Anreise zur Porsche Rennsport Reunion VII in Monterey – und ein Realitätscheck
Manchmal entpuppt sich eine sorgfältig gepflegte Erwartungshaltung als engstirniges Vorurteil, nur eben in eine etwas weniger anstössige Winterjacke gepackt. Bei einem Treffen kalifornischer Porsche-Enthusiasten hatte ich sofort ein bequemes Klischee parat: jede Menge mittelalte, weisse Männer, crayon-graue 911er, dazu womöglich überall diese zu breiten, zu weissen Veneers. Polohemd, Cargo-Shorts und New-Balance-Turnschuhe als vermeintlich „smart/casual“es Uniformprogramm, obendrauf eine Porsche-Kappe als Wochenend-Bekenntnis – bereit für ein BugJam der Besserverdienenden.
Und dann stehe ich bei Porsches Rennsport Reunion VII in Monterey – und liege zu etwa 85 Prozent daneben. Ja, es gibt weiterhin reichlich makellose Zähne. Aber diese Feier zu 75 Jahren Porsche ist alles andere als die langweilige Mittelspur-Veranstaltung eines Luxuslabels, mit der ich halb gerechnet hatte.
Die ersten fünf Minuten reichen, um einen mit offenem Mund dastehen zu lassen. Im Kern ist das hier ein Goodwood Festival of Speed, nur dass es ausschliesslich mit Porsche-Material gefüllt ist – ein Sechszylinder-Boxer-Burning-Man. Wenn ein Event es schafft, dass ein 959 gleichzeitig bescheiden und alltäglich wirkt, dann spielt es in einer völlig anderen Liga. Einer Liga, in der man plötzlich ernsthaft darüber nachdenkt, welche Farbe beim 959 überhaupt die beste ist – komplett jenseits jeder Skala. Notiz an mich selbst: Bruce Canepas „neu interpretierter“ (lies: perfektionierter) 959 SC ist der wiederauferstandene Held fürs Poster an der Wand. Reihen moderner 911 Cup Cars verdienen kaum einen zweiten Blick; spannend ist vielmehr die enorme Tiefe des Feldes. Porsche-Leute sind … eigen. Und die Autos ebenso.
Fotografie: Jordan Butters
Ein rollendes Porsche-Archiv: 356 bis 918, 914 bis 959
Überall stehen Ikonen in einer Selbstverständlichkeit herum, die man sonst nie erlebt: Rothmans-Le-Mans-956 im Zigarettenschachtel-Look streifen neben Brumos-911 und Kremer 935 umher. Alte 356 tauchen in allen möglichen Spielarten auf – mal auf Renn-Tempo getrimmt, mal auf Stil – und kuscheln sich an frühe 912 sowie an auffallend viele 914, die ernst dreinschauen.
Was wie ein Widerspruch klingt, löst sich schnell auf: Die käfigbewehrten 914-Rennwagen mit ihrem rauen, kratzigen Sound sind keine Witzfiguren, wie man sie sich vielleicht ausmalt. Optisch wirken sie, als hätte man sie aus der Alufolie gebaut, die um einen KitKat liegt. Dazwischen: 550 und Carrera GT, 918 und ein hübscher 906 Carrera 6 von ’66, der wie das genaue Gegenteil moderner Komplexität wirkt.
Natürlich fehlen auch die 911 nicht – in jeder Spielart, jeder Farbe, mit jeder denkbaren Kotflügelbreite und jeder Flügelspannweite. Luft und Wasser, luftgekühlt und wassergekühlt. Restomods und rennstreckenoptimierte Umbauten, extrem wertvolle historische Stücke mit RS-Schriftzügen, so selten wie Hühnerzähne, und Alltagskarren mit Tachoständen jenseits von 1,6 Millionen Kilometern.
