Mein Kajak verliert ganz langsam Luft. Ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass ich es heute Morgen beim Beladen aus Versehen mit der Kettensäge angestupst habe, ob ich es gerade eben mit der Angelspitze malträtiert habe oder ob es schlicht daran liegt, dass es seit vier Stunden mit viel zu stramm gezogenen Ratschengurten auf dem Dach eines Ford Puma festgezurrt ist (etwas, das man mit einem aufblasbaren Wasserfahrzeug wirklich nicht machen sollte – wie ich erst hinterher gelernt habe). Eigentlich wäre das alles nicht dramatisch, nur sitze ich gerade mitten auf einem See, ich habe mein günstiges Klapppaddel zu zwei kurzen Not-Rudern auseinandergewürgt und ich bin … nicht gerade leicht. Aber so endet es eben, wenn man sein Outdoor-Equipment im Internet kauft und den Filter auf „niedrigstmöglicher Preis“ stellt. Ich muss ans Ufer – schon allein, weil ich um 10am ein Date mit einer Kletterwand habe, direkt danach ein Fitnesskurs wartet und vor dem Mittagessen noch das geistige Gewicht von Immanuel Kant erledigt werden will.
Immerhin: schöner Tag dafür.
Warum wir ausgerechnet auf einem kleinen See in Lincolnshire gerade eine gummiartige Happy-Shopper-Version der Titanic nachspielen, braucht vermutlich eine Erklärung. Die lautet ungefähr so: Wenn der Ford Puma tatsächlich so beliebt ist – laut SMMT 2021 das fünftmeistverkaufte Auto im Vereinigten Königreich mit 20,853 Zulassungen (Stand Aug) und ausserdem der meistverkaufte kleine Crossover überhaupt –, was genau macht ihn dann so attraktiv?
Um das herauszufinden, muss man sich die Grundfrage stellen: Welche Faktoren sorgen überhaupt dafür, dass ein Auto massenhaft gekauft wird? Das ist so ein schwer greifbares Bündel an Kriterien, das in Produktplanungs-Meetings rund um den Globus sicher ständig hin und her geschoben wird – grosse „Out-of-the-box“-Ideen und „Blue-Sky“-Gedanken, die am Ende in deutlich bodenständigere Umsetzung münden. Wirklich populäre Autos versuchen selten, die Regeln neu zu schreiben; sie wollen das bestehende Spiel einfach sehr gut spielen. Übrig bleiben weniger sexy Leitbilder, dafür umso mehr Konzentration auf Dinge wie Zuverlässigkeit, Preis, Alltagstauglichkeit, breite Akzeptanz und einen klaren Nutzwert. Mixe diese Zutaten zusammen, und du bist dem Erfolg in den Verkaufscharts ziemlich nahe. Wahrscheinlich.
Fotografie: Mark Riccioni
[Knoten:Feld_Karussell-Thema]
Und ja: Der vergleichsweise unaufgeregte Ford Puma funktioniert auf erstaunlich vielen Ebenen. Rückendeckung und Auswahl eines Grosskonzerns – verpackt in genau der Goldlöckchen-Grösse zwischen „zu gross“ und „zu klein“. Ein Crossover mit SUV-Anmutung, ohne protzig zu sein; ordentlich zu fahren, sparsam und praktisch. Er deckt eine Menge ab. Aber wie viele „Bases“ kann ein Ford Puma wirklich abräumen? Ganz im Top-Gear-Stil wollten wir das herausfinden – mit Kettensäge, Kajak, einem £6.5k Carbon-Mountainbike und einem Nähset, plus einer ganzen Armada weiterer hobbybezogener Requisiten. Plan: an einem einzigen Tag so viele der beliebtesten Hobbys des Vereinigten Königreichs wie möglich abhaken. Und zwar aus einem bescheidenen Puma heraus.
1, 2 Kajakfahren und Angeln
Ein kurzer Abstecher zu den Tallington Lakes, gleich ausserhalb von Stamford in Lincolnshire, reichte für eine erste kleine, aber aufschlussreiche Standortbestimmung der Fahrdynamik des Puma – wenn auch mit voll beladenem Dachträger und einem etwas flatternden Kajak, das fröhlich im Wind auf und ab hüpfte und gern mal Richtung Frontscheibe nickte. Und: Er macht das gut. Selbst in der Basis-Ausführung und mit gerade einmal 123bhp ist das ein fähiges Fahrwerk. Es hat etwas angenehm Beruhigendes, wie er ruhig geradeaus läuft, sich sauber in der Waage hält und aus dem jeweils verfügbaren Grip das Maximum herauskitzelt – man merkt, dass Fords Fahrwerksleute Dämpfung und Kontrolle ernst nehmen. Danach eine schnelle Runde mit dem Paddel auf dem See, ein paar lustlose Würfe mit meiner £12.99-Angel (kein Fisch), und weiter geht’s.
