Zum Inhalt springen

Ferrari Classiche Academy: Mit dem Ferrari 308 in Fiorano das Fahren neu lernen

Roter Sportwagen fährt mit Wasserspritzern bei nasser Rennstrecke und bewölktem Himmel.

Der Herrgott, dieser Geruch. Eine unverkennbare Mischung aus Benzin und altem Leder. Abgase, voll mit ziemlich aggressiven Kohlendioxiden, hängen schwer in der Luft. Die Ingenieure stehen in Ferraris Boxengasse in Fiorano und plaudern und lachen ganz entspannt, während vor uns ein Ferrari 308 im Leerlauf vor sich hinbrüllt – aber eigentlich ist es kaum möglich, bei diesem Gestank keinen Kopf zu bekommen.

Wer das übersteht, landet direkt in einer ganz neuen Art von Schmerz: Denken. Kleiner Hinweis vorab: Wer ein altes Auto fährt, muss tatsächlich nachdenken. Willkommen in Ferraris Classiche Academy, wo der Glamour, einen alten, wirklich wunderschönen klassischen Ferrari zu bewegen, untrennbar damit verbunden ist, einen alten, wirklich wunderschönen klassischen Ferrari eben auch wirklich zu fahren.

Das Thema unseres heutigen Einsatzes lässt sich auch ausserhalb von Ferraris unerreichbarem Traumstoff übertragen. Autofahren ist heute … steril geworden, oder? Irgendwo zwischen Spurhalteassistenten, parfümierter Klimaanlage und Innenraum-Ambientebeleuchtung haben wir vielleicht aus den Augen verloren, was uns an der Kunst des Fahrens überhaupt erst begeistert hat. Luigino Barp – liebevoll Gigi genannt – ist davon überzeugt.

Text: Vijay Pattni
Fotografie: Ferrari

[Platzhalter: Karussell (Thema)]

Ferrari Classiche Academy in Fiorano: Warum alte Ferrari Denken verlangen

„Heute weiss die jüngere Generation es nicht“, sagt er. Früher Flugerprobungsingenieur, inzwischen seit über 30 Jahren bei Ferrari, leitet er die Academy samt ihrer Kundschaft. „Sie fahren einfache Autos. Vielleicht hat ihr Vater oder Grossvater eine grosse Sammlung, vor der sie Angst haben; eine Sammlung ‚einfacher‘ Autos, die laut sind, ein manuelles Getriebe und eine Kupplung haben … sie wissen nicht, wie man damit umgeht.

„Ich glaube, das kann die Leidenschaft fürs Fahren steigern. Und sie an die nächste Generation weitergeben.“ Das ist – in einer nutshell in Rosso – der Kern. Die Fackel weiterreichen, sozusagen.

Gestank, Kupplung und Konzentration: Einstieg in den Ferrari 308

Auf die Fackel kann man beim ersten Kontakt allerdings pfeifen. Vor allem, wenn wieder Benzin in die Nase steigt. Hat man das abgehakt, sitzt man schräg versetzt im alten Ferrari 308. Die Pedale stehen nicht mittig, sondern nach rechts versetzt. Der Tacho zeigt 10 km/h an … während man in der Boxengasse stillsteht. Der Impuls, eine Frage zur Innenraum-Ambientebeleuchtung zu stellen, verschwindet schlagartig beim ersten Tritt aufs Kupplungspedal. Meine Güte, diese Kupplung. Die ist wirklich schwer. Die Lenkung auch. Und der Schalthebel ebenso.

„Hab keine Angst, den Gang richtig reinzudrücken“, kommt die Ansage vom unangenehm coolen Instruktor. Noch vor wenigen Minuten sassen wir im Briefingraum und bekamen die Feinheiten von Zwischengas mit Hacke und Spitze erklärt – dazu die simple Physik hinter Übersteuern und Untersteuern. Das klang alles problemlos. Im verdammten Auto zu sitzen und es dann auch zu machen, ist eine ganz andere Nummer.

Autos haben doch Persönlichkeiten, oder? Dieses hier scheint jedenfalls keine Lust auf deinen Unsinn zu haben. Du spielst nach seinen Regeln

Und es ist eine deutlich langsamere Nummer. In so einem alten Fahrzeug merkst du sehr schnell: Die Zeit läuft irgendwie langsamer. Der Gangwechsel ist anfangs tatsächlich ein störrisches Biest, weil er es fast gar nicht will; das Auto protestiert hörbar gegen grobmotorische Versuche, den zweiten und dritten Gang zu finden (es ist ein Dog-Leg-Getriebe – du schaltest also von eins nach unten links in zwei und so weiter), keine Frage.

Die ersten Runden bestehen im Grunde daraus, auf das offen geführte Schaltgitter zu starren und das Ding irgendwie in die richtige Gasse zu hebeln – mit gelegentlichen Blicken nach oben, nun ja, auf die Strecke. Keine ideale Strategie fürs Überleben. Du* verpasst Scheitelpunkte. Bremspunkte. Du fährst langsam, um dir Zeit zu verschaffen. Und du merkst schnell, dass dein Beifahrer vermutlich schläft oder darüber nachdenkt, welche Lebensentscheidungen ihn in genau diesen Moment geführt haben. So hatte man sich das Fahren eines klassischen alten Ferrari nicht vorgestellt. Es macht keinen Spass.

