Ein Citroën DS ist vermutlich nicht das Auto, das man als Erstes in der Zentrale des Alfa Romeo Centro Stile erwarten würde – und doch taucht er hier auf, allerdings nicht als Fahrzeug, sondern als Tätowierung auf dem Arm des Mannes, der uns gegenübersteht.
Ein Citroën DS als Tattoo – und der Anfang von allem
Dieser Arm – samt Motiv – gehört Alexandros Liokis, Senior-Exterieurdesigner der italienischen Marke. Warum ausgerechnet ein Citroën DS? Als er 13 war, kaufte er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder in der Nähe ihres damaligen Wohnorts einen verlassenen DS, als Projekt für den Moment, in dem sie mit 18 endlich fahren dürften. Nach zwei Jahren und einer kompletten Restauration war das Auto bereit. „Meine Erfahrung im Autodesign begann hier“, sagt er und deutet auf das Tattoo – und den DS besitzen sie bis heute.
Im Alltag fährt er ihn allerdings nicht. Diese Rolle übernimmt vielmehr ein Renault 5 der ersten Generation aus den Achtzigern. Und das ist nur ein Vorgeschmack: Abseits des Designstudios ist Liokis begeisterter Sammler klassischer Autos und Fotograf – ein Mensch, der Automobilkultur nicht nur macht, sondern lebt. Da sind wir ganz bei ihm.
Fotos: Simon Thompson
Skizzenübung: den Tonale Schritt für Schritt zeichnen
Zeichnen war nie eine meiner grossen Stärken – und trotzdem stehe ich nun neben dem Mann, dessen Beruf es ist, Alfa Romeos begehrenswert aussehen zu lassen. Liokis stammt aus Griechenland und zog 2011 nach Italien, um sein Handwerk zu perfektionieren. Dort sollte er ein Konzept für Alfa Romeo einreichen. Sein Giulia-Entwurf wurde 2013 auf dem Genfer Auto-Salon gezeigt; seither trägt er seinen Anteil am Giulia, am Stelvio und zuletzt – als leitender Designer – am Tonale.
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Da lohnt es sich also, genau hinzuhören. Zum Aufwärmen sollen wir horizontale, gerade Linien von oben nach unten über das Papier ziehen. Klingt simpel – ist es aber offenbar nicht. Liokis erzählt, dass er an der Designschule die ersten zwei Wochen ausschliesslich gerade Linien und Kreise gezeichnet habe. Man merkt sofort, warum. Es sieht ganz so aus, als hätte er heute mit mir Arbeit.
Die eigentliche Aufgabe: Ich soll ihn beim Skizzieren des Tonale nachmachen. Zuerst ein Rechteck mittig auf dem Blatt, dann eine vertikale Mittellinie, danach die Räder – und anschliessend das berühmte Scudetto. Ab da fühlt es sich ein wenig wie „Malen nach Zahlen“ an: Folge ich seinen Anweisungen, wächst die Form des Autos Schritt für Schritt. Perfekt ist das Ergebnis nicht; die Proportionen sind leicht daneben. Liokis meint, meine Zeichnung erinnere eher an einen SZ – einen der eigenwilligsten Alfa Romeos überhaupt. Aber immerhin.
Anschliessend zeigt er, wie man Betonungen, Reflexe und Schattierungen setzt – am Desktop-Rechner mit einem drucksensitiven Touchscreen für 2,5k €. Genau solche Details sind entscheidend, wenn eine Idee intern verkauft werden soll. Gleichzeitig wird deutlich, wie stark solche Technik den Prozess beschleunigt: Korrekturen und Varianten lassen sich schnell umsetzen, ohne dass man Skizzen verwerfen und von vorn beginnen muss. Liokis kann bis zu 12 Stunden am Tag zeichnen, versucht aber pro Entwurf bei rund drei Stunden zu bleiben, „damit es nicht überarbeitet wirkt“.
Vom Bildschirm zum Ton: Modellbau in Originalgrösse
Als Nächstes lernen wir Lorenzo Sibille kennen – beim Tonmodellieren in etwa das, was Gordon Ramsay in der Küche ist. Er steht neben einer Ton-Replik des Tonale in Originalgrösse: 200 mm dickes Material, auf einem Schaumunterbau, der wiederum auf einer rollbaren Konstruktion sitzt. Sibille erklärt die Werkzeuge und zeigt, wie man mit einer Surform-Raspel (vereinfacht: ein Ton-Hobel) zunächst grob den richtigen Winkel herausarbeitet. Danach kommen Spachtel zum Einsatz – in unterschiedlichen Grössen und Flexibilitäten –, um Konturen herauszuarbeiten. Sauber ist das nicht, so viel ist klar.
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Dann sind wir dran. Liokis sagt, das sei einer seiner Lieblingsabschnitte im Designprozess – und tatsächlich hat es etwas Therapeutisches und zugleich Suchtpotenzial, den Ton in die gewünschte Form zu bringen. Ein Messer wird dabei wie ein Stift geführt, damit Designer den Tonmodellierern präzise Anweisungen geben können. Klebeband dient ausserdem dazu, Schulterlinien und Kanten sauber zu definieren, während Liokis’ Vorstellung im wahrsten Sinne des Wortes Gestalt annimmt. Von Arbeitszufriedenheit kann man da sprechen.
Ton hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Die Oberfläche ist sehr matt, Reflexionen sind kaum zu erkennen. Genau hier hilft eine Kunststofffolie, ähnlich Frischhaltefolie. Aufgebracht macht sie Spiegelungen sichtbar, sodass Designer prüfen können, ob die Lichtläufe stimmen – und sie deckt Unsauberkeiten auf, die man mit blossem Auge leicht übersieht. Auftragen, anschauen, bei Bedarf erneut auftragen.
Für ein Tonmodell werden in der Regel zwei bis drei Monate veranschlagt; zusätzlich wird ein 3D-Scan erstellt, um die Symmetrie zwischen den Seiten zu kontrollieren. Danach wird das Modell entweder eingelagert, falls zur Modellpflege nochmals darauf zurückgegriffen werden muss, oder vollständig recycelt.
Interieurdesign bei Alfa Romeo: VR als neues Werkzeug
Die Spielphase ist vorbei: Wir treffen Alex Perez, den Chef des Interieurdesigns, der sein Handwerk bei Seat gelernt hat. „Ich dachte, ich bleibe drei, vielleicht sechs Monate, aber daraus wurden mehr als 10 Jahre“, erzählt er. Nachdem er an der Entstehung der Marke Cupra mitgewirkt hatte, wechselte er zu Alfa Romeo – und damit in Italien in eine gänzlich andere Kultur. Er gesteht, dass er eher heisse Schokolade als Kaffee trinkt, was bei seinen neuen Kolleginnen und Kollegen offenbar nicht besonders gut ankommt.
„Italien ist ein wunderbarer Ort, ich liebe es. Es ist sehr wichtig, wenn ich das Studio verlasse, zu reisen, die Menschen zu treffen, die hier leben, zu verstehen, warum sie eine Leidenschaft für Alfa Romeo haben.
Am Ende erschaffst du ein Produkt, das ein sehr emotionales Produkt ist. Das ist eine der grossen Fragen im Design: warum Menschen bestimmte Objekte lieben? Das kann man an der Universität nicht lehren, aber man muss es irgendwie in der Arbeit pflegen.“
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Perez erläutert, wie sehr neue Technologien seine Arbeit verändern – besonders Virtual Reality (VR), durch die Ideen in einer digitalen Umgebung räumlich erlebbar werden. Mit aufgesetztem VR-Headset werde ich in eine 3D-Welt versetzt, die sich im Innenraum des Tonale abspielt. Diese noch junge Technik sei für Designer enorm hilfreich, weil sie „Dinge erkennen lässt, die du auf einem flachen Bildschirm sonst nicht sehen würdest“, sagt Perez. Und da alles rechnergeneriert ist, lassen sich Anpassungen schnell umsetzen – das spart Zeit und Geld im Entwicklungsprozess. Ein Gewinn auf beiden Seiten.
