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Tesla Model 3: 62 Minuten Pendeln und Unterhaltung an Bord

Blaues Tesla Model 3 parkt vor einem Haus mit Backsteinfassade und Garage bei sonnigem Wetter.

In einer gefühlt harmloseren Epoche (2019) meldete eine Umfrage, dass der durchschnittliche Arbeitsweg in Grossbritannien inzwischen bei 62 Minuten pro Tag lag – und 15 Prozent der Beschäftigten sogar mehr als 102 Minuten unterwegs waren, hin und zurück ins Büro. Am Ende war das alles ohnehin Makulatur, denn nur wenige Monate später sassen die meisten von uns zu Hause, versuchten das Büro-VPN zum Laufen zu bringen und warteten darauf, dass die Sauerteigbrote endlich aufgehen.

Pendeln damals: verlorene Zeit oder gewonnenes Ich

Und ja: Diese zurückgewonnene Stunde fühlte sich anfangs wie ein Geschenk an – für kreatives Homeschooling, Häkeln und Selbstoptimierung. Vielleicht gab es sogar ein oder zwei Zoom-Quizrunden mit der Familie. Spätestens in Woche zwei bedeutete es dann vor allem: länger liegen bleiben.

Ich gebe zu, ich mochte es früher, auf dem Weg zur Arbeit in Ruhe ein gutes Buch zu lesen. Nur: In einen Roman findet man schwerer hinein, wenn der „Heimweg“ bloss die Treppe nach oben ist – nachdem man sich die Zähne geputzt und die Katze gefüttert hat. Egal, ob man im Stau vor sich hin summte oder im Zug versuchte, das Gesicht aus der muffigen Achselhöhle eines Fremden herauszuhalten: Das war kostbare Zeit für sich. Ein Moment, um Gedanken zu ordnen und den Kopf neu auszurichten.

Genau darüber dachte ich nach, während ich auf einer Einfahrt in einem Tesla Model 3 sass, mit einem Arbeitsweg ins genaue Nirgendwo – und es ehrlich gesagt in vollen Zügen genoss.

Tesla Model 3: Innenraum als Spielplatz statt reines Auto

Der Model 3 ist trotzdem ein seltsames Auto. Nicht nur, weil er das über Jahre gereifte Produkt eines gequälten Milliardärs-Fiebertraums ist, sondern auch, weil Elon so viel Aufhebens um die Fähigkeit gemacht hat, schwierige Strassen komplett allein zu meistern. Blenden wir für einen Moment aus, dass das offenbar nicht ganz so souverän klappt, wie es uns der stolze Elternteil glauben lassen will … Auch wenn mir nach einem frühen Start die Augen zufallen könnten: Während der Fahrt würde ich das sicher nicht tun. Niemals.

Gleichzeitig wurde der Innenraum des 3 so konsequent zum Partyzentrum hochstilisiert, dass das eigentliche Fahren fast zur Nebenrolle wird – eher Ablenkung als Zweck. Im Model 3 kann man Karaoke singen. Der zentrale Touchscreen lässt sich als Zeichenbrett nutzen. Oder als Kaminfeuer. Man kann den Hupton so verändern, dass das Auto einen gigantischen Furz von sich gibt, der durch die Strasse hallt und weiterrollt. Was für ein Irrsinn. Und irgendjemand hat das entwickelt. Als richtigen Job.

Fotografie: Jonny Fleetwood

[Knoten:Feld_Karussell-Thema]

Bedienung über den Bildschirm: Minimalismus mit Nebenwirkungen

Man könnte diese 62 Minuten auch damit verbringen, durch Menüs zu wühlen und alles genau so einzustellen, wie man es gern hätte. Die angenehm minimalistische Optik (auch wenn ich hinter dem Lenkrad ein paar Instrumente nicht verkehrt fände) entsteht vor allem dadurch, dass praktisch alles in den zentralen Bildschirm gepackt wurde – ein 15-Zoll-Display (38,1 cm).

