Bis hierhin ist der Bentley Batur der teuerste und zugleich stärkste Serien-Bentley, den es je gegeben hat. Noch bevor lokale Steuern und Extras dazukommen, liegt der Preis bei über 1,6 Millionen Pfund. Unter der Haube steckt eine der letzten Ausbaustufen des fast zwei Jahrzehnte alten 6,0-Liter-W12-Bi-Turbo – von sehr klugen Leuten und mit sehr komplexem Werkzeug „effizienter“ gemacht. Was im höflich-zurückhaltenden Bentley-Sprech natürlich vor allem bedeutet: stärker als je zuvor. 730 bhp und 737 lb ft Drehmoment (1.000 Nm, wenn man es gern glatt mag), anliegend von 1.750/min bis 5.000/min – die Drehmomentkurve wirkt so flach wie eine Parkbank. Der Batur ist erschreckend teuer, extrem exklusiv, sehr kräftig und sehr, sehr schnell.
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Fotografie: Mark Fagelson
Auf Teneriffa im Sturm: viel Leistung, kaum Tempo
Das tut weh. Denn seit vier Stunden bewege ich mich im strömenden Regen mit maximal rund 56 km/h vorwärts und rufe vielleicht 60 der verfügbaren Pferdestärken ab. Die Sicht schrumpft auf ungefähr 6 Meter, und man ahnt, dass hinter der dicken, nassen Nebeldecke eigentlich Ausblicke lauern müssten – allein weil sich die ansteigenden, schlangenförmigen Strassen so auffällig bemühen, spannend zu sein. Doch Sturm Oscar hat Teneriffa bei unserer Ankunft mit klammen, erdrückenden Armen umschlossen; damit sind alle Pläne Makulatur. Die Strassen mögen reizvoll sein – bei diesem Wetter ist der Batur jedoch grotesk überqualifiziert. Das Rucksack-Atomkraftwerk unter den Ferien-Mietwagen.
Mulliner, Bacalar und die Design-Vorschau auf elektrische Bentleys
Immerhin bleibt Zeit, über dieses seltsam fesselnde Auto nachzudenken. Mulliner hat den Batur im vergangenen Jahr als coachbuilt Kleinserie mit 18 Exemplaren aufgelegt. Er steht als Schwesterauto neben dem offenen Bacalar und soll – zumindest optisch – gleichzeitig ein Hinweis auf die kommende, elektrifizierte Bentley-Zukunft sein.
Als Zweisitzer-Coupé gedacht, trägt der Batur hinten keine klassischen Rücksitze mehr: Dort sitzt nun eine Bank, auf der ein massgeschneidertes, passgenaues Gepäckset untergebracht werden kann. Designer Andreas Mindt lässt den Batur auf der Basis des Continental GT Speed entstehen, wobei die Karosserie aus Carbon nicht einfach nur kopiert, sondern Formen bewusst verschiebt: Es sieht aus wie ein Conti, der aus einem Science-Fiction-Filmset des Jahres 2035 herausgefahren ist. Und irgendwie ist er das auch.
Vom GT Speed bleiben im Wesentlichen nur Windschild, Dachquerträger und ein paar Innenraumformen übrig. Vorn wirkt das Gesicht moderner: schmalere LED-Scheinwerfer, dazu ein aufrechter stehender Kühlergrill. Oberhalb der Leuchten ziehen sich zwei markante Linien nach hinten, bis hinunter zum Fuss der C-Säule. Bentley nennt das eine „endlose Motorhaube“ – ein Stilmittel, das die Seitenansicht sichtbar streckt.
Die vertraut wuchtigen Schultern sorgen weiterhin für Masse, doch das Heck ist sauber eingezogen und wirkt dadurch athletischer; auch hier fallen die kompakter gestalteten Rückleuchten auf. Schräg angeschnittene Endrohre aus Titan sind ein klarer Wink auf das Kraftwerk vorn. Für ein Auto in dieser Preisklasse ist der Auftritt erstaunlich subtil – und draussen in der Realität deutlich eindrucksvoller als auf Fotos, weil kein Objektiv die Perspektive „klauen“ kann.
