Vor genau 50 Jahren setzten Neil Armstrong und Buzz Aldrin als erste Menschen ihren Fuss auf den Mond. Schon bald werden weitere ihnen folgen, wenn wir eine Basis für spätere Missionen zum Mars aufbauen. Doch womit sind wir dort oben eigentlich unterwegs? Die Antwort lautet: mit dem Lunar Electric Rover, NASAs brandneuem Mond-Buggy. So war unsere Fahrt damit – damals, 2010 …
In zehn Jahren kehrt der Mensch auf den Mond zurück. Sonden und Satelliten haben geeignete Landeplätze längst sondiert. NASA arbeitet an den Raketen, die uns hinbringen sollen, und eine Reihe Astronautinnen und Astronauten steht bereit, um die nächsten Mondspaziergänge zu absolvieren. Die Raumanzüge sind bereits angepasst. Die historischen One-Liner werden geprobt. Alles wunderbar. Nur bleibt eine Frage: Womit fahren sie dort oben herum?
Unser erster Blick auf NASAs neue Räder – den Mond-Buggy fürs 21. Jahrhundert – war ausgerechnet bei der Amtseinführungsparade von Barack Obama. Das Fahrzeug huschte hinter ein paar wohlbeleibten Trompetern her, drehte eine Pirouette vor dem Präsidenten und schoss dann davon. Anschliessend ging es zurück nach Houston. Bevor es irgendwann in eine Rakete gepackt und Richtung Himmel geschickt wird, fragten wir, ob wir es fahren dürften. NASA sagte (unverständlicherweise) ja – also ab ins Flugzeug zum Johnson Space Center, der Heimat der Missionskontrolle und so etwas wie dem Herzen des amerikanischen Raumfahrtprogramms.
Text: Dan Read
Fotos: Anton Watts
Constellation und der Lunar Electric Rover: Mehr als nur ein Taxi
Das neue Fahrzeug – korrekt: Lunar Electric Rover – ist Teil von „Constellation“, jener Missionsserie, die wieder Menschen auf den Mond bringen soll, ob Mann oder Frau. Wie bei den späteren Apollo-Missionen in den 1970ern geht es dabei um harte Wissenschaft. Denn wenn man die Russen erst einmal zum Mond „geschlagen“ und eine Flagge in den Staub gesteckt hat, sollte man dort oben vielleicht auch etwas Sinnvolles tun. Die letzten drei Apollo-Flüge hatten bereits Fahrzeuge an Bord, damit Astronauten weit weg vom Landeplatz Gesteinsproben aus entlegenen Mondlandschaften einsammeln konnten.
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Das brachte uns enorm viel Wissen über den Mond – und bewies, wie wertvoll Fahrzeuge im All sein können. Trotzdem waren die frühen Mond-Buggys, wie es ein Apollo-11-Ingenieur formulierte, „nichts weiter als zusammenklappbare Golfkarts“. Das ist vielleicht etwas ungerecht, auch wenn sie tatsächlich aussahen wie etwas, das MacGyver aus Kaugummipapierchen und Büroklammern zusammengeschustert hätte. Der neue Rover spielt in einer anderen Liga.
Diesmal soll das Gefährt nicht nur Personen hin- und herbringen. Es ist zugleich Arbeitsmaschine – und Unterkunft. Constellation verfolgt das Ziel, Mondbasen als Sprungbrett für spätere Missionen zum Mars aufzubauen. Dafür müssen Stationen und Startplätze errichtet werden. Der neue Rover besitzt eine druckbeaufschlagte Kabine, in der Astronauten bis zu zwei Wochen leben können, während sie Standorte erkunden: mit Betten, Toilette und Dusche – wie eine kosmische Version eines Winnebago. Zusätzlich lässt er sich mit Pflügen und Schiebeschilden ausrüsten, die ihn in eine Art Bulldozer verwandeln, um Felsen wegzuräumen und Flächen für den Mondbau vorzubereiten.
Man kann sich fast eine Sci-Fi-Mondstadt ausmalen, die aus der Oberfläche wächst: silbrig glänzende Gebäude, Astronauten, die federnd zur Arbeit hopsen. Ein Ort, an dem wir alle Astronautennahrung durch Strohhalme schlürfen und vielleicht Clangers als Haustiere halten. Und wenn Richard Branson seinen Willen bekommt, könnte man womöglich sogar mit Virgin dorthin fliegen.
