Was am Mercedes EQS zugleich faszinierend und ein wenig unerquicklich ist: Er soll den Stab der üppigen Luxus-Landjacht übernehmen und damit unter der Nase des aktuellen Platzhirschs in die batterieelektrische Zukunft rennen. Mercedes baut schliesslich weiterhin die S‑Klasse. Die aktuelle – überwältigende – siebte Generation ist erst seit etwa einem Jahr im Handel. Mit dem EQS versucht Mercedes etwas, woran die meisten Hersteller in den vergangenen fünf Jahrzehnten gescheitert sind: einen dauerhaften Herausforderer für ausgerechnet die S‑Klasse der Luxusautos zu schaffen.
Das muss man erst einmal sacken lassen. Am besten über rund acht Stunden. Denn die weitreichendste Version des neuen Benz-Flaggschiffs, die man in Grossbritannien kaufen kann, ist zugleich die günstigste: der EQS 450+, der den riesigen 107‑kWh‑Akku ausschliesslich über einen einzelnen Motor an der Hinterachse leert.
Offiziell werden gewaltige 731 km maximale Reichweite versprochen. Genug, um – so der schnelle Blick in einen Routenplaner bei Google Maps – zwischen den jeweiligen Hauptstädten von Schottland und England zu pendeln, ohne an eine öffentliche Ladesäule zu müssen und sich dabei von fadem Automatenkaffee oder einer Kassen-Theke-Verführung à la 3‑in‑1‑Handyhalter/Eiskratzer/Stirnlampe ablenken zu lassen.
Nur: Diese „ich-fahre-mit-dem-Elektroauto-sehr-weit“-Geschichte läuft anders als üblich, weil ich rein gar nichts dazu beitrage, sparsam zu sein. Die Klimaanlage läuft, die Luft wird gereinigt und parfümiert. Geräte werden geladen, mein Hintern wird massiert, beheizt und – ja – belüftet. Manchmal alles gleichzeitig.
- Fotografie: Mark Riccioni
[Knoten: Feld_Karussell-Thema]
Niemand kauft eine 100.000‑Pfund‑Manifestation ultimativer deutscher Null‑Emissions-Pracht, um dann mit muffigem Spültuch auf dem Schoss Fenster zu entnebeln und Rekorde im „Hypermiling“ zu jagen. Der EQS muss nicht nur als verlässliche Elektro-Limousine funktionieren, sondern als aussergewöhnlich stressfreier, die Stirn glättender Express. Und Elektroautos im Jahr 2021 begegnen dem Begriff „stressfrei“ noch immer nicht auf Augenhöhe.
Reichweite und Plan: EQS 450+ auf grosser Fahrt
Zunächst läuft alles prächtig. Ich hole den EQS in der Mercedes-Zentrale in den südlichen Midlands ab. Er wurde von jemandem vorbereitet, der offenbar Helium in den Schuhen hat und sehr früh aufgestanden ist: Auf dem Armaturenbrett prangen selbstbewusst und leicht verdächtig 779 km prognostizierte Ausdauer. Mein Plan: hoch nach Edinburgh gleiten, ein paar verführerische Nachtaufnahmen machen – schliesslich ist das hier ohne Übertreibung der beste nächtliche Innenraum, den man derzeit bekommen kann –, über Nacht laden und dann morgen ausgeschlafen und gelassen wieder nach Süden rollen.
Das Universum hat andere Vorstellungen. Ein paar Hundert Meter nördlich der Grenze macht der einzige linke Hinterreifen eines EQS im Vereinigten Königreich binnen Sekunden schlapp und liegt wie ein Pfannkuchen da. Die Flanke ist beschädigt. Verdammt.
Meine fotobepackten Kollegen und ich ziehen uns mit unserem S400d-Begleitfahrzeug tapfer schmollend zur nächsten Mc-Unterkunft in Berwick-upon-Tweed zurück. Zwei Stunden später kommt Hilfe, der Reifen wird geflickt. Das ist nicht die Schuld des EQS – aber plötzlich müssen wir uns nach Edinburgh beeilen, ich bin müde und gereizt, und wir haben einen grossen Teil der Zeit für Fotos und Laden verbrannt.
Kaum sinke ich in die kissenartigen Kopfstützen, beginnt die butlerhafte Persönlichkeit des EQS sofort, meine Laune zu bearbeiten. In diesem Auto bleibt man nicht angespannt – es ist schlicht zu erhaben, um darin nachhaltig auf die Welt wütend zu sein. Eine frühe Nachtruhe und Speicherkarten voller kunstvoll ausgeleuchteter Bilder sind zwar eine ferne Illusion, doch ich schliesse die Augen mit dem Optimismus, meinen Zielstrich – den Admiralty Arch, 639 km weiter südlich – zu erreichen, ohne dabei sehnsüchtig nach einer Greggs-Filiale zu schielen.
Nur hat die Hektik bis zum Basislager die Rechnung verdorben. Nach einer Nacht mit 100 Prozent „Saft“ steht als Prognose plötzlich nur noch 620 km. Ich rede mir ein, dass sich das im gleichmässigen Reisetempo wieder nach oben korrigieren wird, und rolle vom Aussichtspunkt am Edinburgh Castle hinaus Richtung Stadtrand.
