Das Ende der Automessen
Die Automesse ist tot. Schon vor der Pandemie stand sie schwankend auf den Beinen und hustete Blut, doch der Lockdown lieferte den Herstellern eine willkommene Fallstudie zum Sparen: Macht es überhaupt einen spürbaren Unterschied, ob man Millionen in einen Messestand steckt, ihn mit grinsenden Hostessen und Hosts in identischen Outfits bestückt und auf drehenden Tellern die neuesten Serienmodelle präsentiert? Verkauft man dadurch wirklich mehr Neuwagen – oder sammelt wenigstens mehr Klicks auf der eigenen Website?
Die Antwort scheint „nein“ zu lauten, und vielerorts wird den Messen schlicht der Stecker gezogen. Genf ausgenommen. Das findet inzwischen in Katar statt – denn die einzige Möglichkeit, eine Veranstaltung noch weniger würdevoll wirken zu lassen, als sie ganz sein zu lassen, ist, sie mit einem Menschenrechts-Eklat zu garnieren.
[KARUSSELL: Themenbereich]
Fotografie: Mark Riccioni
Hyundai N Vision 74: Konzeptauto mit Bühne – auch ohne Messehalle
Eigentlich müsste man erwarten, dass damit auch das Konzeptauto als Idee leise zu Grabe getragen wird. Doch nur weil eine einmalige Designstudie keine rotierende Bühne mehr hat, heisst das nicht, dass sie keine Fantasie mehr beflügeln kann. Im vergangenen Jahr hat das kein Fahrzeug eindrücklicher geschafft als der spektakuläre Hyundai N Vision 74.
Während BMW seinen selbstsabotierenden „Stoppt mich, bevor ich wieder designe“-Feldzug fortsetzt, hat Hyundais Zeichenstift-Abteilung hörbar Blut geleckt. An der Spitze steht SangYup Lee: in Seoul geboren, früher bei Bentley und GM, und seit Jahren der Mann hinter dem Ioniq 5 als Schrägheck, dem stromlinienförmigen Ioniq 6, dem Tucson-SUV – kurz: praktisch jedem besonders gut aussehenden Hyundai seit 2016.
Er führt mich um ein statisches Modell des 74 herum. Wir sind in den grünen Hügeln Nordwestdeutschlands am Bilster Berg, einem Rennstrecken-Resort mit einer furchteinflössenden Privatstrecke, gebaut auf dem Gelände eines ehemaligen britischen Munitionsdepots aus dem Kalten Krieg. Der N Vision 74 ist dabei nicht wie viele frühere Messe-„Starlets“ bloss ein Standbild: Er fährt – und er fährt schnell. Bevor ich diese Miniatur-Ausgabe des Nürburgrings in einem unbezahlbaren Einzelstück in Angriff nehmen darf, erklärt SangYup, woher diese düster-schöne Kreation überhaupt kommt.
„Es ist eine unglaubliche Reise, die Hyundai in den letzten 50 Jahren zurückgelegt hat“, beginnt er, leise und mit sorgfältig abgewogenen Worten. „Die meisten grossen OEMs haben ungefähr 100 Jahre Geschichte, aber Hyundai gibt es erst seit der Hälfte dieser Zeit. Trotzdem hat das Unternehmen eine schöne Historie.“
Das Pony Coupé (1974) und Giorgetto Giugiaro als Vorlage
Auf genau diese Historie spielt der N Vision 74 an – mit einem Konzeptauto namens Pony Coupé, einem kantigen Zweitürer-Traum, der für den Turiner Autosalon 1974 entworfen wurde. Hyundai holte sich dafür Giorgetto Giugiaro ins Boot, um eine normale Pony-Limousinen-Bodengruppe mit einer Karosserie zu bekleiden, die Hyundais Flagge auf der Landkarte des Designs platzieren sollte.
„Giugiaro hat das Hyundai-Management überzeugt, dass man für eine Automesse ein elegantes Coupé braucht“, sagt SangYup. „Damals hatte Korea eine sehr schlechte Strassen- und Autobahn-Infrastruktur, aber der Firmengründer wollte immer ein Performance-Auto bauen. Das ist eine starke Geschichte. Sie wollten den Pony in die Serie bringen, aber der Traum hat sich nicht erfüllt. Jetzt haben wir das Design und die Technologie, um dieses Auto zu machen.“
Was der N Vision 74 so geschickt beherrscht: Er zitiert mit seiner Form ein „Was-wäre-wenn“-Kapitel aus Hyundais Vergangenheit und trägt gleichzeitig Ideen für künftige Hochleistungsantriebe nach aussen. Die Ingenieurinnen und Ingenieure nennen so etwas ein „rollendes Labor“. Während er um das Auto geht, fällt immer wieder das Wort Leidenschaft; dabei zeigt er Details wie das zurückhaltende Emblem („Wir müssen nicht schreien“) und die Pixel-LED-Lichtsignatur („Eine Hyundai-Signatur – wir machen kein Matrjoschka-Design wie die meisten grossen Autokonzerne. Wir wollen ein Schachspiel bauen, bei dem jedes Auto seine eigene Rolle hat, aber klar ist, dass alle aus demselben Team kommen“).
