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Porsche 911 RSR Rebel: Eine radikale Vision auf Rädern

Blau-grüner Porsche im Martini Racing Design fährt auf kurviger Bergstraße bei bewölktem Himmel.

Man kann tatsächlich zu viel Honig-Mandel-Granola essen. Es gibt einen Moment, in dem selbst das komplette künstlerische Gesamtwerk von Arnold Schwarzenegger beim Wiederanschauen unerquicklich wird. Und ja: Auch beim Konsum niedlicher Tiervideos im Internet lässt sich eine Art intellektuelle Sättigungsgrenze erreichen.

Genau deshalb ist „zu viel vom Guten“ absolut realistisch. Entsprechend bin ich mit einer ordentlichen Portion Skepsis an dieses Auto herangegangen: den Porsche 911 RSR Rebel. Noch ein weiterer neu interpretierter Retro-Porsche – dachte ich. Nur: Genau das ist er eben nicht.

Die Logik ist simpel: Im Jahr 2021 wimmelt es nur so von individuell aufgebauten, hot-rodded, neu erdachten und retro angehauchten Porsches. In dem Masse, dass bald ausgerechnet jene Exemplare selten sein werden, die über 20 Jahre alt sind und nicht wenigstens ein bisschen „outlawed“, nachgeschärft oder geschniegelt wurden.

„Worte:“ Tom Ford // „Fotografie:“ Patrick Stevenson

Während der Blick ohnehin immer häufiger auf günstigere, ältere Produkte aus Stuttgart fällt, ist das Modell, das am deutlichsten unter den zärtlichen Hammerschlägen der Umbauer gelitten – oder profitiert – hat, offensichtlich: der 911. Klar gibt es darunter atemberaubende Ergebnisse. Autos, die klug verbessert wurden, damit sie weit über das hinaus weiterleben können, was die sanfte Obsoleszenz des Alters normalerweise vorgibt – wenn nicht aus der Versenkung geholt, dann zumindest für die nächste Zukunft abgesichert.

Der Porsche 911 RSR Rebel: mehr als ein Retro-Umbau

Trotzdem fühlt es sich anders an, in diesem überarbeiteten 911 eine Nebenstrasse entlangzuschiessen – im schmierigen, warmen kalifornischen Sonnenschein. Das hier ist nicht bloss ein Satz Felgen, ein Tieferlegungssatz und Patina-Lack. Der Rebel ist eine Mischform aus Kunst und Dynamik, die in einer eigenartigen kleinen Blase aus messerscharfer Idee und Konsequenz existiert.

Und ja: Er ist gut. Je näher der Motor an den Begrenzer kommt, desto besser wird er; je schneller man fährt, desto mehr passt alles; und je mehr man versteht, warum und wie das so ist, desto mehr greift es. Wenn die Front über die gewundene kalifornische Strasse steigt und wieder eintaucht, wenn die breiten Reifen mit ihren hohen Flanken über Rillen und Unebenheiten arbeiten und wenn das Lenkrad gefühlt direkt mit dem Hinterkopf verbunden ist, wird klar: Das ist keine breitbandige Perfektion. Es ist eine laserpräzise Interpretation von Wille und Leidenschaft eines Einzelnen.

Gestaltung und Herkunft: Jon Gunderson und Freeman Thomas

Als Erstes springt die Lackierung ins Auge. Und ja, das ist Lack – keine schicke, aber bequeme Folierung im Sticker-Look. Ich habe nichts gegen Folien: günstig, einfach, wirkungsvoll und nicht dauerhaft. Aber sobald man begreift, dass diese Beklebung in Wahrheit professionell lackiert ist, steigt der Respekt spürbar.

Erstens ist es erheblich schwieriger umzusetzen. Und zweitens ist das Bekenntnis zu dieser Art von Kunst ungleich grösser, als wenn man alles nach sechs Monaten abziehen und neu beginnen könnte. Dazu kommt: Die Linien dieser Lackierung stammen von niemand Geringerem als Freeman Thomas – dem Gestalter des New Beetle und des inzwischen ikonischen (ein Hügel, auf dem ich notfalls sterben würde) Audi TT, und einem Mann, dessen erster Job bei Porsche lag (1983–87). Er ist eine Hausnummer. Und er entwarf auch jene ebenso ikonische Vintage-Porsche-Lackidee, die auf den Bildern zu sehen ist: inspiriert von den frühen Siebzigern, leicht wild – und von den legendären Renn-Porsche 917.

Solche Projekte entstehen natürlich nicht im luftleeren Raum. Eine klare Vision braucht einen Fixpunkt. Hier heisst dieser Fixpunkt Jon Gunderson. Gunderson hatte das Glück, schon mit 18 seinen ersten Porsche 911 zu fahren – und ist seitdem infiziert.

Sein Idealbild eines 911? Der RSR aus den frühen Siebzigern. Seine Lieblingsoptik? Die erwähnten „art car“-Lackierungen der damaligen, renngeborenen 917. Einige Jahre später machten Geschäftssinn und Hartnäckigkeit daraus ein Leidenschaftsprojekt in epischem Ausmass: eine extrem streng limitierte Reihe von Restomod-Umbauten von Fahrzeugen, die in dieser Form nie existierten – aber in Gundersons Welt hätten existieren müssen.

