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Mercedes Ocean Drive: Konzept als Vorbote des S-Klasse Cabriolets in Miami

Silberner Mercedes-Benz Cabrio auf sonniger Straße mit Gebäuden und Palmen im Hintergrund.

Rod Stewart folgt uns. Heute haben wir ihn in Miami schon zweimal gesehen, wie er in einem schwarzen Mercedes CLK AMG Cabrio herumkurvte – und beide Male tat er so, als würde er demonstrativ in die andere Richtung schauen. Doch der Sänger mit der Kakadu-Frisur macht niemandem etwas vor: Wir wissen, dass er uns ausspioniert.

Man kann es ihm kaum verübeln – alle anderen haben das ebenfalls getan. Denn dieses begehrte Stück ist bislang nur ein Konzeptfahrzeug namens Ocean Drive. In Wahrheit ist es aber der Vorbote des S-Klasse Cabriolets – kein Maybach, wie manche gemunkelt hatten –, das irgendwann um 2010 herum ins Mercedes-Programm kommen soll.

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Dieser Artikel erschien erstmals in Ausgabe 168 des Top Gear Magazins (2007)

Bilder: Lee Brimble

Als wir den Wagen im Januar auf der Messe in Detroit zum ersten Mal gesehen haben, erklärte Mercedes, die Chancen auf eine Serienfertigung lägen bei nur 30 Prozent. Damals lautete die Begründung, dass begrenzte Ressourcen nur eine gewisse Anzahl an Projekten gleichzeitig zulassen. Diese Aussage fiel allerdings, bevor Mercedes Chrysler endgültig von der Unternehmenssohle gekratzt hat.

Mit dieser gewinnvernichtenden Partnerschaft im Rückspiegel muss sich Mercedes-Benz nicht länger dafür interessieren, welche Sitzbezüge die Dauermieter in Illinois in ihren Sebring-Leihwagen erwarten. Stattdessen kann man zurück zu dem Geschäft, das die Marke am besten beherrscht: Luxusautos für bestens verdienende Business-Klientel zu bauen. Autos, die ihre Insassen umarmen und die Wirklichkeit draussen lassen. Anders gesagt: Autos wie ein S-Klasse Cabriolet auf Basis des Ocean Drive.

Ocean Drive: Konzept und Technik als S600-Basis

Der Name des Konzeptfahrzeugs – nach Miamis berühmter Küstenmeile benannt und nebenbei eine Strecke aus Miami Vice, zuletzt auch noch mit einer zweifelhaften Coverversion von FPU in Verbindung gebracht – führt ein bisschen in die Irre. Denn anders als die Gebäude dort draussen, mit abblätterndem Lack und flackernden Neonresten, funktioniert an diesem Auto alles. Wirklich alles. Keine aufgeklebten Papierinstrumente, keine provisorischen Foliengrafiken, die man bei Studien sonst so oft sieht. Jeder Schalter hängt an echter Technik, und die macht exakt das, was das Symbol verspricht. Ich bin schon Vorserienprototypen gefahren, die schlechter zusammengebaut waren als das hier.

Vielleicht sollte einen das auch gar nicht wundern: Unter der Haut ist der Ocean Drive im Grunde ein voll serienreifer S600 mit V12. Auch strukturell übernimmt er den Grossteil des Chassis. Und obwohl man im ersten Moment meint, er sei länger und breiter, ist er fast exakt so lang und so breit wie die Limousine – was auch erklärt, warum er sich vollkommen sauber fährt. Die Ingenieure mussten für dieses Auto sicher keine Kaffeepause ausfallen lassen.

Designarbeit und der Auftritt im Morgenlicht von Miami

Bei den Designern dürfte das anders gewesen sein. Am Abend vor unserer Fahrt sprachen wir mit Steffen Köhl, dem Leiter Exterieurdesign bei Mercedes-Benz – ein Mann, so gross und so farbenfroh gekleidet, dass er kaum etwas anderes sein könnte. Dabei entstand sehr deutlich der Eindruck, dass sein Team enorm viel Zeit investiert hat, um diese Form auf den Punkt zu bringen.

Steffen schwärmte von „grosszügigen, breiten Flächen“, von „Verzicht auf Ornamentik“ und von „schön reflektierenden Oberflächen“ – und ich war mir kurz nicht sicher, ob er gerade das Restaurant beschrieb, in dem wir assen. Als es um das Auto ging, legte er noch nach.

„Die konkave A-Säule und die breite, ruhige Motorhaube sind zwei der Schlüsselfunktionen der Front dieses Autos“, sagte er, ganz tief im Designerjargon. „Genauso wie der klassische, aufrechte Kühlergrill neben den modernen LED-Leuchten. Das macht das Auto sehr cool, sehr elegant. Der Status entsteht durch diese harte Front. Die Sexyness entsteht durch die weicheren Linien am Heck und die kleinen, zurückhaltenden Rückleuchten.“

Er erzählte noch vieles mehr und zeigte uns auf seinem Laptop eine Präsentation, in der Landschaften und Gebäude erklären sollten, woher die gestalterischen Einflüsse des Ocean Drive stammen. Ausserdem verriet er, dass das Gewinnerdesign aus dem Mercedes-Benz Designstudio in Yokohama (Japan) kam – nicht aus Deutschland und auch nicht aus den USA.

