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Mercedes-AMG SL63 4MATIC gegen Porsche 911 GTS Cabrio und Bentley Continental GTC Speed im Vergleich

Roter Mercedes AMG Cabrio, grüner Bentley und weißer Porsche 911 als Ausstellungsfahrzeuge in Showroom.

Jeder traditionsreiche Autobauer hat ein Modell, das wie kein anderes für die Marke steht: ein Referenzprodukt, das sich mit der Zeit weiterentwickelt und trotzdem die Grundidee des Gründers nicht verliert. Ganz gleich, in welche Nischen ein Hersteller später vorstösst – solche Autos bleiben das Fundament der ursprünglichen Vision.

Bei Porsche ist es der 911. Bei Bentley der Continental. Für BMW ist es die 5er-Limousine. Ferrari übernimmt zwar selten Namen über Generationen hinweg, doch der 812 Superfast steht in einer Ahnenreihe, die über 550 und Daytona bis in die Ära des 250 zurückreicht. Diese Fahrzeuge tragen ein Stück der grossen Tage in sich.

Und Mercedes? In dieser Disziplin hat man fast schon zu viel Auswahl – schliesslich hat die Marke der Konkurrenz einen Vorsprung verschafft, indem sie das Auto überhaupt erst erfand. S-Klasse. G-Klasse. Und der SL. Ob Luxuslimousine, kerniger 4×4 oder sportlicher GT: Unter den grossen Klassikern findet sich immer ein alter Benz.

Genau deshalb umgibt die neue, siebte SL-Generation eine gewisse Verwirrung. Ist er heute ein Supersportwagen – oder immer noch der elegante Boulevard-Cabrio für Golfer? Ein hitziges Power-Car mit breiten Schultern oder doch eher eine offene S-Klasse? Darum stellen wir ihn zwischen zwei klare Eckpfeiler: einen 911 Cabriolet im Sweet Spot (der heckgetriebene GTS) und wahrscheinlich den besten Bentley, der je gebaut wurde – den GTC Speed. Also: den derzeit wohl komplettesten Sportwagen-Allrounder fürs Geld und einen der ganz grossen Grand Tourer überhaupt. Die Klammern sind gesetzt. Jetzt bleibt nur die Frage, wo der neue SL dazwischen wirklich landet.

Fotografie: Jonny Fleetwood

Um ihn beim vollen Namen zu nennen: Mercedes-AMG SL63 4MATIC. Schon diese Bezeichnung verrät, dass hier eine Richtung eingeschlagen wurde, die sich spürbar von einem halben Jahrhundert SL-Vorfahren entfernt – und auch ein anderes Publikum anpeilt. Allein das Auftreten: düster, zähnefletschend, tief geduckt. Daneben wirkt der 911 fast einfallsarm, und der Bentley hochbeinig und beleibt.

Trotzdem fehlt etwas, je länger man hinschaut, einmal herumläuft und den SL auf der Strasse verfolgt. Die Front könnte ebenso gut zu einem CLS oder CLA gehören. Hinten wirkt er ähnlich rundlich wie der Porsche – nur ohne die Ausrede eines Heckmotors. Schöner als die letzten SL-Generationen? Ohne Frage. Aber so richtig atemberaubend ist er nicht. Vielleicht liegt es auch am klischeehaften Audi-Grundiergrau des Lacks.

Technisch ist das Ganze nun ein AMG-eigenes Projekt – entwickelt und gebaut wie einst der AMG GT und der SLS mit Flügeltüren. Das ist kein Mercedes, der nachträglich „AMG-gewürzt“ wurde. AMG hat eine komplett neue Aluminium-Plattform vorgegeben, ausgelegt darauf, künftig ein neues GT-Zweitürer-Flaggschiff zu tragen.

Das Gerüst ist deutlich steifer und zugleich leichter als bei jedem SL davor. Und wie man sofort sieht: Das seit 2001 bekannte Klapp-Hardtop ist Geschichte, stattdessen kehrt ein Stoffverdeck zurück – leichter, einfacher zu verpacken.

Auch das SL63-Emblem ist wieder da. Dahinter steckt ein donnernder, knallender V8-Biturbo mit 577 PS. Sagen sie jedenfalls.

[Knoten:Feld_Karussell-Thema]

Aus dem Antritt heraus fühlt es sich eher nach 650, vielleicht 700 PS an, so gierig frisst sich der SL durch das kurz übersetzte Neungang-Getriebe und katapultiert einen mit einer gnadenlosen Effizienz nach vorn, die dem launischen AMG GT Roadster früher fremd war. Hier kommt der letzte Teil des sperrigen Namens ins Spiel: 4MATIC, also Allradantrieb. Der arbeitet bemerkenswert unauffällig, verteilt die Wut des Motors dorthin, wo sie hingehört, ohne dabei seine Rechenarbeit zu verraten. Du willst Tempo. Du rufst den Lärm ab. Die Traktionskontrollleuchte zuckt nicht einmal. Ein Hauch Turboloch – und dann: PENG. Schon bist du im Peak District.

Wobei: Ich bin eigentlich im Bentley hergefahren. Und das war grossartig – und teuer. Er thront selbstbewusst auf der Überholspur, frisst Kilometer, knetet meinen Rücken, während mich dieses dicke Stoffverdeck wie ein warmes Toupet einhüllt. Raus aus dem Windschatten der nächsten Kolonne schleichender Lkw – ah ja, Blitzer. Vom Gas zu gehen hilft wenig, wenn du die Trägheit eines Schnellzugs mitschleppst, passend zu diesem entfernten W12-Dröhnen, das an eine Deltic-Lok erinnert. Ja, mir ist die Ironie bewusst, in einem Auto namens „Speed“ wegen zu schnellen Fahrens erwischt zu werden. Zu meiner begrenzten Verteidigung: 129 km/h fühlen sich in so einem Wagen ungefähr so schnell an wie 933 km/h in einem Dreamliner.

Der Speed ist Top Gears liebster aktueller Bentley, weil er inzwischen neben erwarteter Opulenz und Komfort auch eine leicht verwegene, freche Seite hat. Die Mehrleistung an sich ist nebensächlich – entscheidend ist vielmehr das hintere Differential, das bereitwillig grosse Drehmomentpakete nach hinten schickt. Das Ergebnis: eine völlig überzogene, dabei erstaunlich gutmütige Fähigkeit, 2,3 Tonnen aus Stahl, Leder und Stein mit allen vier Rädern quer zu stellen. Ja, Stein. Dieser GTC hat das optionale Armaturenbrett mit Stein-Furnier. Als müsste sich dein Conti noch massiver anfühlen – jetzt flankiert rechts und links vom drehbaren Touchscreen praktisch eine Kirchenfassade. Herrlich albern und gleichzeitig ausgesprochen liebenswert.

Doch sobald es auf die schmalen A- und B-Strassen rund um den Fuss von Mam Tor geht, hält der Bentley die Sportwagen-Show nicht unbegrenzt durch. Ohne optionale Keramikbremsen wird das linke Pedal nach ein paar beherzten Verzögerungen unheimlich schwammig, und Bentley bekommt die Achillesferse dieses Autos nie ganz in den Griff: das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe. In den weniger drehmomentstarken V8-Versionen passt das, aber wenn es die grenzenlose Wucht des 6,0-Liter-Motors sortieren soll, geht die Höflichkeit verloren: erst zögern, dann raten, dann hart einrasten. Der angenehmste „Tritt“ in den Rücken kommt im Conti am Ende eher von der Massagefunktion „Wave“. Oder war es „Pulse“?

Nein: Wenn du ein Cabrio mit brauchbarem Kofferraum willst, das wirklich um Kurven kann, dann brauchst du einen echten Sportwagen. Den Porsche. Natürlich. Wie oft ist dieser Satz in Vergleichstests schon geschrieben worden? Umso spannender ist es, dass AMG den neuen SL so entschieden in Richtung Sportlichkeit geschoben hat. Er steht straffer als der 911 da, erreicht aber nicht dessen perfekte Kontrolle über Karosserie und Räder. Die Lenkung ist schneller als beim Porsche, liefert jedoch nichts von dessen Rückmeldung oder Souveränität. Und der 911 hat sogar die Frechheit, ohne Allrad auszukommen – und trotzdem bleibt mehr als genug Traktion übrig. Wenn man ihn dann doch in Grenzbereiche bringt, bleibt er wunderbar vorhersehbar. Klar, ein wirklich passender SL63-Gegner wäre der allradgetriebene 911 Turbo. Aber hier geht es nicht um direkte Gegner, sondern um die beiden Eckpunkte. Der GTS ist wieder so ein 911, der mit weniger mehr macht. Du findest kaum ein Auto, das so kompromisslos komplett wirkt. Und selbst als Cabriolet ist er überzeugend – besonders, wenn der elektrische Windabweiser hochfährt.

Wenn ein 911 in der Gegend ist und überall nervtötend hervorragend funktioniert, wirken manche Entscheidungen beim SL unter Druck plötzlich weniger überzeugend. Nehmen wir die Raumaufteilung: Mercedes hat den SL sehr bewusst in einen kompromisslosen Sportwagen umformen wollen – und hat dann dennoch als Alibi hinten zwei Sitze hineingepackt, die genauso eng ausfallen wie beim 911.

Vorn dagegen bleiben es echte Sessel: Sie massieren den verkrampften Rücken, während man dahingleitet, und blasen wohlig warme Luft in den Nacken. Es gibt also weiterhin Hinweise darauf, dass dieses Auto auch ein grosser, flauschiger Wollpullover sein will – für Menschen, die gern grosse Wollpullover tragen.

Aber: Niemand, der älter als 15 ist, hat auch nur den Hauch einer Chance, dieses katastrophal unhilfreiche Interieur sinnvoll zu bedienen. Es fühlt sich an wie eine Best-of-Sammlung all dessen, was wir an modernen Cockpits nicht ausstehen können. Fummelige, berührungsempfindliche Flächen am Dreispeichenlenkrad? Vorhanden. Zentrale Funktionen auf einen ständig verschmierten Berührbildschirm verbannt? Aber ja. Mehr Ambiente-Lichtprogramme als wirklich nützliche Bedienideen? Ebenfalls.

Allein die Tatsache, dass Mercedes den Bildschirm motorisiert hat, damit er je nach Sonnenstand den Winkel verändert, hätte in der Zentrale als Warnsignal gelten müssen: Man konstruiert sich aus einer Gestaltungs-Sackgasse heraus. Selbst an einem frischen Wintertag wird das Display unangenehm heiss – diese Prozessoren arbeiten ziemlich hart an Aufgaben, die ein Knopf besser lösen würde.

Und dann ist da noch das Fahrer-Display hinterm Lenkrad: acht verschiedene Ansichten zur Auswahl. Dazu oben sieben Varianten eines Projektionsdisplays. Das ist verwirrend komplex – und macht den SL innen ausgerechnet billig. Statt gerändelter Metallschalter gibt es glühend heisse Pixel.

„Es wäre schön, wenn sich der Innenraum nicht wie ein Escape Room anfühlen würde“

Sogar das Öffnen des Stoffverdecks erledigt man über eine „Zum-Entsperren-wischen“-Spielerei auf dem Berührbildschirm. Wenn die Hand beim Fahren kurz abgelenkt wird, stoppt der Vorgang. Nach zwei Tagen habe ich zufällig herausgefunden, dass man die Dachfunktion auch doppelt drücken und gedrückt halten kann, damit das Dach fährt. Findet der 11,9-Zoll-Bildschirm Platz, um diesen Trick zu erklären? Tut er nicht.

