Zum Inhalt springen

Metaverse vs. Realität: Chris Ashton baut Ruffian Mustang und Superformance GT40 MkI

Zwei Sportwagen auf einem sonnenbeschienenen Landstraßenparkplatz vor hügeliger Landschaft.

Metaverse: Zukunftsversprechen, Gegenwart und ein Hauch von Black Mirror

Das Metaverse: ein Begriff, der gerade bei praktisch allen Menschen in der Tech-Welt ganz vorne auf der Zunge liegt – und angeblich unsere Zukunft beschreibt. Eine Zukunft, in der wir unseren Alltag nicht mehr in der „realen Realität“ verbringen, sondern im Internet leben: Tag für Tag, Tätigkeit für Tätigkeit, in Augmented Reality.

Klingt nach einer beunruhigenden Folge von Black Mirror, oder? Nach etwas, das nie wirklich passieren wird. Und doch: Wenn man ehrlich ist, ist es bereits da.

Im vergangenen Jahr etwa kündigten Menschen auf den Philippinen ihre Jobs in der physischen Welt, um stattdessen auf Axie Infinity zu arbeiten – einem Online-Spiel auf Blockchain-Basis, in dem Spielende Token verdienen und in Landeswährung auszahlen lassen können. Plötzlich war es lukrativer, digitale Haustiere zu handeln oder als Drachen-Schmied beziehungsweise Einhorn-Friseur zu „arbeiten“, als einem klassischen Beruf im „echten“ Universum nachzugehen.

Chris Ashton (Turtle Rock Studios) und die Sehnsucht nach Handarbeit

Doch unser Kopf – und ebenso Körper und Seele – verlangt nach Greifbarkeit und Kreativität: nach etwas, das die linke Gehirnhälfte kitzelt, während wir die Werkzeuge nutzen, die nun einmal an unseren Armen enden. Kaum jemand dürfte das so klar verinnerlicht haben wie Chris Ashton, Co-Gründer und Design Director von Turtle Rock Studios.

Bilder: Mark Riccioni

In einer schummrig beleuchteten Garage irgendwo im Schatten von Orange County, Kalifornien, wirkt Ashton mit seiner schmalen Statur und dem blassen Teint ein bisschen wie ein Gamer mit Vitamin-D-Mangel. Was auch nicht wundert: Sein Leben spielte sich lange im Digitalen ab – als Mitgestalter ikonischer Ego-Shooter wie Counter-Strike, Left 4 Dead und Back 4 Blood. An diesem Abend sitzt er allerdings nicht vor einem Rechner. Stattdessen steht er an einem herrlich analogen, geradezu simplen Werkzeug: dem Englischen Rad.

„Hier komme ich runter“, sagt Chris, während er dickes Blech vor und zurück führt, bis es eine angenehm gleichmässige Wölbung bekommt. „Als Menschen müssen wir unsere Hände benutzen. Wir wollen von Natur aus Dinge erschaffen. Aber durch Automatisierung und Digitalisierung machen wir automatisch weniger davon – und genau deshalb gibt mir das hier so viel.“

Vor der Garage parkt das Ergebnis unzähliger Stunden am Englischen Rad und mit dem Planierschlaghammer: ein 1970er Mustang Fastback in einem köstlichen Zuckerschoten-Grün (Mangetout). Entworfen, gebaut und von Hand geformt – im Grunde mit nichts ausser Geduld, Neugier und einer Handvoll YouTube-Videos.

