An einer Ampel irgendwo nahe der Innenstadt von Machida in der Präfektur Tokio bleibt kurz Zeit zum Nachdenken. Daran führt kein Weg vorbei: Dynamisch betrachtet ist der Suzuki Jimny schlicht … Mist. Die Lenkung hat um die Mittellage herum einen riesigen Totbereich – von der Mitte bis ungefähr zur Vierteldrehung –, vermutlich damit niemand damit beherzt in eine Kurve sticht und sofort auf dem Dach landet. Das Fahrwerk hoppelt, das „Handling“ ist mild gesagt beunruhigend, und die Bremsen sind allenfalls mittelmässig.
Noch schwieriger wird’s dadurch, dass hier eine Viergang-Automatik an einem 658-cm³-Dreizylinder-Benziner hängt und die Starrachsen beim Federungskomfort und bei der Rücksicht auf Wirbelsäulen ungefähr auf dem Niveau einer Gehwegplatte liegen. Und trotzdem liebe ich ihn. Wirklich, ehrlich: Ich liebe ihn. Was überhaupt keinen Sinn ergibt – bis man ihn von aussen sieht.
Der Suzuki Jimny als rollende Stil-These
Dieser Jimny ist nicht wegen seiner Fahreigenschaften etwas Besonderes, sondern wegen seines Auftritts. Umgebaut wurde er von der japanischen Firma Damd Inc, und er ist eine bewusst kantige Verbeugung vor dem ursprünglichen Renault 5 – so schräg das auch klingt. Da ist die flache Front, die leicht nach rechts kippenden, trapezförmigen Scheinwerfer, der Grill, der Stossfänger: weiche, aber klare Anklänge an die Zeit, als der 5 im Jahr 1972 auf den Markt kam.
Fotografie: Toby Thyer
Dazu kommen die Kotflügelverbreiterungen und die Grafiken, die lose an den GT Turbo von 1985 erinnern – wobei man nah heran muss, um das kleine „non“ über dem grossen „TURBO“-Schriftzug zu entdecken – plus Motorsport-Räder. Sofort ist klar, was das hier sein soll. Und ebenso, was es nicht ist. Ein schöner, seltsamer, eigenständiger Remix.
Und damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Neben mir tuckert ein zweiter Wagen, der sich frech bei einem Lancia Delta Integrale bedient, und zuvor habe ich bereits einen erstaunlich sauber umgesetzten Mini-G-Wagen begutachtet. Ich kann das Grinsen nicht abstellen. Durch Tokios Vororte zu rollen, in einem Duo aus knuffigen Karikaturen, während Passanten winken und lachen, wirkt wie Balsam für die Seele. Die Fahrt ist simpel gestrickt – die Stimmung dagegen ist makellos.
Willkommen in der Welt von Damd.
Damd Inc: Idee, Kei-Basis und ein kluger Baukasten
Erstaunlich, wie sehr vergleichsweise überschaubare Eingriffe alles verändern können – und die Damd-Philosophie wirkt dabei fast beschämend naheliegend. Man nimmt den kantigen Basis-Jimny, saugt Design-Zitate einer früheren, ebenfalls eher kantigen Ikone auf, und legt los.
Dass ausgerechnet der Jimny als Grundlage dient, ist in Japan besonders clever: Wenn er die strengen Kei-Vorschriften erfüllen soll, muss er ohne die ausgestellten Radläufe der Exportversion auskommen und ausserdem mit stärker „eingezogenen“ Stossfängern antreten. Das Serienauto ist damit tatsächlich eine Art leere Leinwand für Damd – im Kern eine angeschraubte Verwandlung.
[Inline-Galerie: Themen-Delta]
Damd Inc ist dabei keineswegs ein Neuling. Gegründet wurde das Unternehmen schon 1982 als Hersteller verschiedenster FRP-Teile (faserverstärkter Kunststoff, im Grunde Glasfaser) für alle möglichen Anwendungen – inklusive kreativer Lösungen bei BMW-Radläufen und Stossfängern für JDM-Kei-Autos. Und zwar gute: Damd hat im Aftermarket lange eher leise getüftelt und gestaltet und dabei zahlreiche Auszeichnungen eingesammelt, im Inland wie international.
Es dauerte nicht lange, bis auch andere Fahrzeuge dazukamen: Anbauteile für Händler-Sondermodelle der Hersteller, ausserdem jede Menge Renn- und Drifttechnik – ein ernstzunehmendes Geschäft, das bewusst ausserhalb der klassischen OEM-Welt funktioniert.
Aufmerksamkeit im grossen Stil gab es dann auf der Leinwand: ein mit Damd-Teilen ausgerüsteter Evo VIII im zweiten Teil der Fast & Furious-Reihe (der grünlich-gelbe). Projektfahrzeuge gab es ohnehin immer wieder – vom LFA-inspirierten LFT-86 bis zu unzähligen SEMA-Showcars und Kei-Kuriositäten. Wer sich an maximaler Niedlichkeit erfreuen kann: der N-Van Malibu ist dafür ein Paradebeispiel. Das Archiv der Firma ist gross – und ziemlich stark.