*du im Sinne von ich, nicht du. Du bist vermutlich besser darin

Dann macht es Klick: Der 308 ist nicht dafür da, dich glücklich zu machen – du musst ihn glücklich machen. Autos haben doch Persönlichkeiten, richtig? Dieser hier scheint keine Lust auf deinen Unsinn zu haben. Du spielst nach seinen Regeln. Machst du beim Runterschalten sauber Zwischengas, will das Getriebe plötzlich mitspielen. Und wenn das erst einmal „singt“, wirkt es, als würde der ganze Wagen mitziehen. Durch Fiorano gedreht spürst du die Balance des Mittelmotor-Chassis, die ständigen, sauber übermittelten Rückmeldungen der weichen Reifen. Du wirst schneller. Du lehnst dich mehr an ihn an, fühlst, wie das Fahrwerk zwischen schnellen Kurven arbeitet, und du vertraust ihm. Du fängst an, … Spass zu haben.

Dog-Leg-Getriebe, Zwischengas und das Tempo der 308

Schnell ist er dabei nicht – gerade mal 210 PS aus einem 3,0-Liter-V8, der dafür absolut grossartig klingt –, und genau deshalb bleibt alles beherrschbar. Leicht ist er auch: 1,286 kg. Auf der Strasse, und sobald man dieses widerspenstige Getriebe verstanden hat, ist es pures Vergnügen, einfach dahinzurollen; die Reifen mit ihren riesigen Flanken bügeln buchstäblich jede Unebenheit und jede Nervigkeit weg.

Klar: Zu Magnums Zeiten war das ein echter Supersportwagen. Heute wäre ein heisser Kompakter schon am anderen Ende des Landes, bevor du herausgefunden hättest, wie du sauber in den zweiten runtergehst. Aber nur wenige heisse Kompakte fühlen sich bei so vernünftigen Geschwindigkeiten derart belohnend an.

[Platzhalter: Grosses-Feature-Bild links (Thema), Delta: 0]

Gigi Barp über moderne Elektronik und echte Fahrleidenschaft

Und genau darum geht es in dieser Academy. „Du wirst von einem Auto gefahren“, sagt mir Gigi danach und meint, moderne Fahrzeuge würden einen stärker einlullen. „In den Autos, die du heute bekommst, weisst du nicht exakt, wo du bist oder was du gerade machst, weil irgendetwas vom Auto berechnet wird. Es ist elektronisch. Etwas, das dir eine falsche Vorstellung gibt, dass du ein guter Fahrer bist … obwohl du es nicht bist.“

Er grinst. „Du bist ein guter Fahrer, wenn du zehn Runden Fiorano in einem 308 mit einer guten Zeit fährst“, lacht er. Verständlich: Steigst du nach so etwas wieder in ein normales Auto, fühlt es sich an, als sässest du buchstäblich in der Zukunft.

Ausbaupläne: Mondial, 512 TR, 550 – aber bitte ohne Elektronik

Apropos Zukunft: Die Classiche Academy – die rund €10,000 kostet, Fahrten nicht nur im 308, sondern auch in einem Mondial beinhaltet und für jeden Kunden offen ist, der aktuell irgendeine Ferrari-Generation besitzt – soll künftig wachsen.

„Wir werden einen Zwölfzylinder-Ferrari hinzufügen“, sagt Gigi. „Ich denke, wir werden sicher einen 512 TR haben, und vielleicht einen 550. Ein 512 hat vor allem einen sehr schweren Motor, daher ist der Fahrstil ganz anders. Das ist eine grossartige Erfahrung. Ich hoffe, dass die Fabrik diese Entwicklung weiterführt.“

Er macht eine Pause. „Aber ich will keine ‚elektronischen‘ Autos. Es muss pur sein.“ Das sei es, was Enzo gewollt hätte – zumindest laut Gigi; als letzter Mann bei Ferrari, der noch mit il Grande Vecchio zusammengearbeitet hat.

Erinnerungen an Enzo Ferrari und die Philosophie dahinter

„Als ich in Fiorano angefangen habe, war ich im Grunde noch ein junger Junge, als ich ihn getroffen habe. Er war in die Formel 1 eingebunden und auch in den Umbau der Fabrik durch die Fiat-Beteiligung. Er war nicht mehr der … Renn-Mann, der er früher war, aber wenn du ihm in die Augen geschaut hast, war das Feuer immer noch da.

„Er war immer neugierig. Es fühlte sich so an, als würde er dieses Fahrgefühl an mich weitergeben. Du musst diese Philosophie fortführen.“

Zum Abschluss ein ausladendes Handzeichen, und Gigi lächelt. „Wenn du spürst, dass die nächste Generation das richtig verstanden hat, dann kannst du gehen. Denn der Traum geht weiter.“

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen