Handschaltung: Warum der Hebel wieder zum Statussymbol wird
Ollie Kew: Nach Jahrzehnten voller Schaltpaddel, DSGs, PDKs und DCTs gilt der Handschalter plötzlich wieder als sexy – und als begehrt. Er ist zur Kurzform für „Kenner“ geworden. Im Valour steht er im Mittelpunkt, genauso wie im GMA T.50, im Pagani Utopia und im Koenigsegg CC850: Die simple Freude am Gangwechsel ist zurück. Schade nur, dass man offenbar erst mit einer Million Pfund einsteigen darf …
Jack Rix: Ganz im Gegenteil, mein Bruder! Bei Top Gear wissen wir nur zu gut, wie sehr die anhaltende Lebenshaltungskostenkrise nachwirkt und wie schwierig es sein kann, am Monatsende noch Luft zu haben. Deshalb habe ich eine echte Discounter-Alternative zum absurd teuren Valour mitgebracht – als Balsam für alle Geldbeutel, die sich nach ehrlicher, analoger Interaktion mit ihrem Auto sehnen. Darf ich vorstellen: den preislich „vernünftigen“ Porsche 911 S/T – Listenpreis £231.600, natürlich längst ausverkauft, aber leicht gebrauchte Exemplare bekommt man … ab deutlich über £450.000.
Aston Martin Valour: Preis, Seltenheit und der Reiz des Maßanzugs
OK: Du Märtyrer – das Ding extra bis nach Wales zu schleppen. Nur: Einen nüchternen „Wert“-Nachweis zu führen, warum der Aston Valour das Fünffache eines V12 Vantage kosten soll, ist ungefähr so sinnvoll wie zu erklären, warum eine Erstausgabe mehr wert ist als ein Nachdruck. Die 110 Romantiker, die unterschrieben haben, kaufen den maßgeschneiderten Karosseriebau-Faktor – und die Seltenheit. Er ist immerhin 20-mal seltener als dein Beetle GTI. Für ein Auto, das optisch so zurückhaltend auftritt, habe ich dich gefühlt schon ab Birmingham gehört.
JR: Es ist schlicht unmöglich, dieses Teil nicht laufen zu lassen. Für mich ist das hier ein GT3 RS, dem man den Flügel abmontiert, ein Sechsgang-Handschaltgetriebe verpasst und ihn dann genauso fährt – wobei man ihn auch als GT3 Touring mit „Steroid-Wut“ betrachten könnte. Wie auch immer: Andreas Preuninger, der Mann, dessen Fingerabdrücke seit 23 Jahren auf jedem gottgleichen GT-Porsche kleben, nennt ihn das beste Straßenauto, das er je gefahren ist.
Text: Jack Rix & Ollie Kew
Fotografie: Mark Fagelson
OK: Klar sagt er das. Und ich würde ja gern dagegenhalten und behaupten, das sei nur ein GT3 Touring mit verbeulten Türen – aber das Ding ist lebensbejahend, schwindelerregend brillant. Als ich den S/T letztes Jahr beim Launch gefahren bin, hat Andy P ohne jede Scham eingeräumt, dass der vorherige „Puristen-Spezial“-911 – der R – seiner gelehrten Meinung nach ein bisschen im Eiltempo entstanden sei. Er wollte noch einmal ran: kürzere Übersetzung, und bitte ohne die nervige Hinterachslenkung. Trotzdem: Dein Schalthebel ist Plastik – nicht Metallblock trifft Nussbaum. Also: Wie ist das Schalten, das entscheidende Gefühl?
Porsche 911 S/T: Schaltgefühl, Drehzahl und die „richtige“ Dosis Leistung
JR: Knubbelig. Ich weiss nicht, ob ich je einen noch kürzeren Hebel gesehen habe. Das heisst: Arm ablegen, und den Rest macht man aus dem Handgelenk – wie mit einem Joystick. Beim Valour dagegen fordert dieser Holzstab Schultern und Latissimus. Was gut ist, denn mit der kürzeren Achsübersetzung hat die linke Hand ohnehin gut zu tun. Wobei man fairerweise sagen muss: Wenn du den dritten Gang bis zu seinem Ende bei 9.000/min ausdrehst, bist du trotzdem schon bei deutlich über 145 km/h – angeblich.
Im Leerlauf klingt der Motor wie eine knirschende Werkzeugkiste, doch im mittleren Bereich wird er glatt, und jenseits von 7.000/min fängt er an zu singen. Vielleicht ist mein Lieblingsdetail, dass er „nur“ 518 bhp hat – in der Welt der Supersportwagen, mit denen er konkurriert, ist das höchstens lauwarm – und trotzdem fühlt es sich niemals nach etwas anderem an als nach exakt der perfekten Portion Leistung, in der aufregendstmöglichen Art serviert. Ein leichteres Schwungrad hilft dabei (und eine Kupplung, die nur halb so viel wiegt wie die des GT3 Touring), aber es gibt exakt null Fahrmodi (die Dämpfer kann man straffer stellen) und keinen Knopf für „lauter Auspuff“. Das ist ein 911 wie ein handwerklich gebrautes Craft-Beer: ab Werk genau richtig abgestimmt. Für mich ist das Fehlen von Modi und Einstell-Menüs immer ein Zeichen von Ingenieurs-Selbstvertrauen.
