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Ford GT GTX1: Das einzige Cabrio auf Miami Beach

Roter Sportwagen steht nachts vor einem beleuchteten Imbiss mit offenem Fenster.

Nachtfahrt in Miami Beach

Das ist noch lange nicht vorbei. Wir ziehen wieder unsere Runden über neonbeleuchtete Boulevards, geniessen erneut die schwüle Nachtluft in einem offenen Supersportwagen, während im Hintergrund ununterbrochen ein pulsierender Latino-Beat läuft und Clubgänger auf die Strasse taumeln. Eigentlich müsste jetzt der Jetlag zuschlagen – Lider, die wie bei einem Narkoleptiker zufallen, kurz darauf seltsame Halluzinationen.

Nur: Das hier ist keine gewöhnliche Nacht. Wir sind hellwach, kreisen um Miami Beach – in einem absurd flachen, dramatisch geschwungenen Exoten, noch seltener und exklusiver als ein Lamborghini Gallardo Spyder, aber mit einem deutlich bescheideneren Emblem auf der Haube. Vor uns: das einzige Ford GT Cabrio, das es überhaupt gibt.

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Text: Peter Grunert
Fotos: Alex P

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in Ausgabe 150 des Top Gear Magazine (2006).

Kip Ewing und das geheime Ford-Special-Vehicle-Team-Projekt

Neben mir sitzt Kip Ewing, Entwicklungsleiter im Ford Special Vehicle Team – und der Kopf hinter dieser silber gestreiften, schwefelig orangegelben Kreation. Mit Schlafentzug kennt er sich aus. „Das war mein Nachtprojekt, unter dem Radar, in meiner Freizeit“, sagt er. „In den letzten drei Wochen, in denen ich das Auto fertiggebaut habe, kam ich im Schnitt nur auf 16 Stunden Schlaf pro Woche.“

Wenn Ewing tagsüber nicht an amerikanischen schnellen Fords arbeitet – an dem bestehenden GT oder am neuen Shelby GT500 Mustang –, hat er sechs Monate lang Wochenenden und Abende geopfert, um seinen frisch „geköpften“ GT-Prototypen für den Auftritt auf der SEMA-Tuningmesse im letzten November in ’Vegas herzurichten. „Die Produktion des GT, wie wir ihn kennen, soll im September auslaufen“, erklärt er. „Ich wollte sehen, was danach noch möglich ist – und nebenbei meine Karrierechancen absichern. Ford ist gerade im Überlebensmodus. In solchen Phasen werden Hersteller schnell sehr konservativ, obwohl sie eigentlich Mut zeigen müssten. Viele Ingenieure setzen darauf, Ford im Supersportwagen-Geschäft zu halten.“

Sein vorgeschlagenes Gegenmittel ist kaum zu übersehen – und kaum zu überhören. Zusätzlich zu einer dröhnenden Borla-Abgasanlage mit geringem Gegendruck wurde die Bodenfreiheit um 25mm reduziert, es kamen nostalgisch anmutende Halibrand-Felgen drauf (vorn 19 Zoll, hinten 20 Zoll), und der Lackton stammt aus keiner Ford-Farbkarte. „Ich habe vier Modell-GTs in Nicht-Serienfarben lackiert und konnte mich nicht entscheiden – also habe ich sie meinem 15 Monate alten Sohn Lucas hingestellt und ihn wählen lassen“, sagt er.

Dachsystem, Karosserie und Technik des GTX1

Das eigentliche Schaufenster für Ewings Können ist jedoch das Dach: eine einfache Lösung aus vier Paneelen, die mit Metallstiften fixiert werden und sich lösen lassen, indem man pro Element jeweils einen hinten sitzenden Verschluss umlegt. Die beiden seitlichen Teile können ausserdem teilweise geöffnet werden, um nach hinten zu entlüften – oder komplett heraus, sodass ein T-Top bleibt.

Spät in der Nacht rollen wir dahin, während Parkservice-Leute uns förmlich anbetteln, vor „ihren“ Restaurants vorzufahren. Da bleibt als einzig vertretbare Option: Dach komplett weg und die Aufmerksamkeit einsammeln.

Der Name steht gross auf den Schwellern: GTX1. Das ist eine Verbeugung vor einem ähnlich benannten offenen Rennwagen, der 1966 die Sebring 12-Hours gewann – ein besonders kostbares Stück Ford-Historie. Dumm nur: Ein hartnäckiges Gerücht besagt, dass dieses Auto kurz nach dem Sieg zerlegt wurde und nun im Fundament eines Apartmentblocks nahe dem Los Angeles International Airport begraben liegt. Auslöser sollen Fragen von Zollbeamten gewesen sein, warum nie Einfuhrabgaben bezahlt worden seien. Die Alternative, so will es diese (wohl apokryphe) Geschichte, habe zwischen Bezahlen und diskretem „Entsorgen“ gelegen.

Der neue GTX1 ist jedenfalls kein schneller Pfuschschnitt. Verstärkungen stecken in der Frontscheiben-Quertraverse und in den Schwellern. Und die hintere Carbonfaser-Clamshell ist komplett neu konstruiert: Zwei markant aufgewölbte Hutzen halten die Linie des schlanken Profils von vorn bis hinten zusammen – selbst ohne Dach. Dazu kommt ein weiteres Detail: zwei durchsichtige Abdeckungen oberhalb des 5.4-litre V8, die einen voyeuristischen Blick nach hinten auf den Kompressor erlauben, der bis zu 550bhp freisetzt.

