Schliessen Sie die Augen: Was erscheint? Schwarz. Aus Schwarz entstehen Planeten, und am Ende verschlingt es das Leben. Keine andere Farbe löst so unmittelbar Gefühle aus wie Schwarz. Die erste Farbe, mit der Menschen überhaupt malten – mit Tierfett und Holzkohle – war Schwarz. Man findet sie bei Priestern und Büssenden, und zugleich lieben sie Modedesigner genauso wie Faschisten. Schwarz ist die urtümliche Farbe, das Original. Sie war da, bevor es Licht gab, und seither haftet ihr ein dunkler Beigeschmack an.
Schwarz wirkt wie ein Abgrund: unheimlich, todnah, lebensfeindlich. Gleichzeitig ist es eine Farbe voller Widersprüche – Zeichen von Heiligkeit und Sünde, Reichtum und Armut, Gut und Böse. Dazu kommen Geheimnis und Tarnung (Stichwort Black Ops für alle Call of Duty-Fans), und Yves Saint Laurent brachte es auf den Punkt: „Schwarz ist die Verbindung, die Kunst und Mode miteinander verknüpft“. Kein Wunder also, dass die Autoindustrie der Versuchung kaum widersteht. Schwarz verkauft Autos.
Warum Schwarz Autos verkauft
In Grossbritannien war Schwarz zwischen 2009 und 2012 die beliebteste Lackfarbe; heute trägt rund ein Fünftel der Autos auf der Strasse Schwarz. Und selbst ohne besondere Obsession fällt auf, wie sehr schwarze Akzente zunehmen: Piano-Schwarz im Interieur, schwarze Felgen, abgedunkelte Kühlergrills. Dazu kommen komplett schwarze Sondermodelle – denn offenbar gibt es kaum etwas, das einen Toyota RAV4 „sexier“ und besser verkäuflich macht als eine Black Edition. Eine Marke ist jedoch noch konsequenter vorgegangen und hat gleich eine ganze Linie dem Dunkel gewidmet: Rolls-Royce.
Rolls-Royce Black Badge: Idee, Zielgruppe und Wirkung
2016 führte Rolls-Royce Black Badge ein. Dahinter stand der Wunsch nach einer neuen, leicht rebellischen Ausprägung – um die Marke zu verjüngen und das angestaubte Image des blassen, männlichen, betulichen Luxus etwas aufzubrechen. Black Badge liefert (bisher auf alles ausser dem Phantom) mehr Leistung und mehr Luxus, verpackt in eine moderne, abgedunkelte Ästhetik.
In typischer Rolls-Royce-Überhöhung sollen diese düstereren Modelle „Disrupter“ ansprechen – „Aussenseiter, Visionäre und Subversive, die die Welt prägen, indem sie Dinge auf eine Weise tun, die sonst niemand je zu träumen – oder zu wagen – versucht“. Schon klar.
Fotografie: Mark Riccioni
Übersetzt heisst das eher: Man zielt bewusst auf Kundinnen und Kunden, die ihr Auto in Supreme-Streetwear konfigurieren statt im Anzug – und die Rechnung lieber mit Krypto zahlen als per Scheck. Unterm Strich hat die Strategie funktioniert (man kann sich ein paar Brustklopfer im Vorstand vorstellen): Black Badge macht inzwischen mehr als 27 per cent aller Rolls-Royce-Verkäufe aus.
Dabei ist Schwarz an Rolls-Royce keineswegs erst seit Krypto und 8-Bit-JPEG-NFTs ein Thema. Einflussreiche und wohlhabende Leute liessen ihre „Rollers“ schon viel früher in Schwarz auftreten.
„Schon in den Dreissigern wurden schwarze Autos als Modestatement bestellt“, sagt Rolls-Royce-Historiker Malcolm Tucker, „aber der Duke of Gloucester [der dritte Sohn von König George V und Queen Mary und Onkel Ihrer verstorbenen Majestät Königin Elizabeth II, falls der Stammbaum gerade nicht griffbereit ist] hatte diesen Black-Badge-Geist.“
Der Duke brach mit der Konvention, indem er seinen Phantom V zweifarbig lackieren liess: mattes Schwarz auf allen horizontalen Flächen, hochglänzendes Schwarz auf den vertikalen. Eher etwas, das man bei Jay-Z erwarten würde als bei einem Mitglied der Gentry. Und er blieb damit nicht allein.
Die Rolling Stones sangen zwar ikonisch „Paint it Black“, doch umgesetzt hat die Zeile einer ihrer härtesten Zeitgenossen. John Lennon ist berühmt für seinen knallgelben Phantom mit Kanalboot-Anmutung – inklusive Flower-Power, Romani-Ornamenten und Tierkreiszeichen. Doch ausgerechnet er ist, so überraschend es klingt, so etwas wie der Pate der Schwarz-auf-Schwarz-auf-Schwarz-Bewegung.
„John wollte seinen Phantom V komplett schwarz“, erzählt Malcolm. „Er war der erste Mensch der westlichen Hemisphäre, der getönte Scheiben montieren liess – inspiriert von Fahrzeugen in Indien, die Frauen transportierten. Und er wollte nicht nur aussen Schwarz, sondern überall: innen und aussen, selbst alles Zierrat, der sonst in Chrom oder Edelstahl ausgeführt wäre.“
Zweiundsechzig Jahre später hat dieser Look nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Und ohne einem Beatle die Schlagzeilen streitig machen zu wollen (er hat genug davon): Wenn man der Wirkung von Schwarz nachgeht, wäre es falsch, kein schwarzes Auto für sich selbst zu haben. Also, meine Damen und Herren, Liebende und Hasser – das Auto, das Sie in dieser Geschichte sehen, ist der schwärzeste Rolls-Royce, der je gebaut wurde. Stecken Sie das in Ihr Archiv, Malcolm.
Der schwärzeste Rolls-Royce Ghost Black Badge: Lack, Details und Technik
Als Basis dient das jüngste Black-Badge-Modell, der brandneue Ghost. Unser Rolls-Royce ist damit ein geradezu glänzendes Beispiel chromatischer Askese. Ein starker Auftritt, oder? Die kompromisslose Einfarbigkeit nimmt den sonst gelassenen, zurückhaltend zulaufenden Linien und dem entschlossenen, autoritären Gesicht des Ghost ein Stück Sanftmut – und macht ihn härter.
Was steckt hinter dieser schwarzen Magie? Zuerst: Lack. Überraschung – Schwarz. Aber nicht irgendeins, sondern das tiefste, dunkelste, schwerste Schwarz, das Rolls je über eine Karosserie gegossen hat: 45 kg davon, abgeschlossen mit zwei Schichten Klarlack und einem fünfstündigen Handpolieren. Die handgezogene Coachline ist ein helleres Schwarz. Denn es gibt nicht das Schwarz, sondern viele Schwarztöne.
Das passt zu unserem uralten Wahrnehmungsapparat: Der Kampf gegen die Dunkelheit und die Suche nach Licht haben uns gelehrt, Abstufungen im Dunklen zu unterscheiden. Mattes Schwarz, glänzendes Schwarz, helles Schwarz und dunkles Schwarz, intensives und zartes Schwarz – dieser Ghost bringt sie alle mit. Und obendrein: mehr Textur, mehr Dichte, mehr Brillanz und mehr technische Raffinesse.
Nehmen Sie nur die Räder: 21 Zoll (ca. 53 cm), gefertigt aus 22 Lagen Carbonfaser, auf drei Achsen verlegt. Dazu eine 3D-geschmiedete Aluminium-Nabe, die über Titanbefestiger in Luftfahrtqualität mit der Felge verbunden ist. Die typische schwebende R-R-Radkappe? Schwarz. Die Bremssättel? Natürlich ebenfalls.
Die Spirit of Ecstasy und der Pantheon-Grill sind da, wo sie hingehören – aber mit dunklerer Chrombeschichtung. Dafür wird beim Galvanisieren ein spezieller Chrom-Elektrolyt „geblitzt“, der den rauchigen Chrom-Look erzeugt.
Im Innenraum geht es nahtlos weiter: schwarzes Leder, schwarze Nähte und Keder, dazu ein schwarzer Starlight-Himmel. Auf dem Boden liegt dicker, flauschiger schwarzer Lammwoll-Teppich von den mondänsten „Baa baa black sheep“-Lieferanten. Und hinter dem Black-Badge-Motiv des Ghost (es soll eine „unerbittliche Suche nach Macht“ symbolisieren) warten einmalige schwarze Glaswaren und eine Karaffe.
Leider ist der Kühlschrank weiss. Und schlimmer: leer. Ein perfekter Grund, loszufahren.
16 Minuten 35 Sekunden
Unterwegs: Goodwood, Champagne und Courchevel 1850
Wir rollen in Goodwood los und nehmen Kurs auf den Eurotunnel – mit einem Zwischenstopp bei einer seltenen schwarzen Cape 31, einer 40-Fuss-Rennyacht (ca. 12,2 m). Schwarz ist längst mit „Executive Speed“ zu Land, zu Wasser und in der Luft verheiratet, und kaum etwas wirkt so elegant und kühl wie ein Stück windgetriebene schwarze Carbonfaser.
Weil Black-Badge-Modelle jünger sind und in mehr Rap-Videos auftauchen als ältere Rolls-Royce, könnte man vermuten, sie hätten die klassische Fähigkeit verloren, Zeit und Distanz zusammenschrumpfen zu lassen – dieses beruhigende Gefühl des „Wafting“. Dieser Ghost hat es nicht verloren: Er bleibt leise, gelassen und ist Fahrkomfort in Reinform. Beleg dafür: Was sich wie wenige Minuten anfühlt, später stehen wir in der Champagne in Frankreich.
Die Champagne ist nicht nur die Heimat des feinen Schaumweins, der den untragbar knappen Kühlschrank füllen soll; sie bietet auch grossartige Strassen, um zu verstehen, wofür dieser Black Badge Ghost steht. Denn: Das hier ist der Fahrer-Roller, auf Dynamik gezüchtet.
Hat Eleanor – die geflügelte Dame vorn – also die Hausschuhe ausgezogen, die Spikes angezogen und sich Riechsalz gegönnt? Mechanisch unterscheidet sich das Auto im Vergleich zum normalen Ghost gar nicht – alle Änderungen sind Software-Feintuning statt neuer, schnellerer Hardware.
Der serienmässige, zweifach turbogeladene 6,75-Liter-V12 behält seinen Hubraum. Um Rolls-Royce zu zitieren: Er wurde als „ausreichend“ eingestuft. Nicht so die Leistung. Deshalb gibt es ein Plus von 29 bhp auf 592 bhp sowie zusätzlich 37 lb ft (rund 50 Nm) Drehmoment.
Auch die Luftfederung wurde „voluminöser“. Im Klartext: mehr Luft in den Bälgen, um die Seitenneigung zu reduzieren. Das funktioniert beeindruckend gut. Wo früher ein Kiel nötig gewesen wäre, um alte R-R zu stabilisieren, erkennt das Fahrwerk heute, wenn man engagierter fährt – und reagiert entsprechend.
Ausserdem gibt es einen Modus. Rolls-Royce ist normalerweise kein Freund von Modi – weniger ist mehr (solange das, was bleibt, Weltklasse ist). Doch am schlanken, stabartigen Wählhebel sitzt eine Taste: Low mode. Man kann ihn als aristokratischen Sportmodus lesen. Aktiviert man ihn, halbiert das Achtgang-Getriebe die Schaltzeit, das volle Drehmoment steht früher an, das Gaspedal wird straffer und der Auspuff wird etwas präsenter … für einen Rolls-Royce. Keine RS3/Golf-R-Popcorn-Abstimmungen hier.
Auch die Bremsen sind so abgestimmt, dass sie früher zupacken und weniger Pedalweg haben – das, was F1-Fahrer verlangen, nicht Chauffeure. Einen Rolls-Royce schneller zu bewegen, ist ein merkwürdig oxymoronisches, aber sehr befriedigendes Gefühl. Und diese Black Badges sind schnell: Mit knapp 600 bhp und Allradantrieb schafft dieses schwere Gerät 0–100 km/h (0–62 mph) in 4.5 seconds.
Ja, die Lenkung ist leicht und etwas gefühllos, aber schön linear. Einen grossen schwarzen Brocken wie diesen zügig zu dirigieren, macht allerdings durstig. Praktisch, dass es in der Champagne genügend Orte gibt, um ihn zu stillen. Und den Kühlschrank zu füllen.
