Kaum ein Antrieb passt so nahtlos zu einem Rolls-Royce wie Elektromotoren. Schon CS Rolls formulierte es 1900 so: „Das Elektroauto ist vollkommen geräuschlos und sauber. Es gibt keinen Geruch und keine Vibrationen.“ Vorausschauend schob er allerdings nach, dass ihn die Infrastruktur beschäftigt.
Nach 120 Jahren Versuchen ist kein Rolls-Royce mit Benzinantrieb so geschmeidig, so leise oder so spontan wie der Antrieb eines Nissan Leaf von 2011. Oder – für diesen Kontext noch treffender – eines Tesla Model X von 2015: ein kräftiges, schweres Auto, das weit kommt und schnell lädt. Genau das beginnt sich nun zu verschieben: In etwa einem Jahr soll dieser ausgesprochen beeindruckende, vollelektrische Spectre bei den ersten Kundinnen und Kunden ankommen. Deshalb stellt TopGear Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös die naheliegende Frage: Warum erst jetzt? Seine Antwort kommt ohne Zögern. „Die Kunden haben immer gesagt: Es muss zuerst ein Rolls-Royce sein, erst danach elektrisch.“
Kundschaft und Elektroautos: Warum der Schritt jetzt kommt
Rolls-Royce kennt diese Kundschaft sehr genau. Auch wenn die Zahl der Käuferinnen und Käufer weiter wächst, gibt es insgesamt weiterhin nicht allzu viele. Müller-Ötvös fragt sie seit einem Jahrzehnt, wie sie zu EVs stehen. „Wenn man vergleicht, wo die Kunden damals standen und wo sie heute stehen, hat sich das massiv verändert. Im Schnitt besitzen sie sieben Autos, und viele haben bereits ein Elektroauto. Das Feedback zum elektrischen Antrieb allgemein ist sehr positiv.“ Der Spectre muss ihnen die Idee eines Ladekabels anstelle eines Schlauchs mit explosiver Flüssigkeit also nicht erst erklären.
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Fotografie: Mark Fagelson
Rolls-Royce hat sogar schon 2011 ein Demonstrationsprojekt gebaut: einen umgerüsteten Phantom mit dem Namen 102EX. Ich erinnere mich noch gut an die Fahrt. Er war Rolls-Royce im Quadrat: leise, sanft, schwebend. „Das passt perfekt zu dem, wofür die Marke steht. Wir definieren uns nicht über Motorklang oder einen lauten Auspuff.“ Doch die Reichweite des 102EX war so kurz, wie seine Ladezeit lang war. „Vor zehn Jahren lag es nicht daran, dass die Kunden nicht bereit gewesen wären. Die Technik war nicht auf dem richtigen Niveau – Batterie, Antrieb und, noch wichtiger, die Software. Heute ist sie es, in einer Qualität, die es uns erlaubt, einen Rolls-Royce zu bauen. Es gibt keinen Kompromiss. Es ermöglicht ein grösseres Auto, Raum, ausreichende Reichweite und das richtige Laden. Und moderne Software, die die Bedienung einfach und interaktiv macht. Ausserdem wollte ich keinen Kompromiss, indem man ein Verbrennerauto umkonvertiert.“
Rolls-Royce Spectre als Coupé: Rolle im Modellprogramm
Zu unserer grossen Freude wird der erste elektrische Rolls-Royce ein Coupé. „Der Spectre ist für uns so wichtig wie der Silver Ghost.“ Da der 40/50HP Ghost bereits 1906 auf den Markt kam, dürfte er das kaum leichtfertig sagen. „Das ist der Beginn einer neuen Ära für Rolls-Royce – und das muss gefeiert werden. Ein Fastback-Coupé ist ein emotionales Auto.“ Seine Aufgabe ist im Kern, das spektakuläre Phantom Coupé zu ersetzen, das seit 2016 nicht mehr im Programm ist.
Der Spectre ist unmissverständlich ein Rolls-Royce in voller Grösse. Also: wirklich gross. Die Räder messen 23 Zoll (rund 58 cm) im Durchmesser – eine Dimension, die selbst einen Range Rover nebenbei wie einen Golf wirken lassen kann. Mit einer Ladung sollen 320 Meilen (WLTP), also etwa 515 km, möglich sein.