3 Basteln
Noch so ein britischer Lieblingszeitvertreib, der alles umfassen kann – von filigraner Applikation bis zu funkelndem „Bedazzling“. Ich habe mich für Steinebemalen entschieden: kaum erklärungsbedürftig und trotzdem merkwürdig fesselnd. Nach rund 45 Minuten und drei herrlich bekritzelten Steinen musste mich Fotograf Riccioni regelrecht wegzerren, damit ich als Nächstes …
4 Camping
Fairerweise: Nachdem Fahrrad und Kajak aufs Dach geschnallt waren und der Rest des Gerödels bei umgeklappten Sitzen im Auto verstaut wurde, hat der Puma alles geschluckt, als wäre es nichts. Das sind 456 litres „Hobbyraum“ bei aufgestellten Sitzen und rund 1,200 bei umgeklappten – und wenn man die optionale „Megabox“-Stauwanne unter dem Kofferraumboden wählt, kann man sogar einen Satz Golfschläger hinten aufrecht hinstellen. Nicht schlecht. Camping wurde während des komplizierten Pack-Jenga plötzlich zum Thema, weil es anfing zu regnen – also sind wir in einem Zelt untergetaucht. Auf einem Parkplatz. Sah überhaupt nicht verdächtig aus.
5 Lesen
Offenbar eines der Top-Hobbys im Vereinigten Königreich, also habe ich versucht, gleichzeitig ein altes Top-Gear-Buch über Abenteuerfahrten und Kants Kritik der reinen Vernunft im Wechsel zu lesen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich am Ende vor allem die Bilder im Top-Gear-Buch angeschaut.
6 Radfahren
Karten auf den Tisch: Das war mein Lieblingshobby des Tages. Wenn die optionalen Dachträger für £200 montiert sind, nimmt ein Thule ProRide-Fahrradhalter für etwas über £100 so gut wie jedes Bike. Es sollte nur nicht allzu schwer sein – schliesslich muss man es zum Verzurren aufs Dach heben. Hier war das kein Problem, denn wir haben ein wirklich atemberaubendes Canyon Spectral 29 LTD Trailbike organisieren können. Mit Carbonrahmen wiegt es nur knapp über 13kg, und die voll einstellbare „Triple Phase“-Hinterradfederung sieht für mich verdächtig nach einem Viergelenk aus. Kombiniert mit Fox-Racing-Dämpfern ist das im Prinzip der Trophy Truck unter den Mountainbikes. Was meinen Interessen sehr entgegenkommt. Dazu gibt’s eine pneumatische Sattelstütze, die man während der Fahrt in der Höhe verstellen kann, und eine Schaltung, die wirkt wie das Innenleben einer Schweizer Uhr. Der grösste Aha-Moment: Ich hätte nicht gedacht, wie sehr ein richtig gutes Fahrrad die Handhabung erleichtert. Unebenheiten und Bodenwellen im Gelände? Die bügelt man jedes Mal weg – und man kann sogar mit einem schlecht gefahrenen Ford Puma auf einem Feldweg mithalten. Der einzige Haken: Es steht mit £6,499 in der Liste …
7 Vogelbeobachtung
Nachdem ich in meinen „hide“ geklettert war, um nach irgendeiner seltenen Meise Ausschau zu halten, fiel mir auf, wie kompakt der Puma von oben eigentlich wirkt. Obwohl er 54mm höher, 71mm breiter ist und einen um 95mm längeren Radstand hat als der aktuelle Fiesta, lässt er sich auf Parkplätzen unkompliziert abstellen und manövrieren. Gut sieht er auch in der optionalen Lackierung „Grey Matter“ für £750 aus.
8, 9 TV und Gaming
Hier gab’s eine Art Doppelschlag – zwei der beliebtesten Hobbys in einem. Leider liess sich nichts auf den sachlichen, aber zweckmässigen 8in Sync-3-Touchscreen streamen. Immerhin: Die physischen Tasten darunter waren genau richtig, um mich kühl zu halten, während ich daran scheiterte, in Mario Kart bis zum Luigi’s-Mansion-Level zu kommen.
