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Kia Picanto: Warum kleine Autos große Abenteuer ermöglichen

Kleiner grauer Kia mit Dachbox fährt in Stadt mit rotem Doppeldeckerbus im Hintergrund.

Es fing als beiläufige Debatte darüber an, was „klein“ bei Autos eigentlich bedeuten soll. Geendet hat es damit, dass mein Oberkörper in Europas engster Gasse steckte (und vielleicht sogar der engsten der Welt – je nachdem, wen man fragt), während ein Franzose sich vor Lachen bog, Kreise um seinen Bauch zog und auf meine Körpermitte deutete. Nicht gerade das, was man von einem gewöhnlichen Donnerstag erwartet. Doch um dort anzukommen, müssen wir erst über den Anfang reden. Und der spielte in London – mit einem kleinen, besser gesagt: „kleinen“ Auto.

Kia Picanto und die neue Lust am Kleinen

Das Auto in dieser Geschichte ist ein Kia Picanto – also ziemlich eindeutig am zierlichen Ende der automobilen Skala. So ein Wagen, den man ohne Parksensoren oder Fischaugen-Kameras in eine Lücke stellt und danach trotzdem noch wie auf hoher See in einem Ozean aus freiem Platz steht, selbst in eher knappen Parkbuchten. Platz für mehrere Menschen ist da – gerade so – ein Kofferraum ebenfalls, und im Grunde auch die ganze Ausstattung, die man von grösseren Fahrzeugen kennt. Nur eben mit eher bescheidenen 77 PS und einem Fünfgang-Schaltgetriebe. Weniger als manche Fahrräder.

Es ist die aktuelle Generation, optisch mit Anleihen bei Kias jüngeren – und deutlich grösseren – Modellen. Dadurch wirkt er ein wenig wie ein Kätzchen mit zu grossen Zähnen. Niedlich, ja. Aber auch ein klein bisschen beunruhigend.

Am wohlsten fühlt er sich in der Stadt: Er schneidet durch den urbanen Raum, greift nach Lücken, die eigentlich kaum Lücke sind, spottet über Fahrbahnverengungen und über diese mittelalterlichen Parkhäuser mit Spiralrampen und Bordsteinen, die Felgen schmirgeln. Es ist … grossartig.

Fotografie: Dennis Noten

Warum passt so ein Auto so gut in diese Umgebung? Weil das Leben insgesamt ein wenig … rundlicher geworden ist. Alles wird grösser, üppiger, „extra“: Menschen, Portionen, Orte, Preise, Ambitionen. Der Drang zum „eine Nummer grösser“. Nirgends ist das so offensichtlich wie bei Autos. Mittelgrosse SUVs, die so wirken, als hätten sie eine Postleitzahl. Grosse SUVs, als wären sie gleich ein ganzer Landkreis. Sportwagen, so breit, dass sie ihre eigenen Ahnen neben sich wie schmale Schatten aussehen lassen – mit ein paar Kilo Zusatzspeck.

Übergewicht als Epidemie, und der durchschnittliche Umriss des Autos in Grossbritannien hat sich längst in etwas Höheres, Breiteres, Fetteres verwandandelt – mit Bodenfreiheit, die vor allem Staub ansetzt, weil sie kaum genutzt wird.

Ein wirklich kleines Auto fühlt sich in der Stadt wie ein Cheatcode an. Natürlich hat das Gründe: bessere, umfangreichere Sicherheitssysteme, Knautschzonen, Strukturfestigkeit – das alles erzwingt grössere Bremsen und schwerere Fahrwerke. Wer nervös ist, will sich sicher fühlen. Und das ist noch bevor man in die trüben Gewässer von Statusfragen oder Elektro-Plattformen gerät. Trotzdem gibt es sie noch, die Gegenbewegung: klassische Superminis. Für die will ich hier argumentieren, bevor sie in einer Welle aus Elektrozwang und Plus-Size-Preisen untergehen.

London: Wo „klein“ plötzlich konkret wird

Dass der Picanto zu Londons Strassen passt, war klar. „Stadtauto fühlt sich in der Stadt wohl“ ist nun wirklich keine Erkenntnis. Also schauten wir uns erst ein paar Miniatur-Sehenswürdigkeiten an: den absurd engen Emerald Court in WC1 – Londons schmalste Strasse – sowie den Crawford Passage, so eng, dass die doppelten gelben Linien links und rechts nur etwa 2 bis 5 Zentimeter voneinander entfernt sind. Dazu das kleinste Polizeirevier Londons am Trafalgar Square (es steckt tatsächlich in einer auffallend geräumigen Zier-Laterne – kein Witz).