Als ich das Auto abholte, ging gefühlt eine Ewigkeit dafür drauf, die Aussenspiegel so auszurichten, dass sie tatsächlich etwas hinter mir zeigen. Dafür muss man die linke Lenkradkugel verwenden – aber eine minimal falsche Bewegung, und schon wechselt er den Spiegel. Oder springt gleich zu einer ganz anderen Funktion. Als würde man aus Versehen Raumraketen starten. Vielleicht würde ich mich ja irgendwann daran gewöhnen, vor allem die Dachlinie auf der Beifahrerseite zu bewundern.

Dieses makellos weisse vegane Leder würde in den Händen einer durchschnittlichen britischen Familie vermutlich keine 62 Minuten überstehen, ohne dauerhaft ruiniert zu sein – bequem ist es drinnen aber. Noch gemütlicher wurde es, als ich das Kaminfeuer auf dem Display aktivierte: ein knisterndes Feuer, gestochen scharf und detailreich dargestellt. Das ist bildtechnisch hochwertiger als der klapperige Fernseher bei mir zu Hause.

Erst ein paar Minuten später wird mir klar, dass diese Spielerei nebenbei auch die Heizung laufen lässt – ich sitze da und schwitze in meinem billigen, schlecht sitzenden Anzug wie ein Handlanger bei der Urteilsverkündung.

Streaming, Browser und Spiele: Selbstunterhaltung serienmässig

Über den Internetbrowser gönne ich mir eine entspannte Lektüre der neuesten, gewohnt klugen Beiträge auf TopGear.com – nur glaubt der 3 aus irgendeinem Grund, wir seien in den Niederlanden. In dein Gesicht, Auto: Ich habe ein Jahr an der Uni Niederländisch gelernt. Nur war ich darin nicht besonders gut.

Also eben Netflix. Tja: Auch das hält mich für Bewohner der weiten Tiefebenen Nordwesteuropas. Und offenbar gibt es dort nichts Gescheites zu sehen. Einen Viertel meiner „Pendlerzeit“ verbringe ich damit, einen Film zu finden, und scrolle durch endlose Kategorien aus merkwürdig verlockenden Wortsalaten: „Menschliche Verbindungen“, „Preisgekrönte Wohlfühlfilme“ und „Unerbittliche Krimi-Thriller“. Wer denkt sich so etwas aus? Vermutlich dieselbe Kreativagentur, die Tesla zu Furz-Namen beraten hat.

Der grösste Reiz des Model 3 – neben der nackenverdrehenden Beschleunigung oder der Möglichkeit, überall zu erzählen, man fahre einen Tesla – ist vermutlich die Auswahl an Spielen. Nicht „Ich sehe was, was du nicht siehst“, nicht „gelbe Autos“, nicht „hat jemand gelesen, was auf dem Schild stand?“: echte Computerspiele. Dinge im All in die Luft jagen, eine cartoonhafte Horde Teslas über üppig animierte Strecken prügeln, Backgammon.

Ich gewinne ein paar Runden BeachBuggy Racing 2 und benutze dabei tatsächlich das Lenkrad, um einen winzigen Model 3 durch mit Fallen gespickte Kurse zu prügeln. Ich säge am Steuer wie Ollie Marriage bei einem Lambo-Shooting – bis ich es nicht mehr ertrage, dass die Räder die ganze Zeit im Stand bewegt werden. Sicher hätte jemand die Lenkung abklemmen können, irgendwo zwischen dem Erfinden von „Kurz-Shorts-Reisser“ und „Langweiler-Furz“. Es ist kaum zu fassen, dass der Trump-Wahlkampf die gesamte Restkapazität aufgesaugt hat.

Und damit ist meine Zeit auch schon vorbei. Wenn man im Stau steht oder auf dem hochgelegenen Gedränge von Clapham Junction Leute wegdrücken muss, fühlt es sich nie so kurz an – aber das ist eben Tesla. Alles wird neu gedacht, ob man will oder nicht, sogar das Zeitempfinden. Beim Kauf eines Model 3 kann man sich immerhin darauf verlassen, dass die komplette Selbstunterhaltung serienmässig mit an Bord ist.

URTEIL: Mit all der Bordunterhaltung im Tesla wirst du dich vermutlich dabei ertappen, dich auf eine Gelegenheit zum Anhalten zu freuen. Brauchen wir schnelleres Laden – oder einfach etwas Besseres zu tun?

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