Da Perez erst seit einem Jahr bei Alfa Romeo ist, räumt er ein, beim Interieur des Tonale kaum noch mitgewirkt zu haben – es war bereits weit fortgeschritten. Trotzdem denkt er schon jetzt an Ansätze für die Modellpflege, die in ein paar Jahren ansteht. „Design ist nichts, das du abschliesst, und dann ist es das perfekte Design und du legst es in eine Box und schliesst sie ab. Es entwickelt sich ständig weiter.“
Farben, Materialien und Elektrifizierung: wohin entwickelt sich Alfa Romeo?
Zum Schluss treffen wir Elisa Nuzzo, Leiterin für Farben und Materialien, sowie Luca Sardone, Designer für Forschung und Innovation. Nach zehn Jahren bei Maserati: Wie, so wollen wir wissen, wird diese neue Ära der Elektrifizierung Alfa Romeo verändern?
„Es ist ein riesiger Wandel für die Marke. Früher spielten die Fahrkomponenten innen die Hauptrolle, aber als wir auf den Markt geschaut haben, haben wir gesehen, dass viele Marken ihren Ansatz ändern: Der Fokus liegt jetzt darauf, Ermöglicher zu sein und Menschen von A nach B zu bringen“, erklärt sie.
„Das wird Alfa Romeo nie passieren. In einem Auto zu sitzen, sollte immer noch damit zu tun haben, dass du es fahren willst. Die neuen Innenräume werden wahrscheinlich minimalistischer.“ Hoffentlich hat Alfa Romeo dabei aus den Schwächen von Volkswagen gelernt.
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Im Zentrum steht, dekorative und praktische Aspekte von Materialien zusammenzubringen. Als Beispiel nennt Nuzzo strukturierte Schaltpaddles, die sowohl optisch wirken als auch haptisch-funktional überzeugen. Inspiration kommt dabei bewusst aus anderen Bereichen – etwa aus der Modewelt mit 3D-Stricktechniken – und der Frage, wie sich solche Ideen in die Gestaltung von Fahrzeuginnenräumen übertragen lassen.
Und die Farben? Uns wird eine Zeitleiste gezeigt, die verdeutlicht, wie gross die früher verfügbare Palette war – gerade im Vergleich zu heute. Nuzzo erklärt, wie sie und ihr Team daran arbeiten, diese Töne „auf moderne Weise“ wiederzubeleben.
„Bei diesem Grün“, sagt sie und zeigt auf ein Massstabsmodell, „wollten wir versuchen, die Farbe der Geschwindigkeit einzufangen – die Lichtreflexion, wenn du ein Foto von etwas machst, das sehr schnell unterwegs ist. Du kannst es nicht richtig beschreiben, es ist nur ein Lichtblitz.“ Wenn man das so möchte.
Eine Hürde ist dabei offensichtlich: In Grossbritannien war Grau 2021 bereits das vierte Jahr in Folge die beliebteste Neuwagenfarbe, gefolgt von Schwarz und Weiss. Wie geht sie damit um? „Wir sind stur. Wir arbeiten weiter daran.“
Der Besuch war ein echter Schnelldurchlauf – und ich bin mir sicher, wir haben nur an der Oberfläche gekratzt. Der Blick tief ins Design-Hauptquartier von Alfa Romeo war aufschlussreich, und eine der wichtigsten Erkenntnisse des Tages: Hier spürt man viel Stolz, aber ebenso grossen Druck. Bei der starken Design-DNA der Marke weiss ich nicht, ob ich dem gewachsen wäre – doch dort scheint sie gut aufgehoben zu sein. Und jetzt entschuldigen Sie mich: Ich gehe den Ton von meinen Händen schrubben.
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