Danach wollten wir spektakulärere Formen von „klein“ finden und fuhren nach Frankreich – in einem Auto, das sich nicht gerade als idealer Kandidat für eine kontinentübergreifende Reise aufdrängt. Einfach um zu zeigen, dass kleine Autos nicht nur für Innenstädte taugen. Wir suchten Orte, die eigentlich nur für Zierliches gemacht sind.

Frankreich auf der Autobahn: klein, aber nicht überfordert

Die Autoroutes gehören traditionell nicht dazu. Trotzdem bewährte sich der winzige Picanto – samt ziemlich schickem, halb so gross wirkendem Dachkoffer für zusätzliche Praktikabilitäts-Punkte. Selbst bei rund 120 km/h blieb er stabil und ruhig, auch als mehrere kräftige Regenschauer über uns hinwegzogen.

Schnell ist er nicht. Er kann sich nicht mit einem kurzen Zucken an einer Kolonne vorbeidrücken. Aber er ist leise genug und lässt sich von langen, unsentimentalen Abschnitten auf grossen Strassen nicht aus der Ruhe bringen. Eine längere Steigung bedeutet mitunter: vierter Gang, viele Drehzahlen. Doch nach einem Abstecher nach Reims für eine Übernachtung und einer schweren Etappe hinunter Richtung Lyon – befeuert von fluffigen Croissants und bitterem Kaffee – nahmen wir Kurs auf die D22. Wir waren überzeugt, dass da etwas auf uns wartet. In den Gorges du Nan fanden wir es.

Balconnette-Strassen: Fels, Tunnel, Ausblicke

Die balconnette-Strassen Frankreichs sind irgendwo in den hinteren Ecken des Gedächtnisses vielen vertraut, auf ewig konserviert in Filmszenen. Was weniger bekannt ist: Sie ziehen sich durch den Süden des kalksteinreichen Frankreichs wie ein geologischer Blitz.

Radfahrern sind sie oft geläufiger als Autofahrern. Und als „grossartige Fahrstrassen“ taugen sie nur bedingt, weil sie häufig ohne Sicht, schmal und heikel sind. Es sei denn, man sitzt in etwas, das selbst schmal ist. Unten beginnen viele als klassische Bergpässe: hübsch, bewaldet, mit eng zusammengedrückten Fahrbahnen und Serpentinen, die Höhe liefern – und mit diesem schroffen, vernarbten Boxkampf-Charakter von Bergen, die einem ins Blickfeld geprügelt scheinen.

Doch sobald man an die eigentlichen Balkon-Abschnitte kommt, wird es atemberaubend. Der Legende nach wurden sie von furchtlosen Leuten an den Wänden französischer Schluchten angelegt, die an Seilen hingen und Dynamit in die Felswand warfen, um sich im richtigen Moment wegzuschwingen. So entstand eine Kante, die später ausgehöhlt wurde. Heraus kamen Strassen, in Klippen geätzt, gespickt mit kurzen Tunneln, die einen aus klebriger, schwarzer Enge in Ausblicke spucken lassen – hinab in vom Fluss geschnittene Schluchten unter steinernen Wänden.

[Knoten: feld_karussell-thematisch]

Manche Eindrücke sind nur Momentaufnahmen, wenn man von Tunnel zu Tunnel abtaucht: wie ein viktorianisches Zoetrop, das durch die Windschutzscheibe ruckelt. Andere Abschnitte haben längere Tunnel, in denen Schatten scheinbar tonnenschwer aufliegen – und jedes Wiederauftauchen ist ein Schuss Licht und Landschaft. Nichts davon ist weniger als grossartig.

Allerdings sind diese Strassen nichts für Menschen, die Angst vor senkrechter, frischer Luft haben: Meist trennt einen nur eine niedrige Mauer von sehr langen Gedanken. Aber wer ein oder zwei davon erlebt, will sofort mehr. Eine hübsche Sucht.

