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VW Golf vs. VW ID.3: Supermarkt-Parkduell in 60 Minuten

Luftaufnahme eines Parkplatzes mit mehreren geparkten blauen und gelben Autos in einem Industriegebiet bei Sonnenuntergang.

Parkplatzfrust: britische Paradedisziplin mit Nebenwirkungen

Zu den britischen Spezialitäten gehören Wetter-Geplänkel, das Nörgeln über Bus und Bahn – und natürlich das Anstehen. Bevor man sich aber geschniegelt in die Schlange stellen kann, muss das Auto erst einmal irgendwo hin, und genau das ist ein moderner Alltagsärger, der eher schlimmer als besser wird. Eine aktuelle Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche Brite 44 Stunden pro Jahr damit verbringt, einen brauchbaren Parkplatz zu finden – und dann auch noch das verflixte Manöver sauber zu Ende zu bringen.

Die Zeit und der Sprit, die bei der Parkplatzsuche draufgehen, belasten die britische Wirtschaft laut Berechnungen mit 23,3 Milliarden Pfund pro Jahr. Und auch die Versicherungspost ist unerquicklich: Der RAC schätzt, dass zwei Drittel der Briten mindestens einmal einen Parkrempler erlebt haben; 48 Prozent dieser kleinen Kollisionen bei niedriger Geschwindigkeit passieren ausgerechnet vor Supermärkten.

Operation Supermarkt-Spießrutenlauf

Dein Auto hat vielleicht einen Sportmodus. Vielleicht wurde es sogar auf dem Nürburgring feinabgestimmt. Doch das nervenaufreibendste, risikoreichste Stück Präzisionsfahren, das ihm wahrscheinlich jemals begegnet, ist etwas ganz anderes: Operation Supermarkt-Spießrutenlauf. Für einen Familien-Kompakten ist das ein echtes Grauen. Gefahren warten überall: der entlaufene Einkaufswagen, die abgelenkte Betreuungsperson. Und Barry, 43, der verzweifelt versucht, noch vor Ladenschluss am Hochzeitstag rechtzeitig zur Blumenabteilung zu hechten.

Ein VW Golf in Warnwesten-Optik ist in diesem kleinen Kriegsschauplatz ein passendes Werkzeug: relativ kompakt, mit brauchbarer Rundumsicht. Praktisch. Handlich. Bis hierhin ist er 2021 Grossbritanniens drittmeistverkauftes Auto – und der erklärte Liebling unter den Familien-Kompakten. Doch weil er jung und leicht zu beeindrucken ist, behauptet TGs Greg Potts, es gebe schon den nächsten Bestseller in Wartestellung, der für das knorrige, weiss markierte Schlachtfeld sogar noch besser geeignet sei. Oder, Gregory?

Text: Ollie Kew und Greg Potts
Fotos: Mark Riccioni

[Knoten:Feld_Karussell-Thema]

VW Golf vs. VW ID.3: zwei Konzepte im Parkhaus

GP: 44 Stunden pro Jahr nur fürs Parken? Ich wette, das liesse sich halbieren, wenn alle Elektroautos fahren würden – kurze Überhänge und diese blitzschnellen Sprints von 0–16 km/h. Dann bliebe mehr Zeit fürs endlose Durchscrollen von Memes oder fürs Sitzen auf dem Klo – darum drehen sich solche Umfragen doch meistens, oder? Der ID.3 ist der logische Erbe des Golf-Throns bei den Kompaktwagen. In diesem Jahr haben in Grossbritannien die Verkäufe vollelektrischer Fahrzeuge bereits die Diesel überholt, und das Verbrenner-Aus 2030 rückt immer näher.

VW ist darauf angewiesen, dass sich der ID.3 in riesigen Stückzahlen verkauft. Und um die Marge zu verbessern, wirkt es so, als hätte man für den Innenraum in Dacias Restekiste nach abgeschnittenen Verkleidungsteilen gewühlt. Der Golf fühlt sich innen solider an – aber ich halte meine Chancen trotzdem für gut.

OK: Ich bin überzeugt, dass Konkurrenz Qualität nach oben treibt. Deshalb habe ich mir eine kleine, fiese Aktion ausgedacht, um dieses Volksauto-Duell zu entscheiden. Die Inspiration kommt von einem gewissen Gareth Wild aus Bromley: Er verkündete Anfang des Jahres den Abschluss einer sechsjährigen Mission, bei seinem wöchentlichen Einkauf jeden einzelnen der 211 Parkplätze vor seiner Sainsbury’s-Filiale einmal genutzt zu haben.

Respekt – aber in der Zeit, die du gebraucht hast, das zu lesen, sind schon wieder 17 Briten in Parkchaos geraten. Wir stellen die Uhr auf 60 Minuten. Elektro gegen Benzin. Handschaltung gegen Automatik. Jung gegen ein kleines bisschen weniger jung. Wer schafft in einer Stunde die meisten gelungenen Parkvorgänge? Es gibt Strafpunkte für Einkaufswagen-Dellen und einen Bonus für einen Platz am Ende der Reihe. Mehrwegbeutel griffbereit. Los!

60-Minuten-Challenge: die ersten Treffer

GP: Start wie aus der Pistole. Dieser ID.3 hier ist der eher einfache Life Pro mit 58 kWh Batterie und nur 143 bhp, aber er hat Heckantrieb und verspricht 0–100 km/h in unter 10 Sekunden. Von 0–8 km/h lasse ich dich alt aussehen – und genau das zählt auf Parkplätzen. Ausserdem sitzt man hoch, viel höher als im Golf, mit reichlich Glasfläche und geteilten A-Säulen. So sehe ich besser an diesem Kinderwagen vorbei in Richtung Eltern-Kind-Parkplätze.

OK: Ich verlange, dass der Schiedsrichter diesen Parkplatz nicht wertet – du bist näher dran, selbst ein Kind zu sein, als eins zu haben, Kumpel. Der Golf reagiert nicht so unmittelbar wie der ID.3, aber sein meistverkaufter Motor, ein 1,5-Liter-Turbo, ist ein Volltreffer. Auf dem Weg hierher kam ich auf 4,7 l/100 km. Als bekennender Jünger der Handschaltung muss ich allerdings zugeben: Rückwärtsgang im Stress zu finden, ist manchmal ein kratziges Gefummel.

GP: Ich habe auch meine Sorgen, du Analog-Typ. Warum sind Parkplätze eigentlich immer von Fahrschülern bevölkert, die zaghaft üben, wie man eine Kupplung nicht grillt? Einer mit L-Schild ist vor mir abgestorben und hat wertvolle Sekunden verbrannt. Weiss der denn nicht, dass das hier der Schmelztiegel des Motorsports ist? Und hast nicht du den Parkplatz ausgesucht? Das nenne ich Heimvorteil.

OK: Es kann gut sein, dass ich genau hier irgendwann in den Nebeln von 2009 echte Fahrstunden hatte. Sonst noch Ausreden?

Hilfen, Geräusche und kleine Gemeinheiten

GP: Unfassbar, dass du dir eine Rückfahrkamera gegönnt hast. Echte Könner schalten diese begriffsstutzigen Parksensoren aus und schauen über die linke Schulter …

OK: Stimmt – ein 300-Pfund-Extra beim Golf, aber eines, an das man sich erschreckend schnell gewöhnt. Wenigstens hat keines dieser bescheiden ausgestatteten Exemplare Selbstpark-Automatik. Wer hat bitte die Zeit, zuzusehen, wie so ein pessimistisches System sich in Zeitlupe in eine Parklücke tastet?

GP: Keine Ahnung. Ist dir aufgefallen, dass dein Golf beim Rückwärtsfahren wie ein Stuka-Bomber jault, während mein ID.3 in beide Richtungen einfach nur gleitet, ohne die Nummer „verletztes Tier“ zu geben?

OK: Ich würde sagen, das ist ein Sicherheitsmerkmal. Dieses merkwürdig pulsierende „Ich bewege mich hier rüber“-Bimmeln aus dem ID.3 klingt dagegen wie ein schlecht nachvertontes Hollywood-Geräusch. Um deinen Wendekreis beneide ich dich allerdings.

GP: Wusste ich’s doch. Durch die futuristische Antriebsverpackung drehe ich in einer Lücke von 10,2 Metern. Gute Füsse für einen grossen Mann und so …

OK: Glaub bloss nicht, dass mir entgangen ist, wie du gegen die Einbahn-Pfeile falsch herum fährst, um dir einen Abkürzungsvorteil zu erschummeln, Potts. Das ist eine Technik direkt aus der Michael-Schumacher/Vauxhall-Mokka-Schule des unsportlichen Supermarkt-Park-Challenge-Fahrens. Ach ja: Ich habe genug Benzin an Bord für 724 km. Wie lange dauert es, bis die Reichweitenangst dich dazu bringt, drinnen ein Verlängerungskabel und ein Sparpaket Eigenmarken-Batterien zu kaufen?

GP: Bei diesen Geschwindigkeiten ist der ID.3 extrem effizient – ich bin sicher, ich könnte die versprochenen 425 km WLTP-Reichweite sogar locker schlagen, wenn wir das den ganzen Tag durchziehen würden. Und wenn ich auf die Ausstattung Tour mit der 77 kWh-Batterie gehen würde, gäbe es 201 bhp und 547 km Reichweite. Wann bist du zuletzt 724 km gefahren, nur um Milch und eine Dose Horlicks zu holen? Ich weiss, du bist alt, aber du kannst doch bestimmt die richtige Postleitzahl fürs Online-Bestellen und Abholen eintippen?

Innenraum, Gefühl und der Punkt mit der Zukunft

OK: Frechheit. Aber gut: Alter bedeutet auch Erfahrung – unter anderem mit früheren Golfs. Ich bleibe dabei, dass die grosse Knopf-Entfernung im Innenraum des MkVIII eine katastrophale Entscheidung war. Trotzdem: Selbst während VW fürs elektrische ID-Gewitter spart, wirkt dieser Golf immer noch wie ein durch und durch sauber konstruiertes Auto. Die Bedienung ist so geschmeidig und stimmig abgestimmt. Die Türen fallen mit sattem Gewicht und endgültigem „Klack“ ins Schloss. Wenn jetzt ein Mann in einer Paillettenjacke herüberkäme, mir sagte, ich sei Kunde Nummer 10,000,000 und hätte einen Golf fürs restliche Leben gewonnen, wäre ich immer noch ziemlich glücklich. Nur: So gut wie jetzt wird ein Golf vermutlich nie mehr werden – während du gerade das Auto fährst, das irgendwann als der primitivste, fehlerhafteste ID-Volkswagen gelten wird, den VW je auf die Räder gestellt hat …

GP: Für einen ersten Wurf ist er allerdings wirklich stark. Vielleicht Anfänger-Glück. Die Lenkung ist superleicht, und auch wenn er nicht so einbindend fährt wie dein Dino-Kompakter, liesse sich das lösen, wenn VW vorne in das freigelassene Loch noch einen zusätzlichen Motor stopft. Allrad-ID als Golf-R-Konkurrent – warum nicht?

Punkte zählen

OK: Mein linker Arm ist vom Wechsel Rückwärtsgang–Erster gefühlt halb zerstört, und ich zucke schon nervös beim Spiegelcheck. Zeit für Zahlen: Wie viele Parkvorgänge hast du?

GP: Ich komme beim ID.3 auf 183, wobei manche nicht perfekt gesetzt waren. Eher „kurz rein für eine Tüte Chips“ als „jetzt wird der Wocheneinkauf erledigt“.

OK: Ich will nicht behaupten, das hier sei komplett sinnlos gewesen – aber ich habe 182 geschafft. Normalerweise würde ich auf ein Stechen bestehen, doch 45 Stunden pro Jahr Parken reichen jedem Menschen.

Urteil

VERDICT: Der MkVIII Golf bleibt eine sehr vernünftige, akzeptable Antwort auf die Frage „Welches Auto soll ich kaufen?“. Aber wenn du ohnehin beim Händler bist, fahr unbedingt auch einen ID.3 Probe.

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