in Independence Day. Sie frisst das Licht – und damit genau die Landschaft, die ich Greg versprochen hatte – in alarmierendem Tempo. Also: Kamera raus, so viel Material wie möglich, bevor die Regenapokalypse losgeht.
Das sorgt für zwei entscheidende Wendepunkte. Erstens sitze ich reichlich lang im Auto und kann mich durch die Fahrprogramme klicken, um jene „echte Charakterveränderung in Dynamic“ zu aktivieren, die Ross angekündigt hat. Zweitens – und wohl noch wichtiger – kommt vor lauter Wasser, das aus dem Himmel fällt, erst einmal gar keine Gelegenheit, das tatsächliche Potenzial des SVR auszureizen. Als der Regen Gregs Drohnenarbeit (ist das inzwischen ein Wort?) unmöglich macht, öffnet sich für mich ein Zeitfenster, in dem ich den Jaguar etwas zügiger bewegen kann.
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Was dann passiert, ist die slapstickhafteste Fahrt, die ich je in einem Jaguar erlebt habe. Die Rivalen sind Meister dieser abgedroschenen Punkt-zu-Punkt-Landstrassennummer, bei der Wetter und Asphaltzustand das Tempo angeblich nie bremsen. Will man das hier schaffen – ohne gleich mit Armvoll Übersteuern zu leben –, muss man die Eingaben sauberer machen und sehr bewusst damit umgehen, wie stark Gas und Lenkwinkel gleichzeitig anliegen. Der SVR ist vielleicht das fahrerorientierteste SUV im Feld: Er macht, was man ihm vorgibt, aber er stellt einen bloss, sobald man nicht aufmerksam genug ist.
Wenn man sich zusammenreisst, wirkt er für seine Grösse erstaunlich neutral und sehr ausgewogen; er drängt nur dann stur nach aussen, wenn man gedankenlos fährt. Aber im Dynamic-Modus steckt so ein Lausbub, dass Disziplin echte Willenskraft kostet.
Regen kann ein Fotoshooting auf mehr als eine Art ruinieren – heute hat er es vielmehr verwandelt: sowohl das Ausmass an Wahnsinn, das im F-Pace steckt, als auch die Dramatik, die aus den Hängen über uns in die Bilder schwappt. Bei Sonne ist diese Gegend fast schmerzhaft schön; an einem Sturmtag liegt dagegen eine natürliche Schwärze in der Luft, die genauso fesselt. So zumindest erkläre ich es dem klatschnassen Greg, den ich am Strassenrand stehen liess, während ich versuchte, die Lage zu retten – und der nun aussieht wie „ein Fischer, der gerade erst vom Meer zurück ist“. Ups.
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Wenn das Wetter schlechter wird, wird der SVR besser
Wir fahren weiter die Route Napoléon hinauf, Sicht und Wetter werden mit jedem Kilometer mieser – und mit jeder Kurve wächst meine Sympathie für den F-Pace. Würde ich ihn im Trockenen genauso feiern? Schwer zu sagen. Klar ist aber: All das Schwere und Hochbeinige, das Enthusiasten an SUVs sonst stöhnen lässt, ist heute ein echter Vorteil. Ein alter XKR-S – das wildeste Auto, das ich mit genau diesem Motor vorn gefahren bin – wäre unter diesen Bedingungen ein absoluter Albtraum. Ich habe keinerlei Lust zu tauschen.
Vor allem nicht, wenn es darum geht, umzudrehen, alles wieder auf Komfort zu stellen und entspannt Richtung Basis zurückzurollen. Heute Morgen hatte mich die distanzierte Art des SVR eher kaltgelassen. Jetzt, wo ich weiss, dass hinter ein paar Tastendrücken ein streitlustiger Kämpfer wartet, bewundere ich umso mehr, wie mühelos er den sanften Alltag gibt. Während sich andere Super-SUVs anfühlen wie ein Familienauto, dem man ungehobelt einen Hot-Rod-Motor vor die Spritzwand gestopft hat, wirkt dieses hier wie genau das Auto, für das das F-Pace-Fahrwerk von Anfang an gedacht war.
Es ist ärgerlich gut – gerade wenn der Bauch reflexartig gegen solche Dinge ist. Ob das reicht, um mein Seufzen zu unterdrücken, wenn der nächste Rivale enthüllt wird? Versprechen kann ich es nicht. Aber ich fürchte mich sicher nicht vor der nächsten Fahrt in einem Performance-SUV. Erst recht nicht, wenn Regen angesagt ist.
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