Um das ausdrücklich zu sagen: Aus Performance-Sicht machen sie nicht unbedingt „Spass“. Viele sind so eng, dass man ständig an Gegenverkehr denkt, an die letzte Ausweiche – und daran, ob man vielleicht ein Stück rückwärts zurücksetzen muss. Die kleineren, weniger befahrenen Varianten sind bisweilen garniert mit Steinschlag, improvisierten Wasserfällen und dem einen oder anderen zähen Radfahrer, dessen Waden wie Cantaloupe-Melonen aus dem Bein wachsen, während er sich Zentimeter für Zentimeter nach oben schiebt. Trotzdem fühlt es sich nach Abenteuer an – und wie das komplette Gegenteil der praktischen, langweiligen Kompetenz einer Autobahn.

Schwenkt man nach Osten, lässt sich die Gegend um Le Bourg-d’Oisans erkunden, im Schatten von Alpe d’Huez: hinauf, zurück, hinunter durch den Écrins-Nationalpark, vorbei an endlosen hübschen Skiorten, verbunden durch kurze und lange balconnette-Passagen. Springt man zwischendurch über ein Stück gut ausgebaute Landstrasse und hält einfach weiter südlich, gilt: Wer Zeit hat, nimmt am besten willkürliche Abzweige – in den Nebenstrassen steckt oft das brodelnde Potenzial, das die meisten verpassen. Frankreich ist episch, auf eine angenehm vertraute Art.

Verdon und die D952/D23: grosse Kulisse, kleines Auto

So verlockend das Umherstreifen ist: Wir hatten noch etwas anderes vor. Also seilten wir uns gewissermassen über zweifelhafte Berg-Nebenstrassen nach Sisteron ab, an die Ufer der Durance – das Tor zur Provence.

Hier unten findet man mehr von diesen Felswegen, nur bekannter. Die Gorges du Verdon schneiden sich durch ähnlichen Kalkstein der Alpen/Côte d’Azur: stellenweise 700 Meter senkrecht hinab und nur ein paar hundert Meter breit. Rundherum liegen die balconnette-Strassen – leichte Beute für den tapferen kleinen Picanto, der sich willig die Verrenkungen der D952 und D23 hinaufwirft. Das Land wirkt riesig, aber der Kia sprudelte nach oben und hindurch, unbeirrt.

In so einem Auto entsteht überhaupt ein Gefühl von „grossartigem Tagesausflug“: Man nimmt die Ausblicke wahr, ohne den adrenalisierten Tunnelblick, den ein schnelles Auto auslösen kann. Man verarbeitet die Landschaft, nicht nur die Strasse. Man ist mehr dabei – nicht weniger. Und es macht endlos Spass, weil man nicht permanent in Panik ist, aus einem Tunnel zu schiessen und auf einer Strasse, die nur anderthalb Autos breit ist, plötzlich einem Wagen zu begegnen. Die Aussenspiegel sind nicht in Gefahr. Das Leben ist entspannter.

Natürlich: Auf den breiteren Etappen, wenn es hinter den Bergen Richtung Meer geht und die Strassen besser werden, fehlt dann doch etwas – ein bisschen mehr Leistung, ein Hauch mehr Grip, ein wenig mehr.

Im bescheidenen 1,2-Liter-Motor des Kia gibt es kein echtes Leistungsband, das man „abbauen“ könnte. Kein tiefes Drehmoment-Reservoir, das einen über einen schlecht getimten Gangwechsel hinwegzieht. Und auch kein einfaches Klischee, an das man Superlative schrauben kann. Wenn man es verpatzt, steht man fast. Manche der steileren Kehren verlangen tatsächlich den ersten Gang.

„Kleine Autos demokratisieren den Zugang zu leicht epischen Roadtrips“

Und doch ist da etwas restlos Beglückendes daran, aus einem willigen, aber untermotorisierten Auto so viel Tempo wie möglich herauszukitzeln. Und auch etwas sanft Beängstigendes, wenn man so sicher wird, dass die Frontschürze an Gefällestrecken schabt und der Wagen sich bergauf in engen Kurven beinahe wie ein Fahrrad auf zwei Räder stellt. Vielleicht sind die Taschen im Dachkoffer doch ein bisschen zu schwer. Aber in Leichtigkeit steckt Freude, und in Einfachheit liegt eine angenehme Mühelosigkeit.

Das ist kein Auto, das eine Strasse angreift, als würde es sie hassen und in jeder Kurve blaue Flecken hinterlassen. Es ist rücksichtsvoller. Und nach einigen tausend Kilometern fühlt es sich sogar noch stimmiger an.

