Ich stelle euch den Volvo EX30 vor. Ich glaube, wir beide würden uns gut verstehen. Er ist flink, begehrenswert, hochwertig verarbeitet – und kostet weniger als £34k. Am Anfang konnte ich mir beim besten Willen nicht erklären, wie Volvo das zu diesem Preis hinbekommt. Später wurde es mir klar.
Preis und Positionierung im Kernmarkt
Starten wir mit dem Thema, um das sich hier alles dreht: Preis-Leistung. Elektroautos haben in letzter Zeit ordentlich Kritik kassiert, weil sie vielen schlicht zu teuer sind. Jetzt bewegen sich die Preise endlich nach unten. Nicht ganz bis zum Niveau eines MG4, aber weit genug, dass man aufhorcht. Wie ihr seht, beginnen sie alle bei ungefähr £35,000. Legt ihr £6,000 Anzahlung hin, bekommt ihr einen Smart #1 für £280 im Monat über drei Jahre. Das ist wirklich nicht übel – und insgesamt ist das auch kein schlechtes Auto, wie ich gleich noch ausführen werde.
Genau hier liegt der Kern des E-Markts – und vermutlich auch das Feld, aus dem künftiges Wachstum entsteht. Weil: Crossover. Es geht dabei nicht nur um diese vier Modelle; sie plantschen in einem ziemlich tiefen Talentbecken, das von hochgelegten Kompakten wie dem Renault Megane E-Tech bis zu neuen China-Zugängen reicht – denkt an den BYD Atto. Wie das alles zueinander passt? Das hat uns ebenfalls interessiert. Parallel zu diesem Vergleich haben wir deshalb sogar einen Film mit 10 Autos gedreht. Sucht ihn auf YouTube oder weiter unten.
Diese vier überschneiden sich auf spannende Weise. Volvo und Smart sind beispielsweise verwandt: Volvo gehört dem chinesischen Konzern Geely, der wiederum 50 Prozent von Smart in einem Joint Venture mit Mercedes hält. Entsprechend nutzen beide denselben Motor, denselben Batteriepack und die grundlegende Plattform.
Trotzdem sind sie unterschiedlich gross. Der #1 (wir weigern uns, das Hashtag zu verwenden – das altert schlecht und ist ähnlich nervig wie VWs Zwang, beim Up ein Ausrufezeichen zu setzen) positioniert sich von den Abmessungen her direkter gegen den Hyundai Kona. Und der Sun Yellow Avenger spiegelt – im wahrsten Sinne – ziemlich gut den Moss Yellow EX30. Die beiden sind sich in Grösse, Innenraumgefühl, Gesamtcharakter und dem Design-Fokus jeweils ähnlich. Damit schliesst sich der Kreis unserer Vierergruppe.
Fotografie: Jonny Fleetwood
Reichweite, Batteriegrössen und Gewicht
Ein Wort zur Reichweite: Der Hyundai ist hier der teuerste Kandidat – und man muss nicht lange suchen, um den Grund zu finden. Er hat einen 65kWh-Akku, während die anderen alle um 15kWh darunter liegen. Keine Sorge: Den Kona gibt es auch mit 48kWh, und dann sinkt der Preis bis auf etwa £100 an das Niveau der gelben beiden heran.
In der gezeigten Konfiguration wirbt der Kona mit einer WLTP-Reichweite von 319 miles (ca. 513 km). Mit dem kleineren Akku fällt das auf 234 miles (ca. 377 km) – und damit, ihr ahnt es, ist er nur noch einen Steinwurf von den anderen entfernt.
Trotzdem bleibt die Spreizung gross – zwischen dem effizientesten Auto (Jeep Avenger mit angegebenen 249 miles, ca. 401 km) und dem Schlusslicht (der Smart #1, der nur 193 miles, ca. 311 km schafft). Der Grund liegt nahe. Über die kompakten Aussenmasse des Jeep kann man sagen, was man will – aber er ist leicht. Mit 1,520kg bringt er eine Vierteltonne weniger auf die Waage als der Smart. Und nicht so viel Masse mitschleppen zu müssen, macht eben einen spürbaren Unterschied.