Dennoch: Erst 2019, mit dem aktuellen Jimny, kam Damd auf den „Little G“, eine stilisierte Interpretation des Mercedes G-Wagen. Und damit war eine kleine Legende geboren.
Natürlich stellt sich die Frage, wie das mit Copyright & Co. zusammenpasst. In der Damd-Zentrale in Shimotsuruma (Yamato City) erklärt Präsident Shogo Omodaka, dessen Vater die Firma gegründet hat, dass die Autos zwar unverkennbar beeinflusst seien, die Details aber eben Einflüsse und keine Kopien. Und so sauber sie auch umgesetzt sind: Verwechseln sollen sie niemanden.
Man darf zudem annehmen, dass grosse Hersteller genug Selbstbewusstsein besitzen, sich von so offensichtlichen Hommagen nicht bedroht zu fühlen – eine harte juristische Keule würde sie eher etwas lächerlich aussehen lassen. Fakt ist aber auch: Damd ist eine wütende kleine Kreativmaschine, die Bodykits und Styling für verschiedenste Kei-Autos und Vans herausbringt, dazu unterschiedliche Jimny-Stile und Zubehör wie Felgen – am Lenkrad wie auf der Strasse –, Zierteile und Dachträger.
„Mit diesem Duo durch Tokios Vororte zu fahren, ist Balsam für die Seele“
Dazu kommt ein Schuss Kunst: Es gibt „Damd Sound Effects“, das alle paar Wochen eine kuratierte Roadtrip-Playlist veröffentlicht. Sogar der Bürobereich in der Garage wirkt wie ein New Yorker Loft von einer besonders progressiven Werbeagentur. Eher ein Auto-Ökosystem als bloss ein Teilelieferant.
Fertigungsqualität, Passgenauigkeit und Kosten
Neben dem cleveren Design überzeugt vor allem die Ausführung. Die Teile selbst sind erstklassig. Zunächst werden die Komponenten entworfen und überprüft, anschliessend 3D-gedruckt, um Proportionen und Passform abzusichern. Danach entstehen die Formen, und die Teile werden samt aller nötigen Verstärkungen und Befestigungspunkte gefertigt.
Spaltmasse und Finish sind für das Unternehmen zentral – Shogo-san betont, dass die Autos wirken sollen, als seien sie genau so gedacht gewesen, nicht wie irgendein in der Hintergasse zusammengeschustertes Projekt. Die Idee mag einen Hauch von selbstklebender Folie haben, doch die Umsetzung ist besser als OEM-gut. Die Fugen sitzen eng, die Oberfläche wirkt besser als ab Werk – der „Un-Renault“ war dafür der beste Beweis. Die einzigen billigen Kunststoffteile fanden sich im serienmässigen Suzuki-Innenraum, der trotz ein paar Bride-Sitzen so bescheiden geblieben ist, wie er begonnen hat.
6 Minuten 16 Sekunden
Das Beste ist allerdings, dass die Kits im Verhältnis zu massgeschneiderten Umbauten nicht einmal besonders teuer sind. Das ergibt Sinn, wenn das Basisfahrzeug kein Exot ist. Beispiel: Wer bereits einen Jimny besitzt, zahlt für den „Little G“ Aventura im G-Wagen-Look 5.600 £ für das Grundkit, plus weitere 600 £ lackiert (in Japan). Macht insgesamt rund 6.200 £ – wobei Räder und grobstolligere Reifen, Leuchten, Dachträger und der restliche „Schmuck“ noch dazukommen.
Der Non-Turbo-Non-Renault dürfte preislich in eine ähnliche Richtung gehen, allerdings mit einem Aufschlag für den Import nach Grossbritannien. Importieren kann man ihn: Damd hat mit Sumo Power in Cambridgeshire einen UK-Händler – immer ein Pluspunkt. Der komplette Look läppert sich zwar, doch mit einem vergleichsweise günstigen Basisauto bekäme man für das Geld etwas wirklich Interessantes – ungefähr zum Preis eines optionalen Sonderlacks bei einem Supersportwagen.
Genau darum scheint es zu gehen: interessant und zugänglich zu sein, statt schnell oder teuer. Im Gespräch mit den Leuten vor Ort wird klar, dass bei Damd der ganze Prozess – das komplette Designteam – den Witz versteht. Diese Autos wollen einem nicht einreden, sie seien teurer oder besser, als sie sind. Es geht schlicht um Spass. Kreativ, brillant und auffälliger als viele Supersportwagen der Mittelklasse – und in einer Welt mit zu ernsten Gesichtern und Leistungsdruck bringt Damd den Humor zurück: ausserhalb der Norm, aber nicht ausser Reichweite.
Sie brechen Konventionen – und sind gerade deshalb besser. Tradition, so scheint’s, ist bei Damd eben Damd.
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