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Wie ein Porsche 356 A in die Antarktis fährt – mit Renée Brinkerhoff

Silbernes Rennwagen-Cabrio mit Raupenfahrwerk und Skiern als Frontantrieb in dunkler Halle.

Ein normaler Porsche 356 ist das ganz sicher nicht. Keine Photoshop-Spielerei, kein Blechdosen-Nachbau. Hier steht ein echter Porsche 356 A aus dem Jahr 1956. Und warum wirkt er, als wäre er für einen ziemlich wilden Junggesellenabschied mit Sir Killalot geschniegelt? Weil er an einen Ort aufbricht, der alles andere als gewöhnlich ist: kalt, gefährlich – und mit dem Namen „Antarktis“.

Falls du immer noch mit offenem Mund dastehst: Lass ihn ruhig unten. Die Antarktis ist nicht der Anfang dieser erstaunlichen Reise, sondern ihr Ziel – der letzte Halt einer Tour über sieben Kontinente. Auf diesem Weg hat der kleine Fünfziger-Jahre-Porsche rund 32.000 km rund um den Globus abgespult. Im wörtlichen Sinn. Und zwar, indem er an sechs der härtesten und gnadenlosesten Rallyes teilgenommen hat, die der Motorsport zu bieten hat.

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Fotos: Mark Riccioni

Sieben Kontinente: die Weltreise des Porsche 356 A

Los ging es 2017 in Mexiko bei der La Carrera Panamericana – der gefährlichsten Asphaltrallye der Welt. Danach wurde der Wagen nach Australien verschifft, um sich bei der Targa Tasmania zu beweisen, der schnellsten Asphaltrallye der Welt. Weil das offenbar noch nicht genug war, ging es per Schiff weiter nach Südamerika: nach Peru, genauer gesagt zur Caminos del Inca, der ältesten Schotter- und Asphaltrallye der Welt – ein brutal forderndes Rennen mit Höhenlagen von über 4.900 m.

Als Nächstes stand die Peking to Paris Motor Challenge an: 12 Länder, zwei Kontinente, 28.968 km, 36 Tage – und sehr viele Energydrinks. Zum Schluss führte der Weg nach Kenia zur East African Safari Classic Rally … ausgerechnet in der nassesten Saison seit 40 Jahren. Und dann: Antarktis.

Renée Brinkerhoff und der ungewöhnliche Weg in den Rallyesport

Die treibende Kraft hinter dem Projekt ist eine leise auftretende 65-jährige Amerikanerin namens Renée.

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„Die Leute sind immer überrascht, wenn sie mich sehen“, sagt Renée Brinkerhoff. „Die sind dann so: ‚Wow! Das ist ja ein Mädchen!‘ und ‚sie ist … ähm … reif‘. Und wenn man darüber nachdenkt, ist es schon ungewöhnlich. Ich bin eine Frau – meist die einzige Frau – und ich bin in meinen Sechzigern und fahre gegen all diese Männer bei den härtesten Rallyes der Welt. Aber genau das liebe ich!“

Top Gear liebt das auch. Vor allem, weil Renées Weg in den Motorsport nicht nach dem bekannten Rezept ablief: keine 10.000 Stunden im Kart, kein bisschen Autocross, keine Nachwuchs-Rallyes – und erst dann irgendwann der Sprung auf die grosse Bühne, um etwas Verrücktes wie die Safari Rally anzugehen. Sie hat diese Stufen schlicht ausgelassen. Renée begann erst Mitte fünfzig mit dem Rennfahren – ausgelöst durch eine Art Auto-Erweckungserlebnis, und zwar (ausgerechnet) beim Erledigen von Hausarbeit.

„Ich habe Wäsche gemacht und hatte auf einmal den Gedanken: ‚Ich muss Rennen fahren!‘“ Ein paar Jahre später stand sie in Mexiko an der Startlinie der Carrera Panamericana – ohne Erfahrung am Steuer eines Porsche 356, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte.

„Mein ganzer Körper hat unkontrolliert gezittert, ich konnte nicht aufhören. Am ersten Morgen des Rennens sind zwei Brüder, die ein paar Autos vor mir fuhren, überschlagen. Einer von ihnen ist gestorben. Drei Tage später hat ein Auto Feuer gefangen und der Navigator wurde per medizinischer Evakuierung ausgeflogen.“

Wenn das das „kalte Wasser“ war, dann eher Sättigungstauchen. Abschrecken liess sie sich davon nicht: Renée gewann als erste Frau in der Geschichte der Carrera Panamericana ihre Klasse. Und sie kehrte noch mehrere Male zurück, bevor sie den Blick weiter schweifen liess. Ihr Ziel: weltweit Rennen fahren, um Aufmerksamkeit zu schaffen und Kinderhandel zu bekämpfen – über ihre Wohltätigkeitsorganisation Valkyrie Gives.