Fahrwerk und Antrieb: NASAs „goldener Wagen“
Unter der Winnebago-artigen Kabine steckt ein aussergewöhnlich leistungsfähiges Chassis, das die NASA-Leute „goldener Wagen“ nennen. Es hat 12 Räder, angeordnet in sechs Paaren – und jedes Rad lenkt und hat seinen eigenen Motor. Ergebnis: 12-Rad-Antrieb und Allradlenkung in einem. Jedes Radpaar besitzt eine eigene Federungseinheit, sodass es über Felsen klettern kann, während die Räder auf der anderen Seite in Mulden abtauchen. Wie eine Spinne, die sich über Steine tastet: einige Beine hoch aufgesetzt, andere weit nach unten gestreckt – während der Körper stabil und waagerecht bleibt. Genau richtig für eine mondtypisch von Brocken übersäte Oberfläche.
Und selbstverständlich fährt er elektrisch – denn in der Vakuumumgebung des Weltraums ist ein Verbrennungsmotor keine Option. Acht Batteriepakete sind im Boden des Chassis „eingesandwicht“ und liefern zusammen über 1.600 Nm Drehmoment. Das ist deutlich mehr als bei einem Bugatti Veyron – und für die Bulldozer-Arbeit auch zwingend nötig. Vollgas schafft der Rover rund 21 km/h, doch er ist klar auf Kraft statt Tempo übersetzt. Selbst unter hoher Belastung kommt er mit einer Ladung etwa 97 km weit – mehr als die Gesamtstrecke aller Apollo-Rover zusammen. Über den Mond verteilt sollen solarbetriebene Stationen stehen, die einen frischen Satz Akkupacks vorladen, sodass der Rover nur anhalten und die alten gegen neue tauschen muss.
Da fährst du also über den Mond, im T‑Shirt und in Shorts, hörst Ziggy Stardust, und schaust hinaus auf einen wunderschönen Erdaufgang
Der Rover selbst – und auch die Ausrüstung, um diese Ladestationen aufzubauen – wird mit einer eigenen Rakete ins All geschickt. Die Apollo-Buggys reisten damals noch Huckepack auf den Mondfähren, weil das Geld nicht reichte, Auto und Crew getrennt zu starten. Constellation soll zwei neue Ares-Raketen nutzen: eine für die Astronauten und eine für deren Ausrüstung. Beide Raumfahrzeuge treffen sich im All, bevor sie gemeinsam zum Mond hinuntergehen. Technisch ist das machbar – finanziell allerdings enorm. Kein Wunder also, dass man den Preis des neuen Rovers eher leise ausspricht: ungefähr sechs Millionen US‑Dollar. Entwicklungskosten sind dabei nicht einmal eingerechnet.
Im Rover: Einstieg, Bedienung und Fahren im „Mond-Felsgelände“
Mit diesem Wissen klettern wir durch die seitliche Luke und steigen ein. Gefahren wird im „lunar rockyard“ in Houston – einer surrealen, spektakulären Mondoberflächen-Kulisse mit steilen Kratern und rund 80 Prozent mehr Schwerkraft. Hier trainierten schon die Apollo-Astronauten das Fahren mit ihrem damaligen Fahrzeug.
Drinnen ist der Rover zweigeteilt. Vorne gibt es den Wohnbereich: karg, klinisch, wie der hintere Teil eines Rettungswagens – nur ohne den Rentner mit gebrochener Hüfte. Die klappbaren Liegen sind hart und aus Kunststoff, und stehen kann man gerade so, ohne ständig den Kopf einzuziehen. Daneben liegt der Fahrerbereich, der wegen der grossen Scheiben offen und hell wirkt – die Fenster erinnern an die Nase eines Lancaster-Bombers. Das Armaturenbrett besteht aus einem Block aus Bildschirmen; neben jedem Sitz sitzt ein Joystick. So kann links- oder rechtshändig gefahren werden – und grundsätzlich von beiden Seiten.
Man sitzt ganz vorne, noch vor der Vorderachse; der Grossteil des Fahrzeugs zieht sich hinter einem entlang. Unter dem Display drückt man eine Taste, um den Antrieb zu aktivieren, und schiebt den Joystick nach vorn, um loszurollen. Zunächst gibt es ein kurzes Rucken, wenn die Kraftübertragung einkuppelt, dann gleitet der Rover mit einem surrenden Geräusch los – wie ein elektrischer Milchwagen. Vorwärts und rückwärts ist so simpel wie Joystick schieben oder ziehen. Zum Lenken dreht man ihn, als wäre er eine Pfeffermühle. Und wenn man sich 90 Grad seitlich bewegen will, kippt man den Joystick nach links oder rechts: Dann lenkt das ganze Fahrzeug im „Krabbenmodus“ zur Seite – ideal, um an einer Ladestation anzudocken.