Wir steigen hinab in eine unterirdische Höhle und wählen eine Flasche 2016 Leclerc Briant, Abyss. Jede dieser mit Seepocken besetzten Flaschen lag drei Jahre auf der Hefe, bevor sie degorgiert wurde. Danach wurde sie vor der Küste der Bretagne in 60 metres Tiefe versenkt. Man sieht: Schwarz – oder Dunkelheit – taugt zu mehr, als nur dem Boogie Man ein Zuhause zu geben. Auch für Alkohol ist es nützlich.
Am Meeresgrund wird der Schaumwein schäumender. Und man bekommt eine gute Geschichte gratis dazu, wenn man die Flasche beim Dinner auspackt. Man sollte nur auf die Seepocken achten.
Vielleicht ist Ihnen ohnehin aufgefallen, wie sehr Schwarz die Luxusbranche anzieht. Doch ein Ort gilt als Epizentrum: das Skigebiet Courchevel 1850. Also fahren wir dorthin – und haken unterwegs eine ganze Liste schwarzer Kulturverweise ab: schwarze religiöse Ikonografie (Zeichen oder Versprechen der Wiedergeburt), die engen, gepflasterten Gassen und Fachwerkhäuser des mittelalterlichen Troyes (eine Zeit, in der Schwarz als streng und tugendhaft galt), bevor wir hinauf in die schwindelerregenden Höhen der Alpen steigen.
Hier oben gilt: Je höher, desto reicher – und desto mehr Noir-Luxus taucht auf. Mehrfach viele Millionen Pfund teure schwarze Chalets, schwarze Ski, dazu kleine, flauschige schwarze Hunde. Und natürlich schwarze Helikopter, denn Sessellifte sind offenbar für Menschen in knallbunter Skikleidung.
Schwarz ist seit dem 14. Jahrhundert eng mit Luxus verwoben: Schwarze Kleidung war ruinös teuer und blieb Garderoben von Menschen mit hoher Geburt, grossem Vermögen oder besonderem Rang vorbehalten. Heute kann selbst ein dürrer Typ wie ich im Netz einen billigen schwarzen Rollkragen bestellen – die Zeiten ändern sich.
Doch es gibt ein Schwarz, das schwärzer ist als Schwarz. Und das begehrteste Schwarz von allen: Vantablack.
Vantablack, „Superblacks“ und die Spirit of Ecstasy
Bevor es weitergeht, lohnt es sich, den klügsten Teil des Gehirns anzuschnallen – wir verlassen jetzt die Welt normaler Schwarztöne und betreten das Gebiet der „Superblacks“ (also Schwarztöne mit hemisphärischer Reflexion unter einem Prozent). Vantablack gehört dazu und hält sogar den Weltrekord als dunkelste menschengemachte Substanz.
Hergestellt wird es von einem Mann namens Ben … in einer kleinen Industrieeinheit neben einem Screwfix an Englands Südküste.
„Das Einzigartige an Vantablack ist, dass es deine Wahrnehmung verändert“, sagt Ben Jensen, Chief Technical Officer und Gründer von Surrey NanoSystems. „Durch den Einsatz von Carbon-Nanotubes [eine winzige, haarähnliche, zylindrische Kohlenstoffstruktur, 10-mal kleiner als ein Virus] wird Licht so absorbiert, dass die Reflexion aus allen Winkeln gleichmässig ist – dadurch wirkt es flach.“
Ganz einfach gesagt: Ein dreidimensionaler Gegenstand, der mit Vantablack beschichtet ist, scheint jede räumliche Tiefe zu verlieren. Der Effekt ist irritierend – die Augen werden dazu gebracht, 3D-Formen als zweidimensional zu lesen. Mehr noch: Wenn Vantablack neben einem „normalen“ Schwarz steht, wirkt das andere Schwarz, als würde es verschwinden.
In der Kunstwelt ist das Material hochumstritten, nicht zuletzt, weil Anish Kapoor exklusive künstlerische Nutzungsrechte daran erhielt – was viele verärgerte. Wieder ein Beleg dafür, wie sehr Schwarz fasziniert.
Um zu zeigen, was möglich ist, hat Bens hochintelligentes Team die weltweit einzige Vantablack-Spirit-of-Ecstasy geschaffen. Für den schwärzesten Rolls-Royce überhaupt ist das die perfekte Kirsche oben drauf: ein markantes, zurückhaltendes und scheues, einfarbiges „SCHAU MICH AN“-Emblem, das man in Wahrheit gar nicht sehen kann. Schwarz in seiner besten Form – am rebellischsten und am transgressivsten.
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