Auf der Strasse: Klang, Schub und Steifigkeit

Der Sound ist spektakulär – tief muskulös, bewusst brachial; und die Leistungsentfaltung bewegt sich auf derselben Grössenordnung.

Ohne Dach sitzt man noch näher an allem, was das Auto einem entgegenschleudert. Da ist der lange, lineare Druck eines Motors, der bereits ab 1,500rpm 450lb ft Drehmoment abliefert. Dazu kommen das Aufheulen des hochdrehenden Kompressors und – unmittelbar hinter den Ohren – das erstaunlich laute Ticken von 16 Einspritzventilen, die in acht Zylinder feuern.

Die Kräfte sind beinahe seismisch, was die Anforderungen an die abgespeckte Karosseriestruktur des GTX1 nur noch erhöht. Trotzdem: Die zusätzlichen Versteifungen scheinen zu funktionieren. Die Lenkung bewahrt ihre feinen Rückmeldungen, Klappern und Verwindungen drängen sich nicht in den Vordergrund, selbst auf ruppigem Belag. Auch das Fahrwerk hilft mit – es bleibt ein Rest an Nachgiebigkeit, obwohl die Tieferlegung montiert ist.

Schwächen des Ford GT – und ein Promi-Moment auf Ocean Drive

Einige Schwachstellen des normalen GT sind jedoch weiterhin da. Zum Beispiel eine Schaltung, deren Wege so lang sind, dass man bei jedem der sechs Gänge Armbewegungen hinlegt wie ein Skilangläufer. Oder die billigen, glänzend schwarzen und auf Aluminium getrimmten Kunststoffe im Innenraum – eher US-Ford-Kleinwagen als echtes Vollblut. Als spezielles Extra für den GTX1 gibt es zudem retro-inspirierte Sparco-Schalensitze, samt scharfkantigen Belüftungsöffnungen, auf denen man ungefähr so gern sitzt wie auf einem Fall von Hämorrhoiden.

Zum Glück starrt ohnehin jeder nach aussen – selbst durch die verschleierte, meist alkoholisierte Nachtwahrnehmung der Passanten. Eine Ausnahme bildet der Fahrer eines Ferrari 360 Spider: Er schert vor uns aus, kommt direkt auf uns zu und starrt demonstrativ in die andere Richtung, statt uns eine moderne Version eines mittelalterlichen Lanzenstechens zu gönnen.

Für seinen offensichtlichen Neid gibt es Gründe. Selbst mit montiertem Dach ist der vom GT40 inspirierte Ford GT ein Auto, das Kiefer fallen lässt und die Portemonnaies der Reichen öffnet. „Der Listenpreis hier liegt bei $149,500 [c.£84,600], aber ich habe noch keinen für weniger als $175,000 den Besitzer wechseln sehen“, sagt Ewing. Was dieses konkrete GTX1-Projekt gekostet hat, lässt sich dagegen kaum sauber beziffern – doch etwas Ähnliches soll bald bestellbar sein. Die Genaddi Design Group aus Green Bay, Wisconsin, die beim Bau unseres Autos half und es inzwischen besitzt, will eine vergleichbare, offiziell abgesegnete Dachumrüstung für $38,000 anbieten, also rund £22,000.

Der Sound ist spektakulär – tief muskulös, bewusst brachial; und die Leistungsentfaltung bewegt sich auf derselben Grössenordnung

Als ihn der Schlüssel zu einem Lamborghini Gallardo Spyder lockt, verschwindet der Schöpfer des GTX1 kurzzeitig. Stattdessen sitze ich nun mit Johnny Tapanes im Auto, unserem Fixer für diesen monumentalen Trip. Unser Auftrag: entlang der Ocean Drive maximalen Effekt erzeugen – und dabei die Schilder zur „Lärmschutzzone“ demonstrativ ignorieren.

Offene Münder gibt es wieder aus fast allen Richtungen, besonders aber von einem Jogger am Strandrand – begleitet von seinem Personal Trainer. Irgendwie kommt er mir bekannt vor. „Hey“, ruft Tapanes. „Der Typ will dein Autogramm für seine Frau!“ Es ist Pharrell Williams, Hip-Hop-, R&B- und Alternative-Rock-Artist, Hit-Lieferant, Superproduzent und, wie weithin anerkannt, der coolste Mann des Planeten.

Während ich mich vor Scham am liebsten zusammenrollen und im Fussraum verschwinden würde, kommt Pharrell herüber – Schweiss läuft in dicken Strömen, das Gesicht mit diesem ausdruckslosen Blick. Höflichkeiten (und sogar ein Autogramm) werden ausgetauscht. Der Anblick eines so exklusiven Autos hat ihn dazu gebracht, zwei völlig Fremde anzusprechen – eines, das selbst jemand mit seinem Mass an verfügbarem Geld nicht hätte besitzen können, zumindest bis jetzt.

Für den GTX1 bedeutet das: Auftrag erfüllt. Als Pharrell zurück in die Nacht joggt,

ist Tapanes fast sprachlos. „Du weisst schon, dass das ein A-Promi ist, und der ist rübergekommen, um mit uns zu reden“, sagt er. „Das passiert einfach nie.“

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