Bühne frei für Rivian in Laguna Beach
Entweder sollte der Herr neben mir dringend aufhören, Dreifach-Espresso-Soja-Mokka-Latte in sich hineinzuschütten – oder was immer man in Kalifornien in Pint-Gläsern trinkt –, oder er ist schlicht unfassbar aufgeregt, hier zu sein. Sein ganzer Körper vibriert regelrecht. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, weshalb er sein iPhone auf einen Kamerastabilisator geschnallt hat und seit zehn Minuten ununterbrochen den Hinterkopf einer Person vor uns filmt.
Als Rivians CEO und Gründer RJ Scaringe irgendwann auf die Bühne schlendert – Khakihemd, Jeans, pinke Nike-Sneaker mit Klettverschluss –, explodiert der Typ neben mir in eine dreiminütige Steh-„Ovation“ aus „Yeah!“, „Los geht’s, RJ!“ und übergrossen Fauststössen in die Luft. Fairerweise macht die ganze Menge mit. Nennt mich altmodisch, aber kommt der Applaus nicht normalerweise erst am Ende?
Wir sind hier versammelt: Medien aus aller Welt, übermotivierte Rivian-Besitzerinnen und -Besitzer, Mitarbeitende – und RJs Kinder. Schauplatz ist ein altes Theater in Laguna Beach, frisch renoviert und nun Rivians neues Flagship-Erlebniszentrum. Man kann es sich wie ein Autohaus vorstellen: weniger verschwitzte Verkäufer, dafür mehr verantwortungsvoll bezogener Milchkaffee.
Der Anlass: die Premiere des neuen R2. Er ist das lange erwartete nächste Puzzleteil, das Rivian einen günstigeren, kleineren Einstieg in die klinisch saubere Marke verschaffen soll – und zugleich den Verkauf über die USA hinaus nach Europa und in weitere Märkte ausdehnt. Scaringe dürfte hoffen, dass damit Gewinne und Aktienkurs „zum Mond“ schiessen.
Ich sitze die rund einstündige Show ab und sehe RJ dabei zu, wie er in dieser typisch amerikanischen, mühelosen Art in eine Live-Stream-Kamerakonstruktion spricht, die um die Bühne kreist. Zuerst rollt der R2 heraus, das Publikum dreht durch – besonders als klar wird, dass es nicht nur ein, sondern gleich zwei Handschuhfächer gibt. Ich bin irritiert: Braucht man in Kalifornien überhaupt Handschuhe?
Mit zusammengekniffenen Augen wirkt der R2 fast wie der grössere R1S, nur eben mit Schrumpfstrahl behandelt. Trotzdem: eine kantige, selbstbewusste Erscheinung, die ein Tesla Model Y aussehen lässt wie weichgewordene Knetmasse auf der Heizung.
Fotografie: Greg Pajo
Dann folgt RJs „nur noch eine Sache“-Moment im Columbo-Stil: Er lässt den R3 auf die Bühne rollen – ein noch kleineres SUV im Kompakt-Heckklappenformat, von dem ich sofort behaupte, dass es Europa im Sturm erobern wird. Der Mann neben mir wiegt sich inzwischen vor und zurück, irgendwo zwischen Lachen und Weinen.
Als RJ seine letzte Joker-Karte spielt, einen Dreimotor-R3X mit absurdem Leistungsfokus, und ein Video zeigt, wie das Auto auf einer Schotterpiste quer geht, sind die hörbaren Luftschnapper im Saal nicht zu überhören. Mein Nachbar ist schlagartig sprachlos. Zum Glück.
Man muss Rivian lassen: Die Präsentation ist gespickt mit emotionalen Videomontagen – Familientage am See, körnige Geburtstagsaufnahmen, Paare, die Berge bezwingen. Das sind Botschaften, die Gefühle und Sehnsüchte anstupsen, wie es andere Autobauer selten schaffen.
„Es beginnt damit, genau das zu nutzen, womit jeder Mensch geboren wird: einen Abenteuergeist. Es gibt einen Grund, warum wir mit Neugier und der Fähigkeit verdrahtet sind, bessere Wege zu erfinden, Dinge zu tun. Der Teil in uns, der die Welt erkunden will, ist das Geheimnis dafür, dass sie eine Welt bleibt, die es wert ist, erkundet zu werden. Für immer.“
Das steht als RJ-Zitat auf der Unternehmenswebsite. Kitschig – aber genau das meine ich.
Auf Rivians finanzielle Zukunft komme ich gleich noch zurück. Doch Optik, Haptik und Markenwirkung wirken unbestreitbar stark. Und das Fieber rund um Rivian sollte die alte Garde inzwischen ernsthaft ratlos machen.
