Nirgendwo spielt ein Elektroauto seine Stärken so konsequent aus wie in der Stadt – und für die Stadt gibt es kaum etwas Passenderes als ein möglichst kleines Auto. Genau diese Logik macht den Smart EQ fortwo auf den ersten Blick zur naheliegenden Wahl für alle, die einen elektrischen Cityflitzer suchen. Doch so eindeutig ist die Sache nicht.
Bevor ich das einordne, lohnt ein kurzer Blick auf die Lage bei Smart: Seit Anfang 2020 baut und verkauft die Marke ausschliesslich Elektroautos. Das geschah, nachdem der chinesische Konzern Geely – Eigentümer von Volvo und Lotus – 50% der Unternehmensanteile übernommen und zugleich die Produktion der nächsten Generation des kleinen Stadtwagens nach China abgesichert hat.
Das erste gemeinsame Modell aus dieser Verbindung wird ein SUV sein, dessen Marktstart für 2022 erwartet wird. Mit seiner Vorstellung soll es zugleich das bislang grösste Smart-Modell überhaupt werden. Technisch basiert es auf Geelys neuer, speziell für Elektroautos entwickelter Plattform SEA (Sustainable Experience Architecture).
Laut Autocar sollen die Abmessungen dieses SUV in etwa an einen MINI Countryman heranreichen. Für das Design ist Mercedes-Benz zuständig, während Geely Entwicklung und Produktion übernimmt.
Und damit zurück zur Ausgangsfrage: Nein, so simpel ist es nicht – und in den nächsten Absätzen wird klar, warum.
Sprechen wir über die Reichweite…
Im Smart EQ fortwo arbeitet ein 82 PS starker Elektromotor, gespeist von einer 17,6 kWh grossen Lithium-Ionen-Batterie. Das Ergebnis ist eine eher „bescheidene“ WLTP-Reichweite von 133 km.
Wie schnell die Anzeige nach unten wandert, hängt stark vom Tempo und vom Fahrprofil ab. Während dieses Tests kam ich jedoch auf einen durchschnittlichen Verbrauch von unter 15 kWh/100 km. Gemessen daran, dass ich durchgehend ganz „normal“ gefahren bin, ist das ein durchaus respektabler Wert.
Mein grösstes Ritual hatte weniger mit der Fahrweise als mit dem ECO-Knopf zu tun: Ich habe ihn praktisch immer beim Einsteigen aktiviert. In diesem Modus wird die Leistung begrenzt (tritt man das Fahrpedal ganz durch, verliert ECO seine Wirkung), und auch die Klimatisierung wird zugunsten der Effizienz gesteuert.
Rechnet man ausserdem ein, dass sich beim Bremsen und Verzögern ein Teil der Energie zurückgewinnen und in die Batterie einspeisen lässt, wird klar: Rund 120 Kilometer reale Reichweite sind im Alltag durchaus machbar.
Kommen wir zum „Elefanten im Raum“ – oder in diesem Text: die Reichweite. Ist sie kurz? Ja. Reicht sie für den Stadtbetrieb? Ebenfalls ja. Das bedeutet aber nicht, dass ein Smart EQ fortwo in der City völlig sorgenfrei ist. Eigentlich geht es weniger um „Akrobatik“ – vielmehr um Planung.
Wer seine Woche ein wenig strukturiert, kann mit einem Smart EQ fortwo in der sprichwörtlichen urbanen Wildnis sehr gut leben – vorausgesetzt, es gibt eine Lademöglichkeit, zu Hause, am Arbeitsplatz oder in der Nähe eines von beiden. Das gilt allerdings nicht nur für diesen Stromer, sondern für fast alle direkten Konkurrenten.
Agil und zackig
Ist die Reichweite als Achillesferse einmal eingeordnet, lässt sich umso besser erklären, warum der Smart EQ fortwo in der Stadt so leicht zu handhaben ist.
Die Fähigkeit, praktisch auf der Stelle zu wenden, ist beeindruckend: Der Wendekreis liegt bei einem Durchmesser von unter neun Metern – etwas Vergleichbares bietet kein anderes derzeit im Handel erhältliches Auto.
Damit werden typische Stadtsituationen wie das Umdrehen in engen Strassen zur „piece of cake“ – genauso wie das Parken. Und in genau dieser Disziplin glänzt der Smart fortwo schon seit seinem Debüt im Jahr 1998.
Auch beim Komfort hat sich spürbar etwas getan: Das Abrollen wirkt so geschmeidig wie nie zuvor. Zusammen mit der Ruhe des Elektroantriebs entsteht eine Gelassenheit am Steuer, die ich bei Smarts mit Verbrennungsmotor in dieser Form nie erlebt habe.