Meine persönlichen Lieblinge waren die Safari-911. Manche makellos wie frisch geprägte Dakars; einer hingegen war eine schlamm-braune Targa (die denkbar schlechteste Basis), mit Höherlegung, fetten Reifen, einem Kühlsystem, das aussah, als hätte man es aus PC-Lüftern zusammengefrickelt, und Radläufen, die auf Hüfthöhe einfach abgesägt waren. Die Radläufe waren links und rechts sogar ungleich hoch. Das Auto wirkte apokalyptisch zusammengeschustert – und genau deshalb erzählte es von vielen herrlichen Stunden Abenteuer. Die Narben dieses Wagens schrien nach Einsatz und Misshandlung, nach Geschichten, die man nicht erfindet.
Technik-Nerd-Himmel: Motorenvielfalt und Porsche-Traktoren
Doch bei Rennsport bleibt es nicht beim Staunen über Blech. Sobald man den ersten „Wow“-Schock im Griff hat, kann man sich herrlich ins Detail verbeissen. Wer ein Einmarken-Auto-Glastonbury auf die Beine stellen will, hat mit einem Dreivierteljahrhundert an abwechslungsreicher Historie immerhin eine grosse Kirche, von der aus sich gut predigen lässt.
Hier stehen Vierzylinder-Boxer und Sechszylinder-Boxer, V6, V8 – sowohl als Boxer-V8 als auch als V-Motor – dazu V10, ein Zwölfzylinder-Boxer und sogar Zwei- und Dreizylinder-Diesel in den ausgestellten Porsche-Traktoren. Und das ist noch ohne das moderne Zeug gerechnet: von hybridisierten Antrieben bis hin zu komplett elektrisch.
[Knoten: Feld_Karussell–thematisch]
911 GT3 R rennsport, Mission X und 140 dB Realität
Der gerade erst aufgelegte 911 GT3 R rennsport (das absichtlich kleingeschriebene „r“ fällt auf) blubbert auf dem Weg zur Boxengasse vorbei, bereit für ein paar Demonstrationsrunden – und dabei sind die 140 dB völlig ungeniert entfesselt. Es ist unfassbar laut. Der entfesselte 4,2-Liter-Boxer leistet 612 bhp – statt 557 bhp beim GT3 R – und dreht bis 9.400 U/min. Mehr als 77 Stück wird es nie geben … und ausverkauft sind sie bereits.
Vom Serien-GT3 R sind nur Motorhaube und Dach identisch, und der Heckflügel ist gigantisch. Dieses Element soll, heisst es, den 935/77 Brumos Porsche zitieren, der 1978 beim 24-Stunden-Rennen von Daytona antrat. Man muss ein wenig blinzeln – selbst wenn man die Inspiration drüben stehen sieht.
Auch der Mission X ist da: ein Blick auf Porsches elektrische Hypercar-Zukunft, vier Motoren und womöglich 1.500 bhp, finster aus einer Box herausstarrend. Wohin man schaut: lächelnde Gesichter und Maschinen, die man sonst nur vom Bildschirm kennt. Wer an einer Kreuzung stehen bleibt, sieht Einhörner ganz beiläufig vorbeitraben.
Ein Mitglied der Porsche-Familie fährt mit dem allerersten Porsche auf die Strecke – einem 356 Roadster. Normalerweise ist so ein Auto in einer klimatisierten Museumswelt weggeschlossen; eins, das mehr wert ist als meine Seele. Ein Kremer 935, dessen winziges Pendant einst das Tamiya-Modellbaugeschäft mit angeschoben haben soll, tuckert und poltert vor sich hin, während er darauf wartet, dass ein völlig serienmässiger, aber makellos restaurierter 968 die Strasse kreuzt. Ein Carrera GT gleitet vorbei – und kaum jemand reagiert. Man weiss wirklich nicht, wo man zuerst hinschauen soll.