9 Minuten 28 Sekunden
Rivian R2: Plattform, Preise, Fahrwerk und Innenraum
Kommen wir zu den Autos, zuerst zum R2. Er basiert auf einer komplett neuen Plattform in der Mittelklasse. Im Vergleich zum Tesla Model Y ist er minimal kürzer und schmaler, dafür etwas höher – auch wenn er dank horizontaler Dachlinie und abgeschnittenem Heck deutlich grösser wirkt.
Losgehen soll es preislich bei etwa 45.000 US-Dollar (ein Model Y startet in den USA bei 36.450 US-Dollar), wenn die Auslieferungen in der ersten Hälfte 2026 beginnen. Dazu passend liess RJ in seiner Rede nebenbei fallen, dass der R2 anfangs im bestehenden Werk in Normal, Illinois, gebaut werden soll – und nicht in der neuen Fabrik für 5 Milliarden US-Dollar, die ausserhalb von Atlanta, Georgia, entsteht.
Ein paar Tage nach dem Event wurde bestätigt, dass der Bau des Werks in Georgia vorerst pausiert wird – allerdings nicht vollständig gestrichen. Rivian sagt, dieser Schritt spare 2,25 Milliarden US-Dollar (1,8 Milliarden £) an „Investitionsausgaben“ und bringe den R2 schneller in den Markt. Im vergangenen Jahr lieferte Rivian etwas über 50.000 Fahrzeuge aus: R1T-Pick-ups und R1S-SUVs – und verlor dabei bei jedem einzelnen Geld. Das Werk in Illinois ist jedoch für 215.000 Einheiten ausgelegt; man muss kein Mathegenie sein, um zu erkennen, woher die Idee kommt, erst einmal dort hochzufahren. Wenn Georgia irgendwann steht, könnten dort bis zu 400.000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band laufen. Hallo Produktionshölle.
Beim R2 soll es drei Varianten geben: mit einem, zwei oder drei Motoren (zwei Motoren an der Hinterachse, einer vorne). Konkrete Leistungs- oder Drehmomentwerte wurden noch nicht genannt, aber für den „Tri“ wird ein Sprint von 0–60 mph (0–96 km/h) in unter 3,0 Sekunden in Aussicht gestellt.
Um den Preis zu drücken, verabschiedet sich Rivian von der aufwendigen, McLaren-ähnlichen, quervernetzten Dämpfertechnik und der Luftfederung des R1S. Der Preis dafür ist weniger Offroad-Kompetenz – doch als Gegenwert soll das Fahrverhalten auf der Strasse deutlich besser werden, beteuert Scaringe.
Zu den Batterien bleibt vieles offen. Klar ist bisher: Es soll eine energiedichtere Zellchemie debütieren, der Akku wird als strukturelles Bauteil in die Karosserie integriert (sprich: Die Oberseite des Batteriepakets ist zugleich der Fahrzeugboden, auf dem man seine pinken Klettverschluss-Sneaker abstellt), und die Reichweite soll bei allen Versionen über 300 Meilen (rund 480 km) liegen.
Ausserdem kündigt Rivian ein neues Wahrnehmungspaket an: 11 Kameras, fünf Radarsensoren und mehr Rechenleistung sollen „dramatisch verbesserte autonome Fähigkeiten“ ermöglichen. Eine elegante Ausweichbewegung um das gefürchtete Wort „selbstfahrend“.
[Inline-Galerie: Thema, Delta 0]
Alle Scheiben lassen sich elektrisch absenken – inklusive der hinteren kleinen Seitenscheiben, die ausstellen, sowie der Heckscheibe, die in die Heckklappe beziehungsweise den Laderaum hinuntergleitet. Das soll ein „einzigartiges Open-Air-Fahrerlebnis“ ermöglichen. Ziemlich sicher hat Rivian sich diese Idee vom Fisker Ocean abgeschaut, aber interessant ist sie trotzdem.
Am radikalsten im ansonsten reduzierten, hochwertig wirkenden Innenraum sind neue haptische Bedienräder. Für jeden Daumen gibt es ein physisches Rad, das sich auf- und abrollen lässt, von vorne oder hinten drücken kann oder seitlich gekippt wird. Je nach Menü liefert es variierendes haptisches Feedback. Scrollt man etwa durch eine Liste, spürt man bei jeder Option eine kleine Rastung, und am Ende blockiert das Rad. Ob das sich ganz natürlich anfühlt oder dauerhaft nervt, wird sich zeigen – als Versuch, Analoges und Digitales clever zu verbinden, ist es zumindest schlüssig.