„Ich hatte das Glück, mit einer Softwarefirma gutes Geld zu verdienen. Ich hatte auch viele Autos – Lamborghini Gallardo Performante, McLaren 720S, BAC Mono, AMG GT R, C6 Corvette ZR1 und einen 1969 Superbee, um nur ein paar zu nennen. Irgendwann war ich aber an dem Punkt, an dem ich keine Autos mehr kaufen wollte – ich wollte Autos bauen. Nicht zum Verkaufen. Einfach etwas, das ich geniessen kann und das wirklich mir gehört.“

[node:field_karussell-themed]

Der „Ruffian“ Mustang Fastback: Trans-Am-Geist, aber alltagstauglich

Genau hier kommt der Mustang ins Spiel. Chris war besessen von Siebziger-Mustangs und von den machohaften Trans-Am-Rennwagen jener Zeit – und er wollte sich einen Oldschool-Racer für die Strasse bauen. Allerdings mit einer zentralen Einschränkung: Das Ding musste funktionieren. Aus dieser Idee entstand ein Stil, den er „Ruffian“ nennt.

„Ich hatte wirklich überhaupt keine Erfahrung im Autobau“, sagt Chris und lacht, als hätte ihn das klassische Hochstapler-Syndrom kurz am Kragen. „Klar, ich habe als Teenager immer an meinem eigenen Kram geschraubt – so wie jeder typische Schrauber, der Schrottkarren kauft und irgendwie herausfindet, wie sie weiterlaufen, wenn sie zwangsläufig kaputtgehen. Mit dem Älterwerden kamen dann bessere Jobs – und damit schönere Autos. Autos, die ich schneller machen wollte. Und als das Geschäft gut lief, konnte ich mir mehr Werkzeuge leisten. So bin ich in die Fertigung reingerutscht.“

Weil er seit über 25 Jahren begeisterter Autocrosser ist – also in einer vergleichsweise günstigen Grassroots-Disziplin um Pylonen auf Parkplätzen auf Zeit fährt – sollte sein Mustang auch gegen die Uhr bestehen. Und deshalb bestimmten ausnahmsweise die Reifen das gesamte Projekt. Autocross ist eher langsam, dafür dreht sich alles um Querbeschleunigung und Grip. Chris’ Antwort: maximal viel Gummi. Vorne 315 mm, hinten 345 mm – jeweils auf extrem klebrigen Toyo R888R Track-Reifen.

Um diese Dimensionen unterzubringen, formte er die Kotflügelverbreiterungen aus Stahl komplett von Hand: 3 Zoll, also 7,62 cm, zusätzliche Breite. Und genau diese Haltung lässt den Mustang gleichzeitig brutal gut aussehen – wie ein echter alter Trans-Am-Renner.

Chris ging noch einen Schritt weiter. Beim Studium alter Trans-Am-Geschichten fiel ihm auf, wie gnadenlos Teams damals Regeln ausreizten – und sie teils ziemlich offen brachen –, um Vorteile zu bekommen. Bei einigen Renn-Mustangs wurden vorne Teile aus den Federbeindomen herausgetrennt, um die Front um 1 Zoll (2,54 cm) abzusenken: besseres Einlenken, und optisch wirkt die Nase aggressiver, weil sie nicht „gerade“ steht, sondern leicht nach unten zeigt. Also machte Chris es genauso.

Damit war zugleich festgelegt, welcher Motor überhaupt hineinpasste (Blue-Oval-Puristen schauen jetzt besser weg): ein vergaserbestückter LS427 – ein 7,0-Liter-Biest mit Aluminiumblock von GM, das heute 625 bhp (ca. 634 PS) und rund 560 lb ft (ca. 759 Nm) liefert.

[node:fieldinlinegalerien-themed-delta:0]

Wer um das Auto herumläuft, bleibt an Dutzenden Details hängen, bei denen konsequent die Funktion die Form treibt. Zum Beispiel die adaptierten hinteren Kotflügel-„Scoops“ aus dem ’69er, dazu Luftschlitze (Louvres) in den vorderen Kotflügeln, um die Wärme besser abzuführen. Oder die tatsächlich nutzbaren Öffnungen vorne, links und rechts neben den Scheinwerfern. Oder die schwenkbare Strebe im kompletten Überrollkäfig, die Ein- und Aussteigen erleichtert. Und trotzdem kontert er das Technische mit zeittypischen Feinheiten, die dem Ganzen Glaubwürdigkeit geben.