Die Menschen machen das Event: Chad und London, Mark Donohue und echte Nähe
Trotz all des Metalls sind es am Ende die Leute, die hier den Ton angeben. Die Stimmung wirkt freundlich, offen und einladend, geprägt von gegenseitiger Wertschätzung. Rennfahrer mischen sich ganz selbstverständlich unter das Publikum, und es gibt keine Hierarchie der „Porsche-Würdigkeit“ – alle scheinen einfach da zu sein, um eine gute Zeit zu haben und den Maschinen so nah zu kommen, wie es sonst kaum möglich ist.
Einmarken-Treffen können einschüchtern. Irgendwo steht immer jemand, der wirklich alles über eine Marke weiss – und mit „alles“ meine ich die Produktions-Eigenheiten zwischen Modelljahren, die vermutlich nur dem Psychotherapeuten eines ganz bestimmten Sattlers bekannt sind. Wer nur locker dabei ist, könnte schnell als geschniegelt-naiver Dilettant gelten.
Bei der Reunion triffst du stattdessen Menschen wie Chad und seinen Sohn London: Sie teilen sich die „Co-Parenting“-Aufgabe für einen Offroad-Renn-Cayenne mit Baja-artig hochgelegtem Fahrwerk, zwei montierten Reserverädern im Heck und einem Innenraum, der sich an den juwelenartigen Texturen mexikanischer handgewebter Decken orientiert. Die beiden sind nicht die üblichen geschniegelt-polierten Porsche-Rekruten – sie sind deutlich, deutlich cooler. Gleichzeitig sind sie Aussenseiter, die vor allem Konstruktion und Performance schätzen. „Und ausserdem: Porsches? Die sind einfach … sexy“, sagt Chad mit einer ehrlichen Selbstverständlichkeit, die gar keinen prätentiösen Erklärungsversuch braucht. Er weiss einfach, was gut ist.
Dann ist da Mark Donohue, der eine grossartige Geschichte erzählt: wie er genau den 917/30-Can-Am-Wagen gefahren ist, den sein inzwischen verstorbener Vater damals im Rennen bewegte. Er spricht über den Druck der wartenden Menge, die Brutalität der Leistungsentfaltung – und über den sehr berührenden Moment der Erkenntnis, dass „das genau das ist, was mein Vater damals gesehen und erlebt hat“. Eine Verbindung, die man nicht kaufen kann – und die zugleich vollkommen einzigartig ist.
Wenn „Demoläufe“ ausarten: Laguna Seca ohne Zurückhaltung
Und währenddessen kreisen auf der Strecke ganze Vermögen – kompromisslos dicht an anderen Multimillionen-Dollar-Autos. Man könnte vermuten, die „Demonstrations“-Runden seien eigentlich als disziplinierte Rennwagen-Parade gedacht gewesen. Nur scheint das niemand den Fahrern gesagt zu haben: Die prügeln die Autos fröhlich Runde um Runde durch Laguna Seca.
Ein oder zwei werden nach Kontakt mit der Leitplanke hereingeholt, mit Panzerband provisorisch geflickt und dann schlicht wieder rausgeschickt. Rennteams machen eben Rennteam-Sachen – egal, wie es dem Patienten geht.
Fast drei Tage später ist es immer noch nicht langweilig. Genau das ist das Zeichen für etwas Besonderes. Wenn man schon Geburtstag feiert, lädt man Leute nicht ein, um sie dann durch die Fenster des eigenen Hauses starren zu lassen. Man bittet sie hinein. Und genau das passiert hier: Porsche bindet die Fans ein. Die Menschen, die die Autos kaufen, die sie nutzen, die sie fahren und die sie im Wettbewerb bewegen. Indem man die ehrt, die vorher da waren, inspiriert man die Nächsten – und verneigt sich vor einer Geschichte, die reich, tief und lebendig ist. Das ist eine Geburtstagsparty, wie sie sein sollte, und wenn ich die Chance bekomme, bin ich 2028 dabei, wenn Porsche seinen 80. feiert.
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