10 Nähen
Ja, die „Megabox“-Idee ist auch dann reizvoll, wenn man unterwegs einen Platz für das Nähset braucht – für schnelle Anpassungen oder das Retten abgerissener Knöpfe (das Vereinigte Königreich steht offenbar total auf Nähen, Stricken und Häkeln – wer hätte das gedacht?). Mich hat allerdings eher die Vorstellung angezogen, sie mit Eis zu füllen und …
11 Alkohol
Zwar streng genommen kein „Hobby“, aber eine wasserdichte Möglichkeit, am Ende des Tages Eis und ein alkoholfreies Getränk für den Nichtfahrer zu lagern, ist Gold wert. Nur: Versuche besser nicht, auf einem vollen Supermarktparkplatz zu nähen – sonst halten dich die Leute für seltsam.
12 Klettern
Die Berichterstattung bei den letzten Olympischen Spielen hat das Interesse am Klettern spürbar angekurbelt, also schien es sinnvoll, wenigstens zu versuchen, meinen bemitleidenswerten Körper die Anfängerwand hochzuwuchten. Ich glaube, ich wäre in dieser Disziplin besser gewesen, wenn der Fotograf nicht versucht hätte, mir eine Drohne in den Kopf zu fliegen – etwa 30ft (ca. 9 m) über dem Boden –, während ich an einem Wandnoppen in Form und Grösse einer Kidneybohne hing.
13 Fit bleiben
Die Rückbank des Puma ist für diese Fahrzeugklasse erfreulich breit, was ihn zu einem brauchbaren Fünfsitzer macht, der die Bedürfnisse der meisten Familien abdeckt. Gleichzeitig lässt sich dadurch im Fussraum auch eine kleine Hantelstange samt Kurzhanteln unterbringen – für ein kurzes Training auf einer Wiese. Dorthin ging es über einen leichten Feldweg, was die Vorteile der leicht erhöhten Bodenfreiheit unterstrich. Mit 160mm steht er rund 25mm höher als ein Fiesta: Das schont Unterboden und Nerven bei schrägen Einfahrten. Die höhere, längere und breitere Kabine lässt ihn zudem deutlich erwachsener wirken, als man erwartet. Ausserdem sitzt man angenehm erhöht – hilfreich, wenn man sich gerade bei einer neu erfundenen Form von Gersten-Yoga die Hüfte ausgerenkt hat.
14 Kochen
Da ich eher der praktische, „industrielle“ Kochtyp bin (ich kann eine stabile Linie an Grossküche liefern, überwiegend paniert, alles gleiche Ofenzeit), habe ich versucht, ein Ei auf dem Abgaskrümmer zu braten. Weil das wirklich heisse Teil weit hinten im Motorraum steckt, dauerte es ewig. Das Ei roch beunruhigend nach verbrannten Kohlenwasserstoffen. 1/10. Keine Empfehlung.
15 Heimwerken
Nach dem Spülbecken-Vorfall von 2019 ist „DIY“ im Ford-Haushalt ein wunder Punkt, also wurde ich in die Garage verbannt, um zu prüfen, ob ich eine Lightbar an den Dachträger des Puma anschliessen kann. Konnte ich. Direkt danach verschwanden sowohl die 10mm- als auch die 13mm-Nuss in jener Parallelwelt, in der solche Teile offenbar wohnen.
16 Gartenarbeit
Das ist Top Gear. Ich habe zum Schneiden eine Kettensäge benutzt.
17 Wandern
Schlammige Stiefel? Dafür brauchst du wirklich die „Megabox“. Diese zusätzlichen 80 litres plus die Ablauflöcher unter dem gestuften Kofferraumboden sind für erstaunlich viele Dinge tatsächlich nützlich.
URTEIL: Damit wären wir am Ende eines sehr vollen Tages angekommen – voll mit angeblich entspannenden Hobbys und der Frage, ob der Ford Puma es verdient, zu den meistverkauften Autos im Vereinigten Königreich zu gehören. Tut er. In den günstigeren Versionen mag er nicht das emotional wichtigste Auto der Welt sein, aber als Allrounder funktioniert er für viele Menschen – und zwar oft. Für echte Leute mit echten Alltagsterminen. Es geht hier nicht um ein Auto mit einer messerscharfen Mission, sondern um eine beeindruckende Bandbreite an Fähigkeiten, die so ziemlich alles abdeckt, was man ihm vor die Räder werfen kann. Und wie sich gezeigt hat, kann man einem bescheidenen Ford Puma ziemlich viel zumuten.
DANK AN TALLINGTON LAKES WWW.TALLINGTON.COM UND CANYON BIKES WWW.CANYON.COM
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