Dazu kommt der kleine „Katapult-Effekt“ beim Anfahren: Auf den ersten Metern kann dieser Winzling selbst einigen Sportwagen Respekt einflössen. Von 0 auf 60 km/h geht es in 4,8s. Und 0 auf 100 km/h? Das interessiert hier praktisch niemanden… (11,6s).
Unterm Strich überzeugt der Smart EQ fortwo nicht nur in der Stadt, er kann dort sogar richtig Spass machen – vor allem wegen seines spontanen Antritts an der Ampel. Sobald es allerdings hinaus aus der City geht, lässt für mich persönlich der Reiz dieses Kleinstwagens deutlich nach.
Ausserhalb der urbanen Wildnis: vom Löwen zur Beute…
In der Stadt nimmt der Smart EQ fortwo eine Art Führungsrolle ein: effizienter, schneller und wendiger als die meisten anderen. Draussen, jenseits des engen Strassennetzes, wechselt er jedoch rasch vom Jäger zur Gejagten.
Auf freier Strecke ist zwar eine höhere Stabilität spürbar – nicht zuletzt, weil die Batterien unter dem Innenraum sitzen. Trotzdem meldet sich die Stabilitätskontrolle gefühlt „bei jeder Kleinigkeit“, und nicht selten hat man den Eindruck, dass die Vorderachse Traktion verliert.
Die 130 km/h Höchstgeschwindigkeit erlauben zwar Autobahn-Etappen. Genau dort treten aber die Schwächen dieses Smart besonders deutlich zutage – allen voran die Reichweite, die unter diesen Bedingungen spürbar schneller schrumpft.
Wie lange dauert das Laden?
Dass der Smart EQ fortwo mit 17,6 kWh eine der kleinsten Batterien am Markt nutzt, hat einen klaren Vorteil: Die Ladezeiten fallen entsprechend kurz aus.
Serienmässig ist ein 4,6 kW Onboard-Lader an Bord. Damit braucht der Smart sechs Stunden an einer Haushaltssteckdose, um die Batterie vollständig zu laden – abends einstecken, morgens abziehen, wie bei einem Smartphone… An einer Wallbox gelingt derselbe Vorgang in 3,5 Stunden.
Für 995 euros gibt es alternativ einen 22 kW Onboard-Lader, der das Ganze deutlich beschleunigt: Von 10% auf 80% Batteriekapazität soll es damit in nur 40 Minuten gehen.
Und wie steht’s um den Platz?
Im Smart EQ fortwo gibt es nur zwei Sitze – dafür sind es zwei Plätze, auf denen auch zwei Erwachsene mit über 1,80 m Körpergrösse bequem unterkommen, ohne dass sich Ellbogen oder Schultern ständig berühren, wie es bei den ersten beiden Generationen häufig der Fall war.
In diesem Punkt ist der Alltag mit einem Smart EQ fortwo also kaum problematisch. Einschränkender ist eher der Kofferraum, der mit 260 Litern knapp ausfällt. Das ist jedoch der Preis für ein derart kompaktes Auto – inklusive aller Vorteile, die diese Kompaktheit in der Stadt mit sich bringt.
Ist das das richtige Auto für Sie?
Suchen Sie einen elektrischen Stadtwagen, den Sie fast ausschliesslich in der City bewegen, und fahren Sie pro Tag nur wenige Kilometer? Dann gehört der Smart EQ fortwo auf Ihre „watch list“.
Er lässt sich ausgesprochen angenehm nutzen, ist klein und sehr leicht zu fahren. Im Stadtverkehr fühlt er sich stets „wie ein Fisch im Wasser“ an. Seine Wendigkeit ist beeindruckend – und der Elektroantrieb verstärkt diesen Eindruck, nicht zuletzt durch den Sprint auf 60 km/h in 4,8s.
Erwarten sollten Sie allerdings kein Auto mit besonders involvierendem Fahrgefühl oder dem Anspruch, extrem schnell durch Kurven zu gehen – dafür wurde er nicht entwickelt. Was er stattdessen liefert, ist eine sehr entspannte Fahrerfahrung, solange der Strassenbelag ordentlich ist, denn die Abstimmung der Federung bleibt eher straff. Und gerade in der Stadt wird Ruhe meist höher bewertet als letzte Dynamikreserven.
Ja, die Reichweite kann im Alltag schnell zum Thema werden – ein unerwarteter Umweg oder ein etwas höheres Tempo genügt. Doch der Smart EQ fortwo will der König der Stadt sein, und genau dort gibt es nur wenige Angebote, die ihm das Wasser reichen.
Bleibt der Preis: Der Smart EQ fortwo startet bei 22 845 euros. Damit wirkt er automatisch ein Stück weit wie ein Luxus-Gadget – zumal sein französischer „Cousin“, der Renault Twingo Electric, den wir kürzlich getestet haben, für fast dasselbe Geld (ab 23 200 euros) zwei zusätzliche Sitzplätze und mehr Reichweite (190 km) bietet.
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