Die Traktion ist beeindruckend. Trotz des hohen Drehmoments und der Haftung rutscht er kein einziges Mal. Gleichzeitig ist es schwieriger als in einem normalen Auto, zu spüren, was direkt unter einem passiert: Die Räder sind weit hinten, und die Federung hält die Kabine auffallend waagerecht. Wenn man in einen Krater hinabfährt und sich in den Gurt presst, fühlt es sich an, als würde man gleich mit der Nase in den Boden stechen. Doch kurze Überhänge und viel Bodenfreiheit verhindern, dass man an Felsen schabt – und der Allradantrieb zieht das Fahrzeug ohne grosses Drama wieder hinauf. Was hier entstanden ist, ist der ultimative Geländewagen der Welt. Vielleicht der beste im Universum. Jedenfalls so lange, bis ET Kontakt aufnimmt und uns seinen zeigt.
In Tests in der Wüste von New Mexico liess NASA den Rover gegen zwei militärische Humvees antreten. Die Ingenieure berichten, nach ein paar Tagen seien die Armeefahrzeuge „völlig zerfetzt“ gewesen, während der Rover unbeirrt weiterfuhr. Der frühere Apollo-Astronaut und ursprüngliche Mondfahrer Harrison Schmitt probierte den Rover ebenfalls aus und war von den Fähigkeiten überwältigt – kurz bevor ein Ingenieur das Steuer übernahm und ihn mit einem hinterhältigen Krabbenlenk-Manöver beinahe über den Haufen fuhr. Im selben Test lebten zwei Astronauten zwei Wochen lang im Rover und vertrieben sich die Zeit mit DVDs und einer Stereoanlage – genau wie später auf dem Mond. Einen Tempomaten gibt es sogar auch.
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Da ist man also: Man rollt im eigenen Gefährt über den Mond, im T‑Shirt und in Shorts, während Ziggy Stardust aus den Lautsprechern dröhnt. Oder Brian Enos Apollo-Soundtrack füllt die Kabine, und draussen steht ein wunderschöner Erdaufgang im Fenster.
Während wir im grauen Felsgelände zwischen den vulkanischen Brocken herumflitzen, ist es schwer, sich vorzustellen, wie sich das Fahren auf dem Mond wirklich anfühlt. Nur sechs Männer haben es je erlebt. Am coolsten waren offenbar die Apollo-16-Astronauten Charlie Duke und John Young: Sie erzählten, dass sich der Buggy 1972 bei einem Sechstel der Erdanziehung leichtfüssig und „schwebend“ angefühlt habe. „Mann, das ist eine lustige Fahrt!“, sagte Duke, bevor er an Young übergab – für den „Lunar Grand Prix“, den Missionsabschnitt, in dem sie das Fahrverhalten testeten. Young gab kräftig Gas, und der Rover hüpfte aus Kratern heraus. „Der hat vielleicht noch zwei Räder am Boden!“, rief Duke nach Houston, „Da kommt eine riesige Staubfahne von allen vier Rädern hoch, und wenn er einlenkt, rutscht er. Mann, ich sag’s dir: Indy hat noch nie so einen Fahrer gesehen!“
Als der erste Buggy aus dem Falcon-Modul von Apollo 15 ausgeladen wurde, lief allerdings nicht alles glatt. Die Vorderradlenkung blockierte, und die Astronauten mussten mit einer nervösen, nur hinten lenkenden Maschine klarkommen – inklusive Powerslides. Damals nutzte man Drahtgeflecht-Räder, weil luftgefüllte Gummireifen viel zu schwer gewesen wären. Trotz Drift waren sie griffig, robust und praktisch nicht zu beschädigen. Beim neuen Rover denkt NASA über Michelins „Tweel“ nach – eine Mischung aus Rad und Reifen, bei der flexible Speichen eine nachgiebige Seitenwand ersetzen und einen äusseren Ring tragen. Wie beim Drahtgeflecht ist ein Platten ausgeschlossen; die Astronauten müssten also nicht anhalten, um Räder zu wechseln.
Wenn sie tatsächlich aussteigen müssen – um Proben zu sammeln und in diesem Jahrhundert erstmals wieder Stiefelabdrücke in den Mondstaub zu drücken –, verlassen sie die Kabine über eine Schleuse am Heck. Sie öffnen eine Tür und steigen direkt in ihre Raumanzüge, die hinten am Rover hängen wie schlaffe Schaufensterpuppen. Sitzt alles, schliesst sich die Tür und bildet eine Luftschleuse; dann wird der Anzug freigegeben, und der Astronaut kann seinen Mondspaziergang beginnen – und die Mondbasen genau dort errichten, wo sie hingehören. Ohne den Rover würde er nur in der Nähe des Landemoduls im Staub herumstapfen.
So unterschiedlich die Debatte auf der Erde auch ist – wenn Politiker, Klimaaktivisten und Untergangspropheten das Ende des Autos ausrufen –, im Weltraum läuft die Geschichte anders. Der Lunar Rover gilt als das Werkzeug, mit dem Astronauten weiter kommen und mehr schaffen: ein weiterer Schritt Richtung Mars, und ein Baustein, der den Lauf der Geschichte auf wirklich galaktischer Ebene mitprägt.
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