Innenraum: Luxus wie im GT Speed – nur noch kostbarer
Und trotzdem: Für Millionen ein Auto, das auf einem rund 230.000-Pfund-GT basiert, wirkt erst einmal absurd. Innen fühlt es sich an wie eine extrem opulente Steigerung des Speed – mit spektakulären Details. Dazu zählen Lüftungsdüsen und Drehregler im „Orgelpfeifen“-Design aus 18-karätigem Gold (alternativ sind diese Bedienelemente auch in Titan erhältlich), nachhaltig verarbeitete Leder sowie Oberflächen, die man ständig anfassen möchte.
Das optionale Naim-Audio-System ist vermutlich die beste In-Car-Anlage, die es gibt – wobei sie für 50.000 Pfund auch genau das sein sollte. Dennoch bleibt die Herkunft erkennbar: Aussen ist nahezu alles neu, aber sobald man das Emblem gesehen hat, muss man die DNA nicht lange analysieren, um die Verwandtschaft zum GT Speed zu verstehen.
Über den Wolken am Teide: wenn der Batur plötzlich Sinn ergibt
Nach ein paar Tagen mit dem Batur merkt man allerdings, dass er mehr ist als die Summe aus Einzelteilen und vertrautem Unterbau. Diese Erkenntnis kommt am zweiten Tag – und sie hat weniger mit Technik als mit Wetter zu tun.
Auf dem Weg hinauf durch Teneriffas „Regenwald light“ verändert sich die Umgebung Schritt für Schritt: erst weniger sattgrün, dann zunehmend karg, bis es eher marsianisch wirkt. Mit der Höhe durchstossen wir die Wolken – und finden: Sonne. Schwere, prächtige Sonne, voll von nachmittäglichem Gold. Und einen Vulkan.
Die Kulisse ist grossartig, und der Bentley liefert dazu ab. Plötzlich wirkt der Lack tiefer, breiter, lebendiger. Details springen ins Auge, Linien werden eindeutig. Ob das wirklich die künftige Form elektrischer Bentleys sein soll, bleibt schwer zu glauben – diese lange Motorhaube schreit nach Verbrenner. Doch abseits der gerade erst sichtbaren Eleganz des Batur ist die Landschaft ebenfalls dramatisch: Die Bäume sind verschwunden, ersetzt durch sprödes, vulkanisches Gestein, das sich bis zum Horizont zieht; grosse Flächen sind aus dem Hang herausgeschnitten.
Der Teide mag derzeit ruhen, aber sein letzter „Beitrag“ hat Narben hinterlassen. Hart, aber schön. Der morgendliche Schlagregen hat zudem die Touristen vertrieben – vermutlich liegen sie nun unten am Strand und brutzeln leicht in Piz Buin. Abgesehen von ein paar zähen Gestalten in gemieteten Seats sind die Strassen im Nationalpark praktisch leer. Und sie sind gut.
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Geröll auf der Fahrbahn: Sekunden, die im Hals stecken bleiben
Ganz ohne Probleme geht es dennoch nicht. Der Sturm hat mit nassen Pfoten in die Felswände gegriffen, Material gelöst und einzelne Stücke dem Gesetz der Schwerkraft überlassen – bis sie auf der Strasse liegen bleiben. Das sorgt für ein paar echte „Herz in den Mund“-Momente.
Endlich gibt es wieder Sicht nach vorn und mehr Grip als auf den nassen Serpentinen. Der Batur rollt mit ordentlich Tempo dahin, zieht gelassen seine Linien, fast wie ein ledergefütterter Bob, beeindruckend und souverän schnell. Und dann: eine Kurve – und dahinter ist die Fahrbahn voller Steine. Grosse Steine. Brocken in der Grösse von Strandbällen, die ganz sicher nicht unbemerkt zwischen den Rädern hindurchpassen.
Ein scharfes Einatmen, die ersten faustgrossen Steine unter dem Auto durchlassen, dann ein kurzer Haken nach rechts, sofort ein Schlenker nach links – und weiter Ausweichen vor scharfkantigen „Geschossen“, die quer über die Fahrbahn verteilt liegen. Ein geologischer Elchtest auf nasser Strasse, mit 60 m Abgrund auf einer Seite, in einem fremden Auto für über eine Million.