Der spätere Abschnitt der Route Napoléon auf der D6085 ist zuverlässig ehrfurchtgebietend. Ja, auf diesen weiten, fliessenden Kurven brennt der „schneller!“-Juckreiz, selbst wenn man dafür jede einzelne der 77 PS braucht. Trotzdem beeindruckt der kleine Picanto.

Er wehrt sich erstaunlich gut gegen Untersteuern – dank seines Leergewichts von unter einer Tonne. Kupplung, Bremsen und Lenkung wirken bewusst, aber leichtgängig. Es ist kein anstrengendes Auto, und trotz seines schmollenden Gesichts ist es ungefähr so einschüchternd wie ein riesiger Sack Watte. Nur Vorsicht: Überholmanöver bergauf an Holztransportern sind zäh wie Gletscherbewegungen – das muss geplant sein, mit guter Sicht, und man muss bereit sein, es durchzuziehen.

Gassin und L’Androuno: das Limit von „schmal“

Irgendwann liegen die balconnette-Strassen hinter uns und das Meer vor uns. Ein kurzer Abstecher an der glitzernden Küste entlang nach Saint-Tropez – um ein paar Yachten zu sehen, deren Schlauchboot-Beiboote den kleinen Kia überragen – und dann weiter nach Gassin, nur ein paar Minuten die Küste hinunter. Dort wartet das Finale unserer reichlich sinnlosen Mission.

In Gassin finden wir ihn: den Erzgegner des Picanto – L’Androuno. Möglicherweise die schmalste Passage der Welt.

Es ist eine offizielle Strasse, in die selbst ein schlankes Stadtauto nicht hineinpassen würde: An der engsten Stelle misst sie 290 mm. Also deutlich weniger als die Länge meiner Füsse. Der Name geht auf das lateinische andron zurück, das wiederum vom griechischen Wort für „Männer“ stammt; beschrieben als wenig einladende Gasse, die deshalb den Männern vorbehalten gewesen sei. Sie wird ausserdem mal als schmale Passage zur Abwehr von Angreifern zu Pferd erklärt, mal als „Versteck“ – oder … als Latrine.

Also quetsche ich mich in die Rinne von L’Androuno und mache ein Foto. Nicht völlig festgeklemmt, aber definitiv so eng, dass der Putz von den Wänden an mir entlangschrammt.

Damit sind wir bei der eigentlichen Frage: Was bedeutet „klein“ wirklich – und warum zählt das? Der Picanto gehört zu einem Segment kleiner Benziner, das langsam ausstirbt, und billig sind sie längst nicht mehr wie früher. Die Basisversion kostet inzwischen etwas über 15.500 Pfund. Klingt teuer?

Die neuen GSR-II-Regeln (General Safety Regulation), umgesetzt im Juli 2024, schreiben vor, dass kleine Autos heute mehr als 20 Sicherheitssysteme an Bord haben müssen: darunter fortschrittliche Notbremsassistenten, Blackbox-Aufzeichnung (tatsächlich), intelligente Geschwindigkeitsunterstützung, Notfall-Spurhaltefunktionen und Ähnliches. Mehr Sicherheit und Features wie in grösseren Fahrzeugen – aber eben nicht gratis. Der Picanto wird trotzdem zu den günstigsten Neuwagen in Grossbritannien gehören, ausgestattet mit allem, was man braucht, und noch mehr. Nur eben nicht für ein paar Münzen.

„Klein“ ist am Ende vor allem eine Frage des Kontexts. Aber ein echtes Auto, das wirklich in allen Dimensionen klein ist – bei Aussenmassen, Leistung, Kosten (relativ betrachtet) und Stressniveau – verdient es, geschätzt zu werden. Kleine Autos sind nicht in allem die Besten, aber sie versuchen sich an allem, und sie öffnen leicht epische Roadtrips für mehr Menschen.

Der Picanto ist Kias zweitmeistverkauftes Modell. In ganz Europa gibt es Nachfrage nach kleinen Citycars, doch Hersteller streichen sie zugunsten deutlich grösserer „kleiner“ SUVs. Das ist schade. Denn einfach kann gut sein. Klein kann fähig sein. Und wenn sonst nichts: Autos wie der Picanto zeigen, dass grosse Abenteuer keine grossen Autos brauchen. Nur den Willen – und einen Weg.

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