Vorne passt in den Frunk laut Rivian „ein Handgepäckkoffer plus ein Rucksack oder bis zu sechs wiederverwendbare Einkaufstaschen“. Plastiktüten, entschuldigt – in Rivians nachhaltiger Zukunft seid ihr nicht vorgesehen.
Hinten soll der Kofferraum „zwei Aufgabegepäckkoffer, zwei Handgepäckkoffer sowie einen Kinderwagen und mehrere Rucksäcke oberhalb des Ladebodens“ aufnehmen. Mit anderen Worten: sehr viel Platz. Und sowohl die vorderen als auch die hinteren Sitze lassen sich komplett flach umlegen – für „ein echtes Camping-im-Auto-Erlebnis für zwei Personen“. Für zwei Personen, die keine Lust haben, mit einem Zelt herumzuhantieren.
Passend dazu setzt Rivian weiterhin kompromisslos auf Abenteuer-Inszenierung und will optional eine neue, kompaktere Reiseküche anbieten, verschiedene Fahrradträger sowie ein „Rivian-Baumhaus“ für R2 und R3.
„Unsere Interpretation eines Dachzelts bringt die Nostalgie einer epischen Kindheitsbude – mit beheizter Matratze, integriertem Lichtsystem und Leinwand, und das alles mit unglaublicher Aussicht.“
Kommt natürlich darauf an, wo man parkt – aber ich wäre dabei. Obwohl ich die Anzahl meiner Camping-Ausflüge in den letzten zehn Jahren an einer Hand abzählen kann, halte ich mich im Kopf gern für einen Outdoor-Typen. Tief drin tun wir das alle, und Rivian zielt gnadenlos genau auf diese Version von uns, die wir gern wären.
Rivian R3 und R3X: Klein, clever – und für Europa gedacht
Weiter zum R3, bei dem die Aussagen naturgemäss deutlich weniger konkret ausfallen. Das überrascht nicht, schliesslich soll er erst nach dem Start der R2-Auslieferungen kommen – realistisch frühestens 2027.
Der R3 nutzt die gleiche Plattform wie der R2, ist aber das Baby der Familie und soll entsprechend bepreist werden: etwa 35.000 bis 40.000 US-Dollar. Die Dreimotor-Performancevariante R3X wird darüber liegen und soll 0–60 mph (0–96 km/h) in „deutlich unter 3,0 Sekunden“ schaffen.
Der grosse Kniff des R3 – abgesehen davon, dass er schlicht umwerfend gut aussieht – ist eine geteilte Heckklappe. So lässt sich das hintere Glas separat öffnen und in beliebigem Winkel schliessen, um lange Gegenstände wie Surfbretter einzuklemmen.
Rivian zielt gnadenlos genau auf diese Version von uns, die wir gern wären
Die neuen Fahrzeuge wirken also ausgesprochen fesselnd. Das ultra-ökologische, minimalistische Markenbild ist attraktiv und eigenständig – auch wenn es ein klein wenig widersprüchlich wirkt, wenn das Kerngeschäft darin besteht, Pick-ups mit 800+ bhp (über 800 PS) zu verkaufen. Die grosse Unbekannte bleibt nun, ob Rivian Investoren bei Laune halten und lange genug durchhalten kann, um die eigene Ambition zu erfüllen: Hunderttausende, wenn nicht Millionen Elektroautos pro Jahr abzusetzen.
Ein entscheidender Teil davon ist Europa. Diese Modelle müssen dort in den Verkauf – und das wird auch passieren, nur weiss Scaringe noch nicht, wann.
„Beide Modelle sind im Kern für die USA und Europa ausgelegt. Wir haben nicht konkret gesagt, wann sie nach Europa kommen, wir sollten und wir müssen das, aber wir erkennen, wie attraktiv sie im europäischen Markt sind, und gerade der R3 passt wirklich.“
In nur 15 Jahren hat Rivian einen gewaltigen Weg zurückgelegt: vom ambitionierten Start-up zum potenziellen globalen Elektroauto-Schwergewicht. Also fragen wir Scaringe, welchen Rat er seinem Ich von vor 15 Jahren heute geben würde.
„Mach es einfach. Ich hätte nicht gedacht, dass es so hart wird. Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert. Ich hätte nicht gedacht, dass Lieferketten so komplex sind, wie sie es sind. Ich wusste nicht, dass das Führen von Organisationen so schwierig ist, aber ich hätte trotzdem einfach gesagt: Mach es – du wirst vieles herausfinden und du wirst eine Menge lernen.“
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