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Technik-Umbauten am Porsche 356 A für die Antarktis

Inzwischen hat sie sich die grösste und gefährlichste Aufgabe überhaupt gesetzt: 573 km über das härteste und kälteste Terrain der Welt zu fahren und damit als erster Mensch auf allen sieben Kontinenten Rennen gefahren zu sein. Und es kommt noch mehr dazu: Auf dem Rückweg will Renée ausserdem einen Landgeschwindigkeitsrekord für die Antarktis versuchen.

Für eine Expedition dieser Art reichen weder ein dicker Mantel noch eine Tasche voller Gebete. Auf dem Beifahrersitz navigiert der britische Abenteurer Jason De Carteret – ein Mann, der offenbar selten gern zu Hause ist, denn er war fast ein Dutzend Mal sowohl am Nord- als auch am Südpol und stellte dabei mehrere Rekorde auf. Und weil Ferry Porsche beim Entwickeln des 356 kaum „gefrorene Tundra“ im Kopf gehabt haben dürfte, fertigt Antarktis-Experte und Südpol-Rekordhalter Kieron Bradley spezielle Teile an, um die Reise überhaupt möglich zu machen. Um die öligen Angelegenheiten kümmert sich der luftgekühlte-911-Spezialist und Kopf hinter dem Singer ACS: Richard Tuthill.

Der erste Schritt: der Motor. Das bekannte Problem beim 356 ist normalerweise, den luftgekühlten Antrieb – nun ja – kühl zu halten. Doch wenn die Temperaturen im Landesinneren auf fast -90 °C fallen können und Böen bis zu 322 km/h erreichen, wird es bei dieser Fahrt um das Gegenteil gehen: Vergaser und Kraftstoff können sehr schnell einfrieren. Deshalb gibt es nun ein neues Warmluft-Ansaugsystem und eine clevere Leitungsführung, damit alles schön auf Temperatur bleibt.

Am auffälligsten sind diese furchteinflössenden Raupenketten hinten. Im Effekt simulieren sie einen extrem platten Reifen: maximale Verdrängungsmasse (damit man nicht ins Eis einsackt) bei gleichzeitig möglichst grosser Aufstandsfläche für Traktion. Dabei hilft auch, dass der 120 bhp starke Vierzylinder im Heck sitzt. Riesige Ballonreifen würden bedeuten, dass man Karosserieblech wegschneiden müsste – ausserdem würden sie enorme Lasten auf die Antriebswellen bringen. Dann bräuchte es Portalachsen- oder Untersetzungsnaben, um das Getriebe nicht zu überhitzen. Keine gute Idee, wenn die nächste Porsche-Werkstatt tausende Kilometer entfernt ist.

Vorne wirken die Skier fast schon simpel – aber das sind ganz sicher keine Leihski aus dem Sportgeschäft. Sie bestehen aus hochentwickeltem Chromstahl, werden gefertigt und anschliessend wärmebehandelt. Die Lauffläche besteht aus Polytetrafluorethylen mit ultrahoher Dichte; durch die Mitte läuft eine Klinge, die für Biss sorgt und das typische Antarktis-Untersteuern reduziert.

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Schutz vor Spalten und die Logistik bis zum Union Glacier Camp

Dann ist da noch dieses regalartige Teil, das vorne aus der Stossstange ragt. Und nein: weder Sprungbrett noch Siegerpodest für zwei mögliche Weltrekorde. Es gehört zu den wichtigsten Sicherheitskomponenten am Auto – als Schutz vor der tödlichsten Gefahr, die ihnen begegnen kann: Gletscherspalten.

Diese tiefen, oft versteckten Schlünde im Eis können sich hunderte Meter nach unten ziehen und ganze Fahrzeuge verschlucken. Und wenn etwas hineinrutscht, kommt es nur selten wieder heraus. Genau deshalb sitzt diese lange Stange vorn am 356: Sie soll verhindern, dass das Auto kopfüber in eine Spalte kippt, indem sie sich vorher verkantet und den Wagen abstützt. Praktischerweise sind darin auch Solarzellen untergebracht, um die Kommunikationssysteme an Bord mit Strom zu versorgen. Ausserdem dient sie als Ablage, um Ausrüstung umzupacken und damit Balance und Gewicht des Autos zu beeinflussen – entscheidend, falls die Bedingungen umschlagen.

Als Roadtrip haben Renée und ihr Team sich damit eine der wildesten, teuersten und exklusivsten Reisen der Welt ausgesucht. Und eine der riskantesten. Während du das hier liest, dürfte der Porsche bereits auf dem Weg per Schiff nach Chile sein – um anschliessend in eine russische Ilyushin IL-76-Frachtmaschine verladen zu werden, die Team und Auto im Dezember in die karge, unberührte Weite des Union Glacier Camp bringt. Wir wünschen ihnen viel Glück. Und ja: Jetzt darfst du deinen Kiefer wieder hochklappen.

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