OK: Ich bin immer noch nicht überzeugt, dass du heimlich die schummelnde automatische Zwischengas-Funktion aktiviert hast, wenn du vorne wegfährst. Ich habe trotz des Valour-Blubberns genau hingehört – deine Runterschaltungen sind verdächtig perfekt.
JR: Alles Jack, kein Algorithmus. Was soll ich sagen? Manche werden einfach mit Talent geboren. Ich habe meinen rechten Knöchel die ganze Woche über ganz bewusst geschmeidig gehalten – wie ein torhungriger Jude Bellingham, nur für diesen Moment.
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OK: Uff – ich dachte schon, du läufst so komisch, weil du den S/T einfach wirklich zu sehr magst. Wie auch immer, ich muss etwas einräumen: Ja, beide Autos feiern die Freude am reduzierten, schnörkellosen Fahrerauto – aber das Meisterwerk eines Motors im 911 passt zu dieser Idee besser als der bi-turbogeladene V12 im Aston. Ich bin froh, dass 12 Zylinder weiterleben, doch jedes Mal, wenn mich deine Gaspedalreaktion auf dem falschen Fuss erwischt, zieht der Porsche dem Aston Martin drei Wagenlängen weg. Wobei: Wenn der V12 erst mal richtig wach ist und sich den Schlaf aus den Augen reibt, fühlt es sich ehrlich so an, als könnte der Valour den Porsche wieder einholen, aufschliessen – und sein kreischendes Heck einfach am Stück verschlingen.
JR: Sind die Lader erst auf Druck, ist dieser Aston-V12 eine Drehmoment-Welle, mit der der 911 nicht mithalten kann. Das ist verdammt schnell – war bestimmt „lustig“ im Regen heute Morgen?
OK: Vollgas habe ich erst bis zum Mittag gefunden. Und auf der Strasse wirkt er schlicht riesig, weil er ständig die Katzenaugen-Reflektoren erwischt. Aber weil ein grosser, grobschlächtiger, selbstbewusster V12-Coupé mit Frontmotor exakt Astons Wohlfühlzone ist, verspürst du weniger den Drang, permanent zu „attackieren“ wie im rennigen Porsche. Ausserdem kann der Valour immer noch den grossen GT geben – würdest du lieber im Porsche nach Hause fahren? Ich habe schon leisere Abrollgeräusche von einem Wagenheber gehört.
JR: Stimmt – und genau darin liegt die Ironie: Der Aston hat so viel Drehmoment, dass man ihn hier praktisch im vierten Gang lassen und gemütlich auf der Welle surfen könnte. Das macht den Handschalter fast überflüssig … auch wenn dieser Holz-Schalthebel natürlich fantastisch aussieht. Ich mag den Umfang. Und was das Heimfahren angeht: Im 911 sitzt du deutlich näher am Asphalt und wirst stärker vom Fahrbahnlärm gestresst, aber im sechsten Gang, Tempomat an, kann er ebenfalls den GT spielen … nur eben nicht so überzeugend wie der Aston.
OK: Was ich an beiden besonders geniesse: In einer idealen Welt – weit weg von SUVs, Gewinnmargen, Aktionären, Marktanteilen und Plattform-Sharing – wären genau diese zwei die einzigen Autos, die Aston Martin und Porsche bauen würden. Aus England: ein lässiges Million-Pfund-Muscle-Car mit geschniegelt-kultiviertem Akzent im Designeranzug. Aus Deutschland: ein heckmotoriger Rennwagen mit Nummernschildern, zur Perfektion konstruiert und mit gewaltig überproportionalem Punch. Und bei jedem Gangwechsel spürt man dieses Knistern, diese Begeisterung, die aus beiden heraus sprudelt.
JR: Wenn wir heute etwas gelernt haben, dann das: Die alte Schule setzt sich durch. Wer fahren will, will blubbernde Leerlaufgeräusche und kreischende Drehzahlspitzen, will etwas zu tun haben am Lenkrad, will das Gefühl, dass mechanische Abläufe von den eigenen Händen gesteuert werden – nicht von Computern. Und das gilt nicht nur für Technik oder Fahrverhalten: Sogar Design und Polsterung gewinnen, wenn ein bisschen Retro mit im Spiel ist. Deine Tweed-Montur entschuldigt das trotzdem nicht – du siehst aus wie der Fremdkörper auf der Tanzfläche beim Ernteball der Landjugend.
OK: Ich wusste, dass du neidisch bist. Also habe ich grosszügig ein bisschen passende Garderobe besorgt, damit du auch das Bild bedienen kannst, das dein Auto nach aussen trägt: eine echte Porsche-Motorsport-Kappe aus dem Merch-Regal. Hält dir beim nächsten „Farbe-nach-Wunsch“-Langweiler-und-Kaffee-Treffen bestimmt die Sonne aus den Augen.
JR: Ich bin traurig – aber nicht so traurig. Ja, der Porsche ist überragend, und den Preis des Valour bekommt man niemals logisch erklärt. Aber schauen wir aufs grosse Ganze: Ist es nicht grossartig, dass immer mehr Hersteller es „verstehen“ – dass wir keine riesigen Berge zusätzlicher, weitgehend unbrauchbarer Leistung brauchen? Dass zählt, wie dich ein Auto fühlen lässt: durch seine eigene Persönlichkeit und durch das Gespräch, das du mit ihm führen kannst. Es lebe die irre Kombination aus verrücktem Motor und Handschaltgetriebe … die Zukunft ist rosig, die Zukunft ist tatsächlich die Vergangenheit.
17 Minuten 49 Sekunden
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