Handwerk, Technik und Fahrgefühl auf der Strasse

Als Basis dient ein 911 aus ’72 oder ’73, der bis aufs blanke Metall entkleidet und vollständig neu aufgebaut wird. Billig und fröhlich ist daran nichts – schon wegen der heutigen Preise für frühe 911 aus den Siebzigern. Und ein Plastikteile-Baukasten ist es erst recht nicht: Beim Rebel ist alles Metall. Von den grosszügig verbreiterten Stahlkotflügeln bis zu Ducktail, Stossfängern und Haube aus Aluminium. Alles andere ist neu oder verbessert. Keine fetischhafte Rekonstruktion und kein penibel „zeitkorrektes“ Denkmal, sondern eine klare Zusammenstellung all dessen, was Gunderson für die richtigen Zutaten hält.

Entsprechend bekommt man: den extrem breiten Stahlaufbau, ein Fahrwerk von Elephant Racing – inklusive Schräglenkern und Bremsen aus einem 930-Serienfahrzeug –, einen leichten Kabelbaum, einen massgeschneiderten Überrollbügel und diverse „neu, aber respektvoll“ ausgeführte Details wie Instrumente und Nebenaggregate. Dazu kommen ein Tank mit zentralem Einfüllstutzen, komplett neue Scheiben und mehrere RSR-nahe Teile wie Lenkrad und Türtafeln – Elemente, die Rennsport-Atmosphäre schaffen, ohne mit historischer Bedeutung zu erdrücken. Das Wevo-Getriebe mit Short-Shift bringt den obligatorischen Holz-Composite-Schaltknauf mit, und sogar die Türgriffe sind gebohrt. Alles fein aus dem Handbuch für sinnvolle Upgrades.

Der eigentliche Star sitzt vermutlich hinten: der RothSport-Motor mit 3,5 Litern Hubraum. Alle 350bhp. Ausgehend von einem 3,2-Liter-Grundmotor konzipiert, nimmt der RothSport MFI/EFI-Boxer-Sechszylinder optisch die alte Schule auf, behält aber den Komfort und die Präzision elektronischer Einspritzung – samt Motec-Motorsteuerung, damit das Gesamtpaket sauber funktioniert. Er wirkt retro und verhält sich modern. Aber eben nicht albern. Er klingt so, wie ein 911 klingen sollte. Als wäre ein 911 auf etwas richtig sauer und würde seinen Frust herausbrüllen. Ein Radio gibt es nicht. Eine Klimaanlage auch nicht. Dieses Auto braucht beides nicht.

Optisch könnte der RSR Rebel wie ein lautes Aufmerksamkeitsprojekt wirken – viel Show, wenig Substanz. Doch er ist nicht für Boulevardiers gebaut, egal was diese edle Lackierung nahelegt. Langsam kann er zwar rollen, glücklich ist er dabei nicht. Die Kupplung ist mittelschwer, das Getriebe brauchbar mürrisch, wenn man zu behutsam sein will. Besser ist es, etwas entschlossener zu fahren und klarer zu kommunizieren, was man vorhat – dann liefern die Mechaniken.

Denn sobald man oberhalb von ungefähr 4.000 U/min ist, wird aus dem Auto etwas völlig anderes: schnell, laut und unterhaltsam. Was er ganz sicher nicht tut: plötzlich modern wirken. Es gibt viel Grip, aber in Kurven bleibt dieses vertraute alte 911-Gefühl – als würde eine riesige Hand am Hinterachsträger schieben.

Wenn man ihn härter ran nimmt, rettet einen vor allem die Lenkung: Sie plappert pausenlos darüber, was an der Vorderachse passiert. Der Motor baut linear und schön Leistung auf, brüllt im oberen Drehzahlbereich aber regelrecht – und es gibt dynamische Unsauberkeiten, die durch den grosszügigen Schmierfilm aus Charakter am Ende eher charmant als nervig sind. Ein nasser Kreisverkehr in Luton an einem eiskalten Tag dürfte mit diesen breiten, halb geschnittenen Reifen vermutlich weniger verlockend sein; hier draussen ist es hingegen grossartig und sehr eigen.

Genau das ist der Punkt. Diese RSR Rebels sind nicht die schnellsten, nicht die extremsten, nicht die teuersten und nicht einmal die einzigartigsten 911 der Welt. Was sie sind: die sicht- und fahrbare Manifestation der Leidenschaft und Vision einer einzelnen Person – und gerade deshalb besser. Sie sind wunderschön gemacht, fantastisch zu fahren und eine Freude fürs Auge. Die Leute zeigen darauf, lächeln und winken.

Für Beobachter des üblichen Porsche-Kanons ist das, nüchtern betrachtet, kein normales Verhalten – schliesslich sind die meisten Modelle (abgesehen von den offensichtlichen Über-Exoten) eher zurückhaltende Sportwagen. Dieser hier hingegen zieht durch wie ein Zirkus aus nur einem Auto. Für Passanten gibt es Theater und Spektakel, für die Person am Lenkrad echte, tiefe Zufriedenheit. Und ja: Man kann sie kaufen – wobei man ahnt, dass Gunderson die Autos nicht aus Zwang abgibt, sondern eher aus Freude daran, sie an einen weiteren Eingeweihten weiterzureichen. Heisst: Unter den wirklich gut gemachten, aufgewerteten Porsche 911 ist noch Platz für genau einen mehr, bevor es tatsächlich „zu viel“ wird.

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