Alles durchaus spannend. Trotzdem ist man darauf nicht wirklich vorbereitet, wie gewaltig der Ocean Drive am nächsten Tag wirkt, als er die Rampe aus der Hotelgarage hinaufrollt und in das gleißend weisse Licht eines Miami-Morgens fährt.

Auf dem Messestand war er noch im optischen Autolärm der Hallen untergegangen. Draussen, in der echten Welt, hat er eine Präsenz, die Aufmerksamkeit und Respekt einfordert. Das einzige Serienauto, das mir einfällt, das einen ähnlich souveränen Boss-Effekt erzeugt, ist der Phantom.

Lackiert in zwei ganz leicht unterschiedlichen Nuancen von Mercedes’ Alubeam-Metallic, fängt der Ocean Drive das Licht nicht nur ein – er zieht es regelrecht an, sodass die Carbon-Karosserie wirkt, als würde sie glimmen, als sei das ganze Auto gerade erst frisch geschmiedet worden.

Innenraum, vier Türen und das Stoffverdeck

Zum Einsteigen drückt man zunächst die stimmgabelartigen Türgriffe, damit sie aus ihrer bündig sitzenden Position herausspringen, und zieht dann sanft. Die Tür gleitet auf, und dahinter wartet ein S-Klasse-Interieur, das aussieht, als käme es gerade aus dem Urlaub.

Statt der üblichen unerbittlichen Abfolge aus Schwarz- und Grautönen gibt es braunes und cremefarbenes Leder mit Canvas-Einsätzen – Canvas in sehr hochwertig, aber eben Canvas – und insgesamt diesen nobles Strandlounge-Gefühlston. Das Holz im Armaturenbrett heisst Bird’s Eye Auburn und sieht aus wie das Material, aus dem Zigarrenhumidore gefertigt werden.

Vorne ist das schon auffällig. Hinten gibt es noch mehr davon: meterweise Leder und Canvas sowie zwei Bildschirme, auf denen Fondpassagiere Bordunterhaltung schauen können – inklusive, zum ersten Mal in einem Mercedes, einer eigenen COMAND-Bedieneinheit für alle wichtigen Funktionen. Zwischen den Sitzen sitzt ausserdem ein Champagnerflöten-Spender, doch das ist nicht die zentrale Neuerung. Die grosse Nachricht im Fond sind die zwei zusätzlichen Türen.

Zum ersten Mal seit dem Ende des viertürigen Lincoln Continental Cabriolets im Jahr 1967 – es hätte sogar früher sein können, wenn die schöne Konzeptstudie für den Nachfolger, eine Art vierrädrige Harley-Davidson, in Serie gegangen wäre – müssen Fondgäste sich nicht mehr hinter die Vordersitze quetschen. Sie bekommen eigene Türen. Nicht einmal das Rolls „Drop-dead Gorgeous“ Coupé hat so etwas.

Was der Ocean Drive allerdings mit dem grossen, offenen Rolls gemein hat, ist das Stoffdach. Damit die Proportionen stimmen und gleichzeitig Gewicht sowie Kofferraumvolumen geschont werden, verzichtet der Ocean Drive auf faltbare Metalldächer und setzt stattdessen auf ein segelgrosses Stoffteil mit rund 3,2 m². Und das steht ihm gut.

Besitzer solcher Landyachten kümmern sich auch nicht übermässig darum, ob jemand einbricht oder versucht, den Wagen zu klauen – zwei der Hauptargumente für ein Blechklappdach. Sie rufen einfach in der Garage an und lassen sich ein anderes Auto schicken. Danach schicken sie ihre „Leute“ los, um dem armen Tropf, der sie übers Ohr hauen wollte, die Kniescheiben zu ruinieren.

Und wenn unsere kurze Ausfahrt im Ocean Drive – auf der Ocean Drive – ein Hinweis ist, wird es nicht an Menschen fehlen, die genau solche Gedanken hegen. Wir hatten zwar Polizeieskorte, um den Verkehr zu stoppen, aber gebraucht hätten wir sie kaum. Das Auto erledigte das ganz allein. Jeder, der es sah, erstarrte – egal ob am Steuer, zu Fuss oder auf dem Fahrrad.

Wenn man sich je gefragt hat, wie es sich anfühlt, berühmt zu sein: Eine Fahrt in diesem Auto liefert die Antwort. Kaum ist man auf der Strasse, geht ein sichtbares Raunen durch die Menge auf dem Gehweg, weil etwas Bedeutendes passiert. Und dieses Bedeutende ist der Ocean Drive.

„Was zur Hölle ist das für ein Auto, Mister?“, ruft ein Typ über das kreischende Auspuffgeräusch seines gequälten Mopeds hinweg, während er gleichzeitig mitzuhalten versucht und mit dem Handy ein Foto schiesst. Ich überlege kurz zu erklären, dass es eine Studie ist – aber dafür bleibt keine Zeit. Also sage ich nur: „teuer“, und bin weg.

An der nächsten Ecke sehen wir Rod wieder, wie er die Strasse hinauf verschwindet. Vermutlich will er uns genau dieselbe Frage stellen, bleibt aber nicht stehen, um es zu versuchen. Vielleicht ist er schüchtern oder einfach in Eile – oder vielleicht hat er genug gesehen und rast jetzt zu seinem Händler, um darüber zu reden, seinen einst sexy, inzwischen aber ziemlich gewöhnlich wirkenden CLK AMG Cabrio einzutauschen…

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