Sondermodelle tragen zwar gern das Etikett „special“, wirklich besonders sind sie aber selten. Oft bleibt es bei einer exklusiven Lackierung oder ein paar Aufklebern, die einen Jahrestag jenes wirklich besonderen Vorgängers feiern sollen. Noch seltener sind streng limitierte Varianten, die über reine Optik hinaus so spürbar verändert werden, dass man tatsächlich eine direkte Linie zu dem Fahrzeug ziehen kann, dem sie angeblich huldigen.
Genau diese Frage stand bei Top Gear im Raum, als Audi die Schlüssel zum Audi RS6 Avant GT übergab – einer Sonderedition des Sportkombis, die sich am 90 IMSA GTO-Rennwagen orientiert. Wie viel davon ist bloss Nostalgie in Aufkleberform, wie viel echte Substanz mit Bezug zu einem prägenden Audi aus der Vergangenheit? Um das herauszufinden, bleibt im Grunde nur eine Methode: mit dem RS6 GT gedanklich die Zeit zurückdrehen und den 1989er-Renner zum Duell herausfordern.
Da dem neuen Kombi allerdings ein Fluxkompensator fehlt, gab es nur einen realistischen Weg, beide zusammenzubringen: einen 90 IMSA GTO heranschaffen, eine passende Location finden, an der er sich frei bewegen darf – und dann mit dem modernen Auto aufkreuzen, das er inspiriert hat. Genau das haben wir getan.
Fotografie: Tobias Sagmeister
Der 90 IMSA GTO: Renntechnik mit Audi-Umriss
An einem nicht näher genannten Ort tauchte der 90 GTO aus der flirrenden Hitze am Horizont auf – laut, und begleitet vom Klappern seines riesigen Turboladers bei jedem Gangwechsel. Live wirkt er zugleich gewaltig und erstaunlich kompakt. Die breitbauende, kantige Karosserie steht niedrig und ist extrem dicht gepackt; am auffälligsten ragen Teile der Abgasanlage aus dem Bereich heraus, der einmal ein Fenster auf der Beifahrerseite war.
Wenig überraschend hat der 90 GTO nur sehr wenig mit dem Audi 90 gemein, von dem er abstammen soll – vielleicht ist das Dach das einzige echte Teil, das man als Übernahme bezeichnen könnte. Trotzdem ist er in gewisser Weise ein rennfahrender Audi 90: Die grobe Silhouette der viertürigen Limousine ist erkennbar, es gibt sogar Attrappen von Türgriffen, und unter der Haube arbeitet ein 2,2-Liter-Fünfzylinder. Nur eben in einer Version, die auf 720 PS aufgeblasen ist, die Kraft über ein Sechsgang-Handschaltgetriebe schickt und alle vier Räder antreibt.
Dieser Wagen hatte in den USA genau ein glanzvolles Jahr in der IMSA-Rennserie – weil Audi nach dem Ausflug in die Trans-Am so dominant war, dass die Serie Allradantrieb verbannte. Der 90 GTO stieg dann spät in der Saison 1989 in die IMSA ein. Hans-Joachim Stuck war der herausragende Mann im Team und führte Audi zu sieben Siegen in 13 Rennen. Den Titel verpasste Audi zwar, doch der 90 GTO gewann dafür jede Menge Sympathien – und den Zorn der Konkurrenz.
So steht er nun neben dem GT: einem sportlichen Familienkombi, den wir ernsthaft danebenhalten sollen. Ja, das ist ein absurder Vergleich. Neben dem rohen, scharfkantigen Rennwagen, der echte Wettbewerbe gesehen hat, wirkt der RS6 – im Outfit des GTO – eher wie ein Fan im gekauften Trikot als wie ein direkter Nachfahre.
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Audi RS6 Avant GT: Hommage mit echter Technik
Eine amerikanische Rennserie hat der RS6 Avant GT nie in Brand gesetzt – und in den USA hat er ohnehin kaum Einsatz gesehen. Er ist ein vornehmer, schneller moderner Fünftürer … und hat mit dem IMSA-Auto ungefähr so viel zu tun, wie der IMSA-Renner damals mit dem Audi 90 zu tun hatte. Ohne grosse Lupe erkennt man: echte Gleichteile gibt es kaum. Und doch ist er mehr als nur eine Sammlung Retro-Aufkleber.
Denn am RS6 wurden die Karosserieteile tatsächlich verändert: eine spezifische Frontpartie, Kotflügel aus Carbon, eine Motorhaube aus Carbon und ein Dachkantenspoiler – letzterer ist die deutlichste Verbeugung vor dem GTO.
Antriebseitig bleibt es beim bekannten Paket: 621 PS aus einem turboaufgeladenen 4,0-Liter-V8 und ein Achtgang-Tiptronic-Getriebe wie im normalen RS6. Allerdings trägt die Sonderedition nicht die gleichen Vmax-Begrenzungen und darf bis 306 km/h ausdrehen.
Der wichtigste technische Unterschied steckt im Fahrwerk: Statt der sonst üblichen Luftfederung nutzt der GT ein manuell einstellbares Gewindefahrwerk. In genau diesem Punkt rückt er seinem Rennwagen-Ahnen am nächsten.
Und ja: Aufkleber gibt es natürlich trotzdem. Zusammen mit der weissen Lackierung und den passenden 22-Zoll-Avus-Rädern zitieren schwarze, rote und graue Dekore den typischen IMSA-Stil. Ausserdem bietet der RS6 naturgemäss deutlich mehr Einstiegsmöglichkeiten als der 90 GTO – und keine davon verlangt, dass man zuerst mit den Füssen voran hineinklettert, um sich anschliessend in einen Käfig aus Stahl und Plastik zu zwängen.