Dass der Ruffian Mustang in sozialen Medien Wellen schlug, überrascht nicht: NBA-Spieler, Rapper und Scheichs mit tiefen Taschen landeten in Chris’ DMs und wollten das Auto kaufen. Doch nach drei vollen Lebensjahren, die in dieses Projekt geflossen waren, kam ein Verkauf für ihn nicht infrage. Im Gegenteil – er wollte mehr. Also stellte er sich einen Superformance GT40 MkI in die Garage und begann, den nächsten Ruffian aufzubauen.

Ruffian Superformance GT40 MkI: moderne Methoden statt Englischem Rad

Wie man sieht, ist das Ergebnis ziemlich wild: ein überzeichnetes Widebody-Geschoss, ein pseudo-cyberpunkiger Rennschuh, der ebenso gut ans Set von Mad Max passen könnte – oder ins Metaverse. Doch wie beim Mustang gilt: Das hier ist nicht Show, sondern funktional. Und anders als das Metaverse ist es vor allem eins: echt.

Während beim Mustang analoge Techniken und altes Wissen dominierten, ist der GT40 ein anderes Kaliber. Er basiert auf moderner Methodik und zeitgemässen Komponenten. Weil die Karosserie aus Fiberglas besteht, gab es keine quälend langen Schichten am Englischen Rad, um Bleche zu formen. Stattdessen vergingen Nächte damit, Carbon-Formen herzustellen – unterstützt von Concept Artists, die Chris über Instagram fand.

Und ja: Photoshop ist, bei allen Schwächen, in den richtigen Händen ein starkes Werkzeug. Es ermöglicht, die Pole eines Sixties-Rennwagens mit neuen Trends und Visionen zu verschmelzen – und dabei etwas vollständig Eigenes zu schaffen, ohne das Original schlecht aussehen zu lassen.

Natürlich zieht sich Chris’ Handwerk, sein Einsatz und seine geradezu kranke Besessenheit durch das gesamte Auto. Am Ford Racing 52XS V8 (580 bhp, ca. 588 PS, und 445 lb ft, ca. 603 Nm) hängen Fächerkrümmer und eine handgefertigte, gleichlange „Oktopus“-Auspuffanlage. Das ist ein majestätischer, medusenartiger Zopf aus Metall – optisch ein Highlight und akustisch die perfekte Verstärkung eines klassischen Americana-Sounds.

Auch die Scheinwerfer sind Chris’ ganz eigener Wahnsinn. Weil ihn kein fertiges Design überzeugte, kaufte er für viel Geld einen Hand-3D-Scanner, um den Scheinwerfertopf exakt zu vermessen. Diese Daten speiste er in den Computer, konstruierte seine eigene Signatur-Lösung und druckte sie per 3D-Druck – mit einer Lampe von Harley-Davidson als Basis. Am Ende steckte er in dieses eine Bauteil mehr Stunden als in die gesamte Mustang-Karosserie. Das sagt eigentlich alles.

Was beide Autos verbindet, ist eine unfassbar coole, selbstgebraute Ästhetik: vom Rennsport inspiriert, aber so umgesetzt, dass sie auf der Strasse funktioniert. Die Autocross-DNA und die riesigen Reifen stempeln den visuellen „Ruffian“-Look erst so richtig ab. Und was kommt als Nächstes? Acht weitere rennfertige Strassen-Ruffians – alle unterschiedlich und nicht zu verkaufen. Den Anfang macht ein ’64 Ford Galaxie, gedacht für grosse Strecken, mit versteckter Aerodynamik und – natürlich – völlig absurden 335er-Reifen rundum. Bevor wir uns also irgendwann ins Metaverse einstöpseln, lohnt es sich, kurz das Hier und Jetzt zu feiern.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen