Markt und Ausgangslage
Und der Sieger heisst: der Ford Fiesta! Danke fürs Mitmachen, gute Nacht allerseits! Zumindest behaupten es die Zulassungszahlen. 2019 war der Fiesta in Grossbritannien erneut das beliebteste Auto. Obwohl diese Generation bereits im dritten Verkaufsjahr steckt, hat Ford davon immer noch 77.883 Stück abgesetzt.
Schaut man aber ein bisschen weniger ins nationale Schaufenster und nimmt Europa als Ganzes – heutzutage ja eher unpopulär – dann bekommt der Fiesta vom Renault Clio ordentlich einen mit. Der Clio ist Europas meistverkauftes Auto – und das seit acht Jahren in Folge. Ein echtes Phänomen: Er drückt den ansonsten so starken Fiesta auf dem Kontinent bis auf Rang vier. Der Opel Corsa – hierzulande auf diesen freundlichen Weiden immer noch hartnäckig ein Vauxhall, vielen Dank auch – rutscht dagegen gerade so eben in Europas Top 10. Der Crossover-Ansturm hat ihn bei uns sogar aus der Bestsellerliste gekegelt.
[Bild rechts – Big Read – Motiv 2]
Text: Ollie Kew // Fotos: Jonny Fleetwood
Der neue Renault Clio, selbstbewusst und obenauf, steht auf einer frischen Plattform, die leichter ist, mehr Platz bietet und auch der Captur nutzt – und er will Trophäen sammeln. Der komplett neue, fast komplett französische Vauxhall Corsa – der unter der Hülle in Wahrheit ein Peugeot 208 ist, seit Peugeot-Citroën Opel-Vauxhall geschluckt hat – möchte wieder ernst genommen werden. Dabei hilft der vollelektrische Corsa-e; ein weiterer Vorteil, wenn man Peugeots Hausaufgaben abschreibt. Einen elektrischen Clio gibt es dagegen noch nicht, und es wird auch keinen geben: Für das Renault-EV-Erlebnis greift man zum eigenständigen Zoe. Beim Fiesta wiederum gibt es überhaupt keine Elektrifizierung und keinen Plug-in. Geschadet hat es den Verkäufen offenbar nicht, oder?
Antrieb, Getriebe und Fahrgefühl
Diese drei stehen exemplarisch für das aktuelle Kernland: Dreizylinder-Benziner um 1,0 Liter Hubraum, dazu ein sanft aufladender Turbo, der das Drehmoment bringt. Der Clio tritt hier eine Ausstattungsstufe unter den anderen an, wirkt im Innenraum aber keineswegs billiger. Für ähnlich viel Geld landet man in einem Corsa SE Premium oder in einem Fiesta Trend (Basis, seit Ford die Palette aufgeräumt hat). Zeit also, den Massstab wieder neu einzuordnen.
Schon mal überlegt, was ein Fiesta mit einem McLaren-Supersportler oder einem Rolls-Royce Phantom gemeinsam hat? Dieses sofortige Gefühl von „das passt“. Einsteigen, und die Sitzposition lässt sich für mich direkt auf tief, Lenkrad an der Brust, Tourenwagen-Poser einstellen – aber meine Oma wäre genauso glücklich, mit hochgepumptem Sitz auf „Luftraum Heathrow“ und dauerhaft gedrückter Sitzheizung. Die unangenehm nerdigen, aber enorm wichtigen Details – etwa wie sich Pedale, Kupplung und Schaltung anfühlen – sind vom ersten Einkuppeln über den Gangwechsel bis zum kleinen Lenkimpuls erstaunlich stimmig.
[Bild links – Big Read – Motiv 2]
Ihr lest Top Gear – also ist euch wichtig, wie ein Auto fährt. Tut nicht so, ihr seid hier unter Gleichgesinnten. Genau deshalb lieben Leute wie wir den Fiesta: Trotz seines Status als Michael McIntyre unter den Autos (harmlos, massentauglich, und meist nicht zu vermeiden) ist er zugleich das am besten lenkende Auto seiner Klasse. Wie wach er einlenkt, wie willig er sich in Kurven werfen lässt und wie reif er sich beim Gleiten auf der Landstrasse, beim Gewusel in der Stadt oder auf schlechten Strassen benimmt – das ist schon verblüffend. Man spürt, dass da Zeit und Geld in die Manieren investiert wurden. Und diese gut erzogene, erwachsene Grundhaltung ist der Grund, warum der Fiesta selbst für Menschen, die bei F1 an eine Tastatur-Taste statt an eine Rennserie denken, einfach „nett“ wirkt. Also kaufen sie ihn.
Dieser hier ist besonders gelungen: gehobene Titanium-Ausstattung kombiniert mit der 123-PS-Version des bekannten EcoBoost-Dreizylinders. So spielerisch der Fiesta ist – die zusätzlichen 24 PS gegenüber dem meistverkauften 99-PS-Modell braucht man nicht zwingend. Andererseits: finanziert kostet es nur rund einen Zehner mehr pro Monat.