Natürlich zählt die Aerodynamik, und mit BMWs Expertise – endlose CFD-Simulationen und viele Stunden im Windkanal – kommt er auf einen cW-Wert von 0,25. Saubere Arbeit, aber man sollte die Dimensionen nicht vergessen: Durch diese Stirnfläche muss trotzdem reichlich Luft geschoben werden. Und dann ist da noch die Masse: 2.975 kg leer.
Trotzdem nennt Rolls-Royce 0–62 mph in 4,5 Sekunden, also 0–100 km/h in 4,5 Sekunden. Das ist der Effekt von Motoren vorn und hinten, zusammen 585 bhp (ca. 436 kW) und 664 lb ft (ca. 900 Nm).
Vor allem aber ist der Spectre eine herrlich dekadente Erscheinung.
Design und Innenraum des Rolls-Royce Spectre
Neben dem typischen Rolls-Royce-Auftritt muss der Spectre auch so aussehen wie ein Rolls-Royce. Das Gesicht bringt er mit: der Grill im Stil eines griechischen Tempels und die „Spirit of Ecstasy“-Figur. Nur eben nicht ganz in der üblichen Ausführung.
Der Kühlergrill ist der breiteste, den es je an einem Rolls-Royce gab. Gleichzeitig ist er weitgehend luftundurchlässig, denn es gibt keinen V12, der gekühlt werden müsste – Priorität hat die Reduzierung von turbulenten Verwirbelungen. Nachts werden die Lamellen von unten angestrahlt, als zusätzliche rollende Inszenierung. Oben am Scheitel sitzt eine neue Interpretation von Eleanor Thornton, stärker nach vorn in den Wind gelehnt. Links und rechts davon: geteilte Scheinwerfer, zuletzt am Phantom Coupé zu sehen. Die oberen Lichtklingen leuchten dauerhaft; darunter treten die Hauptscheinwerfer aus einer geheimnisvoll rauchigen Dunkelheit hervor.
Die Flächen der Karosserie wirken kompromisslos selbstsicher. Wer sich umschaut, wie viele Autos heute relativ glatte Flächen und nur wenige Charakterlinien tragen, merkt schnell: Das ist schwer – oft sehen solche Formen schmalbrüstig oder zerbrechlich aus. Beim Spectre sind die Ebenen jedoch genau richtig, und das Ergebnis ist eine fast monolithische Stärke. Die wenigen vorhandenen Linien sind messerscharf; durch die Spannung der Flächen wirkt es eher wie ein Block aus herausgearbeitetem Metall als wie gebogenes Blech. Auch der Chromschmuck verstärkt den Eindruck: wie aus der Masse gehauen und poliert. Die Türgriffe könnten direkt von einem Tresor stammen.
Nur zu: am Griff ziehen. Rolls-typisch sind die Türen hinten angeschlagen, man geht schlicht hinein und wieder hinaus. Wie aussen ist auch innen alles sehr „Rolls“ – nur eben nochmals besser. Niemand macht das so. Seit Beginn der Goodwood-Ära 2003 tragen alle Rolls-Royce diese selbstbewusste Schlichtheit, eine Art Möblierung, die nur wenig mit klassischer Automobilsprache zu tun hat. Besitzerinnen und Besitzer erkennen die taktilen, physischen Bedienelemente der Klimatisierung und den iDrive-Controller.
Zum ersten Mal werden die Instrumente auf einem Bildschirm dargestellt – zum Glück weiterhin als Simulation analoger Rundinstrumente. Dazu sind sie farblich konfigurierbar, passend zu Stoffen und Ledern, die die Kundschaft in Auftrag gibt.
Ziemlich wilde Deko bei diesem Fotoauto, oder? Die Sitze haben das, was Rolls-Royce „Lapel“ nennt: eine Art Revers, ein Abnäher in der Polsterung, der eine zusätzliche Möglichkeit für Kontrastdetails eröffnet. Bei den Türen gibt es entweder das „Starlight“-Feature mit – man zählt sie besser nach – 4.796 kleinen Lichtpunkten. Oder man entscheidet sich für riesige Holzflächen. Ein weiteres Sternenpanel erstreckt sich zudem über die Beifahrerseite des Armaturenbretts.