Ich gebe zu, dass ich vom Pony vor dem Erscheinen des N Vision 74 kaum etwas gehört hatte – obwohl dieser Wagen nicht nur auf seinen geistigen Vater verweist, sondern auch auf weitere Klassiker des späten 20. Jahrhunderts. SangYup lächelt, öffnet auf seinem Handy eine Galerie mit Skizzen aus dem Jahr 2016 und zeigt damit, wie lange diese Idee bereits reift.
„Nicht viele Menschen kennen das Pony Coupé, aber Giugiaros Entwürfe kennt man weltweit: den DeLorean, den BMW M1, den Lotus Esprit – er ist ein Meister des Designs. Gen Z kennt diese Geschichte nicht, aber sie sehen darin das ultimative Cyberpunk-Design. Das gefällt mir – es ist zeitgenössisch, mit einer Cyberpunk-Strategie.“
Der Verweis auf den DeLorean ist dabei entscheidend. Denn in einer alternativen Realität wäre Hyundais erster Sportwagen – und nicht der zum Scheitern verurteilte amerikanisch-irische Flügeltürer – zum Star einer der grössten Filmreihen der Achtziger geworden. „Giugiaro gibt zu, dass der Pony den DeLorean ziemlich stark beeinflusst hat – er hat diese Anklänge beibehalten, als Hyundai den Pony nicht gebaut hat. Wenn es keinen Pony gegeben hätte, hätte es keinen DeLorean gegeben, vielleicht kein Zurück in die Zukunft.“ Großer Scott.
„Rolling Lab“ statt Retro: Stolz, Technologie und Emotion
Trotz der versiegelten Heckscheibe, der Aerofan-Felgen und des halbmatten, an Edelstahl erinnernden Lacks ist das hier ausdrücklich keine Nostalgie-Übung. Als ich den Begriff „retro“ im Zusammenhang mit seinem geflügelten Baby zu locker verwende, reagiert SangYup spürbar reserviert.
Für ihn ist der N Vision 74 vielmehr ein Objekt nationalen Stolzes – die Essenz eines Landes, das sich vom aufstrebenden Autobaumehr-oder-weniger-Anwärter zum Design-Taktgeber entwickelt hat. „Ich habe Tränen in den Augen von Menschen in Korea gesehen, als wir dieses Auto enthüllt haben. Das ist ihre Kultur. Und seien wir ehrlich: Vor 10–15 Jahren war ein Hyundai ein Auto, das man mit dem Kopf gekauft hat, nicht mit dem Herzen“, sagt er. „Wir versuchen nicht nur, eine Automarke zu schaffen – wir wollen Fans aufbauen.“
Eine Frage lässt mich nicht los: Gab es nicht Druck, Hyundais Wasserstoff-Hybrid-Technik lieber mit einem SUV zu demonstrieren statt mit einem Coupé? Sportwagen spielen heute doch oft nur noch eine Nebenrolle; überall wird nach oben gebaut, nicht nach unten.
„Der Grund ist, dass ein Auto immer noch ein emotionales Produkt ist“, entgegnet SangYup mit sichtlicher Überzeugung. „Es ist die zweitteuerste Anschaffung, die wir je machen, und wir wollten den emotionalen Wert erhöhen. Sportwagen werden nie aus der Mode kommen, weil ein Coupé Emotionen wirksamer liefert als jedes andere Auto. Der Sportwagen wird nie sterben.“
Der N Vision 74 brauchte keine Messehalle, um zu glänzen. Sein digitaler Launch liess weltweit Kinnladen auf Tastaturen fallen – und zeigt die sympathisch bescheidene Selbstsicherheit, die die koreanischen Hersteller gerade ausstrahlen, während die verunsicherte europäische alte Garde hektisch um Relevanz ringt. In mehr als einer Hinsicht ist er ein echter Showstopper.
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