Wobei: So richtig stimmt bei keinem das, was auf dem Papier steht. Wir haben alle vier auf professionelle Radlastwaagen gestellt. Respekt an Volvo: Der EX30 lag nur 17kg über dem angegebenen Wert. Smart und Jeep waren jeweils 50kg drüber. Und der Hyundai, der sinngemäss „versprochen, ich bin 1,698kg“ sagt, war in Wahrheit 1,791kg …
Immerhin war keiner bei zwei Tonnen – geschweige denn bei den drei Tonnen, vor denen Volvo bereits gewarnt hat, dass ein EX90 vermutlich landen könnte. Nur: Keine Marke hat aktuell einen echten Anreiz, Gewicht zu reduzieren, solange bei Elektroautos fast alles auf Reichweite statt auf Effizienz hinausläuft. Dann baut man eben grössere Batterien ein – und kaum jemand stört sich daran. Dabei sollten wir uns daran stören. Ein grösserer Akku ist nicht automatisch etwas Gutes. Nicht nur, weil die Batterie selbst schwer ist: Auch alles andere muss verstärkt werden, um mit dem Gewicht klarzukommen.
Selbst bei Kälte lief der Avenger entspannt mit über 3.5mpkWh (ca. 5,6 km/kWh), während der Smart Mühe hatte, 3.0 (ca. 4,8 km/kWh) zu erreichen. Das heisst unterm Strich auch: Der Jeep ist entsprechend günstiger zu betreiben – und bei weiterhin hohen Strompreisen ist das relevant.
Exterieur: Wer wirkt begehrenswert?
Optisch sind Volvo und Jeep die attraktivsten. Der Smart wirkt wie das Auto eines Kinder-TV-Moderators vom Typ „Ich bin halt total schräg, ich“. Gleichzeitig fröhlich und wabbelig – und wie das echte Vorbild mit einem zweifelhaften Spielzeugstadt-Toupet versehen. Ausgenommen der schmale Lichtbalken: Wo sind eigentlich die Frontscheinwerfer? Ach da, ganz aussen in den vorderen Ecken – also genau dort, wo jedes Auto am verwundbarsten ist. Gesprungene Streuscheiben durch Parkrempler lassen grüssen.
Der Hyundai wiederum ist ein unbeholfenes Ding. Schaut euch die Wölbungen an den Flanken an, diese seltsamen Linien und sinnlosen Sicken. Was haben sich die Designer dabei gedacht? Unter diesen vier wird sich kaum jemand instinktiv zum Kona hingezogen fühlen.
13 Minuten 59 Sekunden
Der Avenger trifft den Ton von Jeeps Historie erstaunlich gut: Er spielt die Rolle eines grossen Autos – obwohl er das gar nicht ist. Er ist nur einen Hauch länger als vier Meter. Der Volvo dagegen tauscht Retro-Anspielungen gegen kühle Souveränität. Er wirkt aufgeräumt und begehrlich, sieht teuer aus und hat diese klassenlose Klassigkeit, die ein VW Golf früher mal hatte: Er kann ein sehr breites Publikum abholen.
Platzangebot und Alltag: Praktisch ist nicht alles
Kaufen wird sie aber kaum jemand wegen der Praktikabilität. Zwei dieser Autos passen gut zu jungen Familien – und beide sind nicht gelb. Mit den flacheren Dachlinien und den gedrungenen hinteren Seitenpartien haben sowohl Jeep als auch Volvo dunkle, enge Fondbereiche und Kofferräume, die im Grunde kaum mehr als den Wocheneinkauf aufnehmen.
Smart und Hyundai würden sich eher an einen Wochenendtrip zu viert heranwagen. Der #1 hat – trotz gemeinsamer Basis – einen 100mm längeren Radstand als der EX30; und dieser Zugewinn scheint komplett in die Beinfreiheit hinten geflossen zu sein. Er ist hier der grosszügigste Kandidat: hohes Dach, luftige, helle Kabine. Trotzdem ist der Kofferraum nur minimal grösser als bei den beiden kompakteren.
Wenn ihr eher Gepäck als Passagiere transportiert, nehmt den Kona – mit seinem 466-litre-Kofferraum.
Innenräume und Bedienung: Volvo EX30 gegen den Rest
Für das Innenraumdesign werdet ihr den Kona ganz sicher nicht wählen. Es ist hier drinnen grauer als Slough. Keine Stimmung, keine Haptik – als hätte jemand den Designern ein Foto eines Open-University-Dozenten aus den Siebzigern hingelegt und gesagt: „Baut mir daraus einen Innenraum.“ Farblos und einschläfernd, ohne Struktur oder Ton – das Nytol unter den Autokabinen.
Immerhin: Er hat Tasten. Und zwar viele. Sie sind ordentlich gross und sinnvoll angeordnet.
Steigt danach in den Volvo – und ihr merkt sofort, dass hier eine gnadenlose Ausmistaktion bei den Tasten stattgefunden hat. Das erklärt einen Teil der Kosteneinsparung. Auffälliger ist aber etwas anderes: Die inneren Türgriffe sind wunderschöne Metallstreifen, die Lüftungsdüsen wirken offen und filigran, die Materialien und Oberflächen sind zum Niederknien. Polestar als der edlere Volvo? Eher umgekehrt. Diese glatte Sauberkeit, die durchdachten Ablagen, und wie die Cupholder aus der Mittelarmlehne herausgleiten – das wirkt alles erstaunlich beruhigend.
Bis man losfährt. Spiegel einstellen? Handschuhfach öffnen? Fahrassistenzsysteme deaktivieren? Licht einschalten? Genau: ab zum Touchscreen. Und ja, der Screen ist gut – der beste hier. Die Menüs sind sauber gestaltet, die Struktur ist (meistens) logisch, die Darstellung ist gut lesbar. Aber es steckt extrem viel in Untermenüs.
Und soweit ich herausfinden konnte, gibt es keinen Weg, dieses verfluchte Fahrer-Warnsystem auszuschalten. Es piept ständig. Nur: Wofür piept es eigentlich?
[Einbindung: Inline-Galerien – Thema – Delta:0]
Die Hinweise erscheinen winzig auf dem Display, also schaut man rüber. „Achten Sie auf die Strasse“, sagt es dann. Das habe ich auch getan – bis du angefangen hast zu bimmeln. Am Kreisverkehr schaust du nach rechts: bong. Ein kurzer Blick auf den Tacho: bong.
Das ist alles andere als entspannend. Beim Smart ist es genauso, und auch Hyundai und Jeep machen das – wenn auch etwas weniger aggressiv. Das ist kein Fortschritt. Das sind keine Sicherheitshelfer: Sie erzeugen Stress, Anspannung und Müdigkeit, weil sie nie aufhören – 1mph zu schnell, ein Hauch über der weissen Linie, ein Auto voraus. Sie können erschrecken, sie funken dazwischen, sie haben kein Feingefühl und kein Verständnis für Umstände.
Software-Updates sollten – sollten – das verbessern. Sie müssen es.
Nach dem Volvo wirkt der Jeep innen billig, aber er und der Smart haben eine Spielfreude, die dem EX30 abgeht. Beide nutzen kräftige Farbfelder und nehmen sich nicht überernst. Den animierten Fuchs, der sich beim #1 ständig einmischt, brauche ich nicht – aber abgesehen davon ist der Smart ein sympathisches Auto. Die steilen A-Säulen helfen der Übersicht, es gibt ein zusätzliches Infodisplay vor dem Fahrer (das dem Volvo fehlt), und die Sitze sind bequem. Es ist ein heiterer Ort.
Eigentlich will man nicht mögen, wie es sich darin anfühlt – aber man tut es. Und eure Familie wird es ebenfalls.
Fahrgefühl, Leistung und Charakter
Schnell ist er zudem. Klar, fahrdynamisch ist der Smart eher ein Pudding, aber die hohe, luftige Kabine bietet hier die beste Sicht nach vorn. Und wie alle vier ist er leicht zu bedienen, leise und unkompliziert. Angenehm – und komplett unspektakulär.
Viel Belohnung bekommt man aus keinem dieser Autos. Die „mechanischste“ Interaktion, die ihr überhaupt habt, sind die Rekuperationswippen im Hyundai.
Der Jeep fährt sich vermutlich am dynamischsten – was seltsam klingt, wenn man dabei an ein amerikanisches Auto denkt. Ist es aber nicht. Als Teil des Stellantis-Megakonzerns ist er letztlich eine Abwandlung von Peugeot e-2008/DS3 e-Tense; und im Handling steckt tatsächlich ein Hauch französischer Nonchalance.
Der Volvo wiegt 200kg mehr, wird aber von 114bhp zusätzlich angeschoben – und ist damit deutlich schneller, sogar der schnellste hier. Gleichzeitig wirkt er am wenigsten begeistert von seiner eigenen Leistung. Keine Spur von joie de vivre. Das Fahrwerk kommt gerade so hinterher, ohne dass alles wankt und bockt.
Lasst euch trotzdem nicht zur Twin-Motor-Version verführen (oder zum Smart mit Brabus-Emblem). Ihr kauft ein Familienauto, keinen Raketen-Schlitten – und 268bhp reichen bereits, um ihn laut unserem Mess-Equipment in 5.3secs auf 62mph zu drücken.
„Smart und Volvo tragen beide chinesische Unterwäsche und kleiden sie erfolgreich in europäische Outfits“
Ausserdem hat der EX30 eine beunruhigend leichtgängige Lenkung – zumindest so lange, bis man wieder durch die Menüs geht und sie straffer stellt. Er ist heckgetrieben; beim zügigen Herausbeschleunigen aus Kreisverkehren gibt es also kein Torque Steer. Für das Gewusel in der Stadt ist er hier am stärksten: Er springt von der Linie weg, passt durch Lücken und nimmt alles gelassen.
Und auch auf der Autobahn fällt er nicht ab – keiner von ihnen tut das, wobei ihr beim Jeep gewarnt sein solltet: Ihm geht die Puste früher aus als den anderen. 154bhp sind gerade so ausreichend.
Damit ist der Jeep im Kern gut beschrieben: äusserlich ein begehrenswertes Designstück, das den Look trifft und „Zeug kann“, innen aber wirkt er billig – und neben der Volvo-Qualität sieht er dadurch zu teuer aus.
Der Smart kommt dem gleichen Effekt beim Hyundai nahe: Er ist fröhlicher, greifbarer, optimistischer. Wenn ihr Autos im Wesentlichen als Mittel zum Zweck betrachtet, vor allem praktisch und zuverlässig, und ihr Platz für Familienkram braucht – nehmt den Hyundai. Er wird euch nicht hängen lassen. Denkt nur daran: Einen Kona als Benziner bekommt ihr und spart euch fast £10k … elektrisch ist die kultiviertere Wahl, aber sie passt nicht zu jedem.
Unterm Strich erzielt Geely hier einen Doppelsieg. Smart und Volvo tragen beide chinesische Technik unter der Haut und verpacken sie überzeugend europäisch. Der Smart ist – um ihn mit zurückhaltendem Lob zu belegen – besser, als man erwartet. Doch der Volvo ist unser Sieger. Er ist nicht geräumig und seine Eingriffssysteme für den Fahrer sind zum Verzweifeln, aber Design, Qualität und Umsetzung sind nicht zu schlagen. Und der Preis ist attraktiv. Gut gemacht, Volvo: Der fühlt sich an wie ein Polestar.
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