2,5 Tonnen, die sich wie weniger anfühlen: Fahrwerk, Allrad und Elektronik
In einem Fahrzeug mit mehr als zweieinhalb Tonnen Gewicht hätte das mit einem unangenehmen Gespräch mit der Versicherung und einer Lackierung enden können – wenn nicht mit einer sehr schnellen Abkürzung Richtung Strand. Und doch sprang der Batur los wie ein heisser Kompaktwagen; wir flackerten durch die improvisierte Schikane, und ausser einem deutlich erhöhten Puls und einem leicht angeschlagenen Ego blieb nichts zurück.
Es wäre schön zu behaupten, Fahrer-Können hätte das Schlimmste verhindert – das wäre gelogen. Der Batur hat die Physik schlicht dazu gebracht, kurz wegzuschauen, weil unter Mulliners Karosserie jeder mechanische und elektronische Trick sitzt, den Bentley aufbieten kann. Da ist Luftfederung mit 48V Active Ride Control. Da sind ein E-Differenzial und eine Allradlenkung, dazu natürlich der Allradantrieb und riesige Carbon-Keramik-Bremsen.
Ganz verschwinden lässt sich die Masse nie – aber sie wird durch Ingenieurskunst so geschickt kaschiert, dass man sie nur in Spuren wahrnimmt. Vermutlich nur 10–15 Prozent mehr als beim GT Speed, gerade genug, um spürbar zu sein – und gerade genug, um zu beeindrucken. Und je mehr man fordert, desto stärker wird dieses Gefühl.
Der Batur trägt andere Turbolader als der Speed, dazu eine geänderte Atmung beim Ein- und Ausatmen und grössere Ladeluftkühler. Der Unterschied ist nicht „Tag und Nacht“, aber wie die Leistung anrollt und einfach bleibt, macht das zügige Herausbeschleunigen durch die ersten vier von acht Gängen auf diesen launischen Strassen viel zu viel – selbst auf Geraden.
Und ja: Launch Control ist verlässlich spektakulär. Subjektiv wirkt der Batur einen Hauch schneller als die offiziellen Daten nahelegen. Trotzdem gilt die Warnung: Das ist kein Degen – leicht, fein, präzise. Eher ein Hackmesser, das eine Kurve in blutige Stücke schneiden kann. Andererseits: In einem Kampf hätte ich vor einem Hackmesser immer mehr Respekt.
Alltagstauglicher Exzess und „Stealth Wealth“
Ein grosses, schweres Bentley-Coupé sollte auf kurvigen Bergstrassen wie diesen eigentlich nicht glänzen. Ein Auto, das sich wie ein weiches, tröstliches Gran Turismo anfühlt, hat kaum ein Recht, so die Zähne zusammenzubeissen und sich so entschlossen in die Kurven zu stemmen.
Mit einem goldgeränderten Drehregler wechselt es von nahezu lautlosem Gleiten zu donnerndem Krawall. Vielleicht der teuerste alltagstaugliche Daily Driver der realen Welt. Ob das den Eintrittspreis rechtfertigt? Manche würden sagen, es sei nicht verrückt oder extrem genug, um diese Summe zu erklären. Andererseits ist ein Produkt nur so viel wert, wie jemand bereit ist, dafür zu zahlen – und alle Baturs sind bereits verkauft.
Sehr reiche Menschen sind, wie sich zeigt, weiterhin sehr reich. Der Bentley Batur richtet sich an jene, die die Phase des demonstrativen Reichtums hinter sich gelassen haben und nun bequem bei „Stealth Wealth“ angekommen sind. Für die Massanfertigung Normalität ist und Couture ein Bedürfnis.
Schade nur, dass die meisten vermutlich in Sammlungen verschwinden oder kaum gefahren werden. Denn ausnahmsweise ist das hier kein überzüchtetes Beinahe-Auto, gebaut aus Spinnweben und Marketing, sondern ein solides Alltagsgerät. Und ehrlich: Ist das nicht das Mindeste, das man für 1,6 Millionen Pfund verlangen darf?
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