Überhaupt ist das Cockpit des GTO eine grossartige Zeitkapsel des Motorsports und eine Erinnerung daran, wie kompromisslos solche Autos einst waren.
Moderne Onboard-Kameras zeigen heute Innenräume, die mit millionenteuren Arrays aus farbigen Schaltern, Computern, digitalen Anzeigen und Instrumenten vollgestopft sind. Hier erledigt ein Beschriftungsgerät den Grossteil der Arbeit: Es markiert die Leuchten und die wenigen Bedienelemente in der engen Kabine mit schlechter Sicht. Einen zweiten Sitz findet man in so einem Auto selten – beim GTO nimmt diesen Platz allerdings der Auspuff ein, von dem wir wetten, dass er nicht den Katalysator trägt, der beim Strassen-Audi-90 vorgeschrieben war. Und übrigens: Rein kommt man leichter als wieder raus.
Dass der Innenraum des RS6 Avant GT im Vergleich luxuriös wirkt, überrascht ebenfalls niemand: verstellbare Sportsitze (mehrere) und digitale, farbige Displays für Fahrerinfos und Navigation.
Apropos Fahrerinfo: Im IMSA-90 sitzt ein grosser deutscher Mann. Manche sagen, er heisst … Tom. Weil er so heisst. Sein Name ist Tom. Genauer: Thomas Bauch – Ingenieur, Mechaniker und Audi-Fahrer. Auf Englisch wie auf Deutsch ist Tom eher wortkarg; er lässt lieber das Auto sprechen. Und der 90 GTO kann das – und wie. Denn mit einem Daumen hoch weckt Tom den Oldtimer zum Leben und räumt den nächsten Vergleichspunkt ab: Der RS6 Avant GT ist kein Rennwagen.
Das Strassenauto hat zwar den grösseren, turboaufgeladenen Motor und eine computergesteuerte Gaspedalkennlinie, liegt aber dennoch rund 100 PS hinten – und wiegt mindestens doppelt so viel wie der historische Strecken-Konkurrent. Dazu kommt erheblich mehr Komplexität beim Leistungsmanagement. Selbst in der schärfsten Einstellung überwachen die Bordcomputer des RS6 GT Traktion und Stabilität, sorgen für saubere, gerade Starts und verhindern, dass man ihn nach einem Drift aus der Kurve wegwirft. Es fühlt sich schlicht lächerlich an, zu versuchen, am GTO dranzubleiben.
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Was den GTO ausmachte – und wie sich der GT anfühlt
Was machte den GTO hinterm Steuer so besonders? Top Gear fand Hans-Joachim Stuck, dessen Name noch immer am Auto steht, und fragte nach. „Sie haben uns nie kommen sehen“, sagte er Top Gear. „Den IMSA GTO zu fahren, war ein absolutes Vergnügen und für unsere Konkurrenten eine ziemliche Überraschung“, fuhr er fort. Laut Stuck sorgte die Kombination aus dem bissigen Fünfzylinder und Audis patentiertem Allradantrieb dafür, dass der GTO die Konkurrenz beim Grip ausstach – und länger draussen bleiben konnte, weil er die Reifen nicht so schnell zerlegte wie die heckgetriebenen Gegner.
Auch wenn der RS6 GT kein Rennwagen ist, ist er als Strassenauto verdammt gut. Entfernt vom Promi-Glanz des GTO und allein auf kurvigen Bergstrassen ist dieser Sportkombi brillant: stabil, satt auf der Fahrbahn und sofort ansprechbar. Das Fahrwerk kommuniziert viel, und der Grip in Biegungen wirkt nahezu endlos. Ich schob seine Grenzen – und meine Nerven – nach jeder Kurve ein Stück weiter hinaus, bis Letztere irgendwann (vernünftigerweise) nachgaben. Man kann ihn den ganzen Tag hart fahren, ohne müde zu werden. Und praktisch ist er auch.
Wir gingen mit der Bestätigung dessen, was wir ohnehin wussten: Es gibt keinen Vergleich zwischen den beiden
Zahlreich ist er trotzdem nicht. Vom RS6 GT werden nur 660 Exemplare gebaut, davon gehen 85 in die USA. Das ist wenig – aber immer noch ein grösserer Club als beim Vorfahren: Vom IMSA GTO entstanden gerade einmal sechs Stück.
Und in der letzten Nachricht, die niemanden überraschen dürfte, gingen wir mit der Bestätigung dessen, was wir ohnehin wussten: Es gibt keinen Vergleich zwischen den beiden. Das eine ist ein entkernter, knallharter Rennwagen aus Audis Vergangenheit; das andere ein modernes Strassenauto mit ein paar Performance-Updates und einem optischen Feinschliff, inspiriert vom klassischen Gegner.
Beide überhaupt gegeneinanderzustellen ist eigentlich eine Übung in Absurdität – aber es macht enormen Spass. Und der GT schlägt sich dabei besser als die meisten vermeintlichen Tribute, weil er einen mit einem Grinsen zurücklässt. Die Retro-Elemente holen einen vielleicht erst rein, doch die modernen Qualitäten sorgen dafür, dass das Gesamtpaket sitzt. Auf diese Weise ehrt er Audis 90 IMSA GTO zusätzlich: als modernes Auto, das einen Grossteil der Konkurrenz ratlos zurücklässt, wenn er in der nächsten Kurve davonbrüllt. Ist er selten? Ein bisschen. Ist er speziell? Wir würden sagen: ja.
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