Ja, vieles stammt im Grundsatz aus der S-Klasse. Nur ist eine S-Klasse ein gelassener Luxusgleiter. Der SL63 dagegen ist ein Geschoss. Wenn du fast 600 PS und 600 lb ft (rund 813 Nm) Drehmoment abrufen kannst, eine Ferrari-schnelle Lenkung in den Händen hältst und ein beunruhigend straffes Fahrwerk unter dir arbeitet, wäre es angenehm, wenn das Cockpit nicht wie ein Escape Room aufgebaut wäre – voller Rätsel, kalkulierter Frustrationen und fieser Sackgassen.

Als GT taugt er ohnehin nicht: Von den breiten Reifen dringt deutlich mehr Abrollgeräusch herein, und das Stoffverdeck isoliert nicht so gut wie das dicke Bentley-Toupet. Zum entspannten Cruiser fehlt ihm wiederum Nachgiebigkeit. Es wirkt fast so, als wäre AMG so stolz auf die Steifigkeit der neuen Aluminium-Struktur, dass man demonstrieren wollte, wie stramm sich das Auto dadurch abstimmen lässt.

Selbst im Komfortmodus wirkt der SL63 nervös, und wenn man über Sport zu Sport Plus hochschaltet, fühlt es sich an, als würde Schnellbeton in die Dämpfer gegossen. AMG führt hier ein neues System ohne klassische Stabilisatoren ein – im McLaren-Stil, mit hydraulisch gekreuzten Leitungen, die Kontrolle und Abstützung bringen sollen und zugleich einen geschmeidigeren Abrollkomfort versprechen. In der Praxis bleibt der SL unruhig und fahrig. Und wenn dazu eine ultradirekte Handgelenk-Lenkung ohne Gefühl und Rückmeldung kommt, verstärkt das nur den Eindruck, dass die Strasse das Auto schubst – statt dass es mit ihr atmet.

Damit ist er zu hektisch für den langen Grand-Tourer-Schritt, zu unverbunden, um als 911-Konkurrent durchzugehen, und zu kompliziert, um von irgendjemandem intuitiv bedient zu werden. Vom Charakter her liegt er damit ironischerweise gar nicht so weit weg vom alten AMG GT.

Vielleicht sollte man den SL einfach als Nachfolger des lärmigen AMG GT Roadster sehen. In Ordnung, verstanden. Nur: Warum nennt man ihn dann SL? Damit lädt man Geschichte und Erwartungen auf, zu denen dieses Auto kaum passt.

Also gewinnt der 911. Ja – nur ist es nicht ganz so simpel. Er fährt hier mit Abstand am besten. Dafür hat er nicht den besten Klang (Mercedes) und nicht den geräumigsten oder prunkvollsten Innenraum (Bentley). Wenn du ein Auto suchst, das jede Fahrt wie einen Staatsbesuch wirken lässt, dann ist der Continental rollende Pracht.

Der SL liegt auf der Skala näher am 911, verliert aber gegen den deutlich günstigeren Porsche als Fahrerauto – und als Stück gesunden Menschenverstands. Am Ende zeigt er vor allem eines: Eine Ikone für ein neues Publikum neu zu erfinden, ist verdammt schwierig.

URTEIL

1: Porsche 911 GTS Cabrio [9/10]

Das unauffälligste Auto für die Blicke anderer, aber ein brillanter Allrounder. Sogar ziemlich gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

2: Bentley Continental GTC Speed [8/10]

Vom trägen Getriebe ausgebremst, aber was für eine Art zu reisen. Der einzige echte Viersitzer hier

3: Mercedes-AMG SL63 [6/10]

Ein zwiespältiger Wurf: grandioser Antrieb trifft auf unbeholfenes Fahrwerk und grausiges Interieur

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