Und selbst wenn man die Handbremse noch angezogen lässt, fährt er den Clio in Grund und Boden – denn der Renault ist ein richtig gutes kleines Auto, das nach einem ordentlichen Motor sucht. Dieser 999-cm³-Dreizylinder mit 99 PS ist die stärkste Option, die Renault hier anbietet. Er liegt zwar bei der Leistung auf Corsa-Niveau, aber beim Drehmoment kommt er zu spät und zu wenig. Dem „französisch-englischen“ Konkurrenten fehlen rund 45 Nm – und das auch noch nur über ein schmales Drehzahlband. Rechnet man dann die hohle Schaltung dazu, die lediglich fünf weit gespreizte Gänge bietet, während die anderen beiden sechs haben, wird es schwer, Schwung aufzubauen.
Innenraum, Technik und Alltag
Weil ihr ohnehin zu allem zu spät kommt, hat Renault den Innenraum netterweise zu einem wirklich angenehmen Ort gemacht. Die üblichen Sprüche über französische Autos mit Verarbeitungsqualität „blättriger als ein Croissant“ könnt ihr euch sparen – nicht hier. Im Fiesta gibt’s mehr metallische Zierleisten, dafür punktet der Clio mit hochwertiger wirkenden Kunststoffen und weichen, lederartigen Akzenten.
[Bildergalerie – Karussell]
Dieser Clio steht als Iconic da – und ja, der Name ist zum Davonlaufen – trotzdem ist er bei Preis und Ausstattung zurückhaltender als die beiden anderen. Als wirklich passender Gegner würde eher ein S Edition taugen, aber wisst ihr was? Abgesehen von fehlenden Sitzheizungen und einem beheizten Lenkrad fühlt man nach dem Umstieg aus den anderen kaum etwas, das wirklich fehlt. Es gibt Klimaautomatik, Tempomat, Renaults in dieser Branche überragendes Keyless-Entry-und-Start-System, und der 7-Zoll-Touchscreen ist Welten – Abgründe, Universen – besser als das völlig miserable alte System, über das wir im Mégane und Kadjar regelmässig hergezogen sind. Er reagiert schnell, die Hauptmenüs sind recht leicht zu verstehen. Gegenüber dem Vorgänger ist das ein Aha-Erlebnis.
So ähnlich ging es mir anfangs auch mit dem Corsa. Vor Weihnachten im Ausland damit zu fahren, fühlte sich an wie ein ausserkörperliches Erlebnis beim Aufwachen aus einer kräftigen Sedierung. Ich fuhr einen Vauxhall Corsa und … hatte Spass. Blöd nur: Das war nicht das Auto, das für den britischen Markt vorgesehen war.
Den 128-PS-Dreizylinder mit 1,2 Litern gibt es im Peugeot 208, aber bei Vauxhall wird der Corsa hier nur mit dieser 99-PS-Variante angeboten. Das ist schon okay – kultivierter als der Clio und weniger zugeschnürt – doch wenn man einmal von der verbotenen Frucht genascht hat, wirkt es weniger charmant. Und dann ist da noch das Getriebe. Von allem, was man nicht von Peugeot erben möchte, gehört das ganz nach oben: ein Sechsgang-Handschalter, so leichtgängig und labbrig, dass mich eine Nutzungssteuer von 5 Pence pro Schaltvorgang nicht wundern würde. Wenn irgend möglich: nehmt den Corsa als Automatik – das ist ein hervorragendes, erwachsenes Achtgang-Getriebe, das die Qualitätsanmutung spürbar hebt.
„Schon mal überlegt, was ein Ford Fiesta mit einem Rolls-Royce Phantom gemeinsam hat?“
Qualität, Fahrwerk und Platzverhältnisse
Dass es ihm an echter Wertigkeit mangelt, war lange der Fluch des Corsa. In vielerlei Hinsicht ist er das Gegenstück zum Fiesta: ein vernünftiger Kleinwagen, der sich massenhaft verkauft, aber ohne den Anspruch, besonders schön zu fahren, den besten Innenraum zu bieten oder überhaupt so einprägsam zu sein wie das letzte Einräumen der Spülmaschine. Es wirkte stets wie: „Ja, passt schon so.“
Allerdings ist der neue Peugeot 208 richtig stark, und Opels Designteam unter Leitung des Briten Mark Adams hat unter enormem Zeitdruck einen ausgesprochen gut aussehenden Kleinwagen auf die Räder gestellt. Keine zwei Jahre von der französischen Übernahme bis zum fertigen Produkt. Eigentlich wäre das ein Corsa, auf den man sich freuen sollte – aber im Kontext der Konkurrenz wirkt er dann doch wie Tim Henman.
Die Bremsen sind absurd stark servounterstützt; man braucht Strictly-taugliche Fussarbeit, um anzuhalten, ohne sich das Vauxhall-Logo rückwärts auf die Stirn zu prägen. Der Komfort passt, selbst beim sportlichen SRi mit 17-Zoll-Felgen (ca. 43 cm) und verstärkten Federbeinaufnahmen, aber ein Xbox-Controller liefert vertrauenswürdigeres Lenkfeedback, und an die Gelassenheit des Fiesta kommt der Corsa nicht heran.