„Seit ich den EQS gefahren bin, bin ich irritiert, dass andere Autos ihre Türen nicht für mich öffnen, wenn ich den Griff berühre.“
Auf der A1: Ruhe, Komfort und die Hyperscreen-Realität
Vom Sparfahren sind wir weiterhin weit entfernt. Wir nehmen die A1 – direkter, wenn auch gut eine halbe Stunde langsamer, dafür deutlich schöner und stimmungsvoller als die trostlose M6 – und pendeln uns bei 121 km/h ein. Lkw werden überholt, Nissan Leafs und Jaguar I‑Paces ziehen wir vorbei, die verzweifelt in irgendeinem Windschatten kleben.
Der EQS ist ein grandioser Kilometerfresser. Man könnte das technisch erklären – 3,2 m Radstand, aerodynamische Rekordwerte, und keine viktorianische Verbrennungstechnik, die die Atmosphäre stört –, aber das würde die Wirkung entzaubern, wie wenn ein Illusionist den Trick erklärt oder ein Komiker die Pointe seziert.
Die Stille ist Rolls‑Royce‑Phantom-nah, und wie bei diesen „bin ich gerade taub geworden?“-Momenten, wenn ein erschöpfter Elternteil ein schreiendes Kind im vollbesetzten Airbus endlich beruhigt, merkt man erst nach dem Verstummen, wie ermüdend gleichförmiger Lärm eigentlich ist. Eine S‑Klasse kann das nicht. Jedenfalls nicht in dieser Konsequenz.
Luxus bedeutet nicht nur kühles Metall zum Anfassen, sattes Leder und geschmackvolles Holz – obwohl der EQS davon reichlich und in exquisiter Qualität bietet. Luxus ist auch das Einsparen von Zeit und das Reduzieren von Aufwand. Seit ich den EQS gefahren bin, wundere ich mich tatsächlich, warum andere Autos ihre Türen nicht öffnen, wenn ich den Griff berühre. Oder warum sie nicht mit einem Tritt aufs Bremspedal wieder selbstständig schliessen. Und bei den meisten anderen Elektroautos ist die Ladeplanung längst nicht so umfassend. Hm. Den Gedanken parke ich erst einmal.
Zurück in England liegt die Effizienz stabil bei 5,8 km pro kWh. Fast doppelt so gut wie bei einem Audi e‑tron SUV, den ich früher in diesem Jahr hatte – aber dennoch rund 129 km unter der versprochenen Reichweite. Das heisst: Ende irgendwo bei Brent Cross, nicht auf The Mall. Ich nehme den Tempomat auf 111 km/h zurück. Klimaanlage auf Eco. Eine etwas verantwortungsvollere Form von Luxus.
Anders als in einem Rolls‑Royce oder einem Maybach ist das hier ein Auto, in dem man vorn sitzen will, nicht hinten – auch wenn die Rückbank durchaus geräumig ist und die weit hochgezogenen hinteren Säulen einen in eine abgeschirmte Privatsphäre einhüllen. Nicht, weil der EQS besonders unterhaltsam zu fahren wäre: Er ist eher zügig als „ich-sollte-das-Austern-Mittagessen-nicht-wiedersehen“-schnell, und das Fahrwerk setzt klassisch auf Komfort statt auf kompromisslose Wankabstinenz.
Vorn jedoch sitzt man im Kapitänsstuhl und hat die Hyperscreen im Griff. Streng genommen sind es drei getrennte Displays, die unter einem 55‑Zoll-Bogen aus gehärtetem, entspiegeltem Glas zusammengefasst werden – ein sehr selbstbewusster Anti‑Tesla-Mic‑Drop von Mercedes.
Ganz fehlerfrei ist das bisher nicht: Die Menüanimationen bewegen sich an der Grenze dessen, was die Prozessoren noch klaglos verarbeiten, und während der Fahrt sind viele Funktionen auf der Beifahrerseite ausgegraut, um Ablenkung zu vermeiden. Als technisches Ausrufezeichen der ältesten Marke im Geschäft ist das dennoch ein sensationelles Zentrum.
Wenn die Warnlampe gelb wird: Laden statt The Mall
Entscheidend sind am Ende die Pixel, die bei 48 km Restreichweite eine gelbe Warnung „Batteriezustand kritisch“ aufblinken lassen – obwohl noch 72 km vor uns liegen. Ich will am Freitagnachmittag keine wichtige Londoner Ausfallstrasse blockieren. Und ich will nicht die Peinlichkeit, den EQS in Grossbritannien mit einer Panne vorzustellen. Dafür ist er zu gut.
Ich breche in Hatfield ab, nach 610 nahezu lautlosen Kilometern. Die Hyperscreen findet pflichtbewusst Ladestellen in der Nähe, gefiltert nach Ladegeschwindigkeit, danach, ob sie tatsächlich funktionieren, und ob sie belegt sind. In allen Punkten liegt das System richtig. Selbst als die Fahrt unerquicklich wurde, nahm der EQS die Nervosität in sich auf. Er ist eine grossartige Mischung aus klassischem Luxus – von dem Tesla nur träumen kann – und (endlich, seitens Mercedes) dem ernsthaften Willen, ein glaubwürdiges Elektroauto auf die Räder zu stellen.
Elektroautos sind im Idealfall gross, mühelos schnell, schwer und unheimlich leise. Logisch, dass der beste Einsatzzweck nicht Sportwagen, Geländewagen oder Familien-Kompakter ist, sondern eine plutokratische Limousine. Der EQS spielt diese Karte maximal aus. Reicht es für 644 km ohne Stopp? Noch nicht ganz. Reicht es, dort weiterzumachen, wo die S‑Klasse aufhört? Ohne Zweifel.
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