Alltag, Nutzung und Reichweite: 320 Meilen (WLTP) im Kontext
Es ist ein vollwertiger Viersitzer. „Kein 2+2“, betont Müller-Ötvös. Raum ist Luxus – und man möchte vielleicht Freunde mitnehmen. Gleichzeitig ist es ein Coupé, und wahrscheinlich wird es nicht chauffiert. Wie wird die Kundschaft es also fahren?
Bei durchschnittlich sieben Autos in der Garage ist das für sie kein Pendlerfahrzeug. Es geht eher um die gelegentliche Fahrt: Ausflug, Unterhaltung, ein Abend in der Stadt oder einfach „eine Runde drehen“. Ich bin einmal an einem Tag mit einem Phantom Coupé bis ans andere Ende Frankreichs gefahren. Für diese Aufgabe fällt mir kaum ein besseres Auto ein – und trotzdem bedeutete es einen un-luxuriösen, sehr frühen Start und zu viele Snacks an Tankstellen. Ein echter Rolls-Royce-Besitzer würde das nicht so machen. Er würde unterwegs im Hôtel Château de Posh stoppen – und dort selbstverständlich einen Ladepunkt finden. Zu Hause gibt es eine Wallbox, am Arbeitsplatz ebenfalls. Und so weiter.
Damit ist die Reichweite des Spectre – ungefähr 320 Meilen (WLTP), also rund 515 km – mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr als ausreichend. „Besitzer fahren nicht am Stück von London nach Edinburgh. Bei unseren Autos ging es nie um Reichweite.“ Ein Rolls-Royce mit V12 komme nicht auf 320 Meilen, „und niemand hat uns je nach einem grösseren Benzintank gefragt“.
Batterie, BMW-Technik und Fahrwerkssoftware
Die Batterie nutzt den neuesten Zelltyp von BMW, doch der Akku ist in einer eigenen Form ausgeführt, damit er in den Fahrzeugboden des Spectre passt. Auch die Motoren stammen von BMW: EESM-Maschinen, die ohne seltene Erden auskommen und bei hohen Geschwindigkeiten effizient arbeiten.
Die Struktur basiert auf einer Variante der nur in Goodwood verwendeten Aluminium-Architektur. Als man diese Plattform entworfen hat, war vollelektrischer Antrieb bereits Teil des Pflichtenhefts – noch bevor sie im Phantom erstmals eingeführt wurde.
Beim Fahrwerk setzt der Spectre auf Luftfedern, Resonatoren zur Beruhigung von Radschwingungen, adaptive Dämpfer, variable Wanksteifigkeit und Allradlenkung. Am stolzesten ist man dort allerdings nicht auf die Hardware, sondern auf die Algorithmen, die das Gesamtsystem steuern. Wie gut das am Ende abgestimmt ist, lässt sich erst beurteilen, wenn wir es gefahren sind.
Der Preis für das Ganze liegt „zwischen Cullinan und Phantom“ – also bei rund einem Drittel einer Million Pfund, mit anschliessender Tendenz nach oben, sobald die in Auftrag gegebenen Optionen dazukommen.
Also frage ich Müller-Ötvös nach der Marge. Er sagt, inzwischen könne er ein Elektroauto zu denselben Kosten bauen wie ein V12-Modell. Genau darin steckt ein weiterer gewichtiger Grund, warum man nicht früher umgestellt hat: Es ist schlechtes Geschäft, jemandem ein EV zu verkaufen, das weniger einbringt als der V12, den es ersetzt. Deshalb vermute ich, dass der Zeitpunkt des Spectre nicht nur damit zu tun hat, dass die Technik nun verfügbar ist. Den Ingenieurinnen und Ingenieuren bei BMW und Rolls-Royce traue ich zu, dass sie es auch früher hätten umsetzen können. Sie mussten es nur nicht.
Wie der Chef es ausdrückt, hat Rolls-Royce Jahr für Jahr mehr Benziner verkauft. „Es gab keinen Grund zur Eile.“
Nun ist dieser Moment gekommen. Käuferinnen und Käufer wollen ein Elektroauto, und es wird Geld verdienen. Vor allem aber lässt es sich nach Rolls-Royce-Massstäben umsetzen. Betrachtet man das Ergebnis, wirkt es sogar so, als könnte es diese Messlatte womöglich noch übertreffen.
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