[Bild links – Big Read – Motiv 1]
Innen gibt es ein paar unnötige Eigentore: Die fummeligen Heizungsregler sitzen unpraktisch tief in einer Mulde unter dem Hauptscreen. Details wie Türverkleidungseinsätze und Cupholder sind unerquicklich. Und es gibt noch mehr unschöne französische Erbschaft: Weil PSA sich nicht bemüht, für Rechtslenker den Sicherungskasten zu verlegen, ist das Handschuhfach ein jämmerlicher Fingerhut. Und der von PSA zugelieferte Touchscreen ist zwar deutlich besser geworden, kommt aber weder beim Tempo noch bei der Einfachheit an den des Clio heran – und erst recht nicht an den des Fiesta.
Meine Kollegen sehen es ähnlich. Der Hünen-Craig quält sich aus dem Corsa und ist beleidigt von den halbherzigen Sportstreifen auf den Sitzen und dem roten Zierkram am Armaturenbrett. Ich verstehe ihn: Gegenüber dem Peugeot 208 wirkt der Corsa innen fast verdächtig, fast zynisch bieder. Es ist weiterhin nur „gut genug“ – wenn der Corsa wie üblich der einzige Kleinwagen ist, den man bei der Auswahl überhaupt probe fährt.
Stephen ist vom Clio ziemlich angetan und findet, die optischen Versprechen des Corsa bei gleichzeitigem Mittelmass „machen ihn traurig“. Immerhin hat er am Platz im Fond nichts auszusetzen (Craig das testen zu lassen, wäre unmenschlich). Um die Mitte zu treffen, setze ich mich hinten in alle drei – und wieder schiebt sich der Fiesta knapp nach vorn. Der Corsa ist – wie sein Peugeot-Verwandter – innen recht dunkel und bei Knie- und Kopffreiheit spürbar enger. Kinder passen problemlos, Erwachsene bereuen es, sich mitnehmen zu lassen. Der Clio bietet mehr Kopffreiheit, und der Ford nimmt tatsächlich vier Erwachsene für die Büro-Mittagspause mit, ohne dass danach eine Mail an HR fällig wird. Aber dann … ein Vauxhall-Comeback: Er hat den zweitgrössten Kofferraum, nur der Clio ist mit seinem riesigen Laderaum besser. Ausserdem übertrifft der Corsa den unter-300-Liter-Kofferraum des Fiesta und hat eine niedrigere Ladekante.
[Bild rechts – Big Read – Motiv 1]
Dazu kommt: (wenn auch nur knapp) die niedrigsten CO2-Emissionen, und die Restwerte sehen diesmal gesünder aus – auch wenn die Monatsraten höher ausfallen. Ausserdem ist er der einzige Wagen in dieser Grösse und Preisklasse, den es mit Matrix-LED-Scheinwerfern gibt, die das Fernlicht so steuern, dass man maximale Nachtsicht hat, ohne den Gegenverkehr zu blenden. Und wenn die Automatik durch den Wegfall des Kupplungspedals Platz schafft und der lächerliche Handschalthebel gleich mit verschwindet, wird daraus ein wirklich respektabler kleiner Wagen.
„Ordentlich“ und „gut genug“ – wieder dieses matte Lob, das den Corsa am Ende doch festnagelt. Es ist der beste Corsa aller Zeiten, aber das ist ungefähr so, als würde man sagen, man hätte ein Lieblings-Star-Wars-Prequel. Mit dem stark verbesserten Renault Clio geht’s besser.
Er ist wieder schick geworden – und endlich kommen spürbare Verarbeitungsqualität und brauchbare Bordtechnik dazu. Nebenbei: Beim Clio sollte man die Automatik meiden wie einen Spendensammler in der Fussgängerzone – das ist ein siebenstufiges Doppelkupplungsgetriebe, nervös wie ein Hund an Silvester. Schade, denn die Handschaltung verträgt sich wiederum nicht mit mehreren der stadttauglichen Assistenzfunktionen.
Trotzdem: Das etwas engere Platzangebot, das nur so-la-la-Fahrverhalten und vor allem der kurzatmige Motor schenken den Sieg dem alten Chef. Kein anderer Kleinwagen ist so rund wie der Ford – auch wenn Clio (und der 208, den wir bald zusammentragen) ihm beim Innenraum-Flair inzwischen davongezogen sind. Bleibt beim 99-PS-Motor, nehmt Titanium oder ST-line, und der Fiesta wird – wie ein 3er Touring oder ein Golf GTI – zu einem dieser „für immer reicht’s“-Helden, bei denen man eigentlich kein anderes Auto braucht. Wie ich eingangs sagte: Der verdiente Gewinner ist tatsächlich der Ford Fiesta. Aber das würde